Die Deutschen sind weltweit am empfindlichsten, wenn es um ihre Privatsphäre geht – aber sie sind auch am neugierigsten, wenn sie dem Nachbarn in den Garten schauen können. Am vergangenen Donnerstag, als Google Street View online ging , stieg der Datenverkehr der Website auf das Vierfache. In keinem anderen Land der Welt gab es bei der Einführung des Fotodienstes einen derartigen Ansturm, teilte Google mit.

In keinem Land hatte es aber auch vorher die Möglichkeit gegeben, das eigene Haus oder das Haus, in dem man als Mieter wohnt, unkenntlich machen zu lassen . Von dem Recht haben 244.000 Bürger Gebrauch gemacht, knapp drei Prozent der Haushalte in den 20 betroffenen Städten. Schon ein einziger aufmüpfiger Mieter in einem Hochhaus reichte, um das ganze Gebäude verpixeln zu lassen.

Und so sind manche Straßenzüge in deutschen Großstädten nun mit einem tristen Schleier überzogen. Auch der Autor dieses Artikels steuerte, wie wohl fast jeder User, zunächst einmal das eigene Heim an – es war nur ein milchiger Fleck. Wer hatte bei Google sein Veto eingelegt? Das Pärchen aus dem Erdgeschoss oder die Familie im Souterrain? Oder war es die Hausbesitzerin, die in einer fernen Stadt wohnt? Der nächste virtuelle Trip führte in eine Wohnstraße im schönen Hamburg-Eppendorf, wo der Autor bis vor einigen Jahren wohnte – man blickt auf die Straße wie durch eine beschlagene Milchglasscheibe, fast alle Häuser sind verpixelt.

»Deutschland, was hast du getan?«, fragte der amerikanische Netzaktivist Jeff Jarvis auf ZEIT ONLINE . »Du hast deine Städte entweiht.« Auf Twitter tauschen sich entsetzte Zeitgenossen unter dem Kürzel »blurmany« über die verschleierten Straßenzüge der Republik aus. Insbesondere fragen sich viele: Wer hat mein Haus verhüllt? Und wie kann ich es wieder »entpixeln«?

Oft waren es nicht einmal die Betroffenen selbst, die den Verhüllungsantrag bei Google gestellt haben. Während bei Mietern durch einen echten Postbrief kontrolliert wurde, ob sie auch tatsächlich an der angegebenen Adresse wohnten, konnten die eigens eingestellten 200 Google-Mitarbeiter nicht jeden angeblichen Hausbesitzer im Grundbuch nachschlagen. Im Prinzip konnte (und kann) jeder jedes Haus in Deutschland verschleiern lassen. So wurde zum Beispiel das Hauptquartier der Grünen in Berlin unkenntlich gemacht, obwohl die Partei das gar nicht beantragt hatte . Lediglich bei offensichtlichen Fällen wie dem Kölner Dom hätte man von der Verpixelung abgesehen, sagt Google. Und natürlich verrät die Firma keinem Betroffenen, wer sein Haus hat verunstalten lassen. Datenschutz!

Bei Facebook gründete sich schon wenige Stunden nach der Freischaltung von Street View die Gruppe »Ungewollt verpixelt«, in der sich User gegenseitig ihr Leid klagen und über Gegenmaßnahmen nachdenken. Darf ich die Miete mindern, weil der Vermieter meine »digitale Reputation« vermindert hat? Ist nun die Einbruchsgefahr größer, weil Diebe hinter dem Schleier wertvolle Beute vermuten? Vor allem aber: Kriegt man die Verpixelung wieder weg?

Von Google ist zunächst mal keine Hilfe zu erwarten. Der deutsche Sprecher der Firma, Kay Oberbeck, erklärte per Twitter : »Viele Nutzer bitten uns, dass ihre Häuser wieder in Street View erkennbar gemacht werden. Geht wg. Rohdaten-Löschung leider nicht.« Die 140-Zeichen-Beschränkung von Twitter hätte ihm noch erlaubt, ein schadenfrohes »Ätsch!« anzufügen – aber darauf hat er verzichtet.