Es gibt allerdings zumindest Umwege, um ein Haus wieder sichtbar zu machen. Über den Dienst Panoramio , der zu Google gehört, können User Fotos hochladen, die dann in Google Earth und Street View angezeigt werden. Teilweise werden diese Bilder sogar nahtlos ins Street-View-Panorama eingefügt. Für gepixelte Häuser stellt Google diese Technik aber ab, um nicht allzu offensichtlich die eigene Sperrung zu untergraben. Ein kleines Foto oben rechts im Fenster zeigt dem Nutzer, dass Fotos an dieser Stelle verfügbar sind.

Und so beginnen die Menschen, die Lücken von Street View zu füllen. Manche fotografieren nur das eigene Haus, andere fühlen sich berufen, das ganze Land vom Schleier zu befreien. Auf Websites wie findedaspixel.de kann man unkenntliche Häuser melden, selbst ernannte Datenbefreier können dann die Liste abarbeiten.

Nun mag es nicht gerade die feine Art sein, gegen den erklärten Willen der Bewohner die Google-Pixel zu umgehen – aber wie sieht die Sache rechtlich aus? »Wir entfernen die Bilder aus Panoramio nicht, weil das Zensur wäre«, sagt die Google-Sprecherin Lena Wagner. Da die Quelle der Bilder immer angegeben werde, sollten sich die Nutzer doch bitte untereinander einigen.

Verärgerte Bürger müssten sich also mit dem Fotografen auseinandersetzen – mit wenig Aussicht auf Erfolg. Es ist nun einmal nicht verboten, Fotos von öffentlich sichtbaren Hausfassaden zu machen, »Panoramafreiheit« nennt sich dieses Recht. Und dass Google über eigene Dienste wie Panoramio oder Picasa sozusagen eine Hintertür zu Street View öffnet, kann man rechtlich auch kaum beanstanden – die gesamte Pixelei war ja eine freiwillige Reaktion des Internet-Konzerns auf die Proteste, juristisch war Street View ohnehin nie anfechtbar.

Und so liegt es auch vollständig in Googles Hand, wie in Zukunft mit den verhüllten Fassaden verfahren wird. Kurzfristig lässt sich die Verpixelung nicht aufheben, die Originalfotos sind unwiderruflich gelöscht, sagt die Firma – auch wenn man kaum glauben mag, dass Google freiwillig auf einmal gesammelte Daten verzichtet. »Und neue Kamerafahrten sind vorerst nicht geplant«, sagt Lena Wagner. Bevor in Hamburg oder München nachfotografiert würde, wäre ja wohl auch erst mal der Rest der Republik dran. Makler wie Immobilienscout24.de wollen ihre Kundschaft auf der Suche nach freien Wohnungen überall durch die Nachbarschaft streifen lassen, wie sie es in den 20 Street-View-Städten schon jetzt tun können.

Offenbar weiß Google selbst noch nicht, wie es bei der nächsten Fotorunde verfahren soll. Die meisten Street-View-Bilder stammen aus dem Jahr 2008, viele sind heute schon veraltet, und irgendwann werden die Google-Autos wieder durch die Städte fahren und neue Fotos schießen müssen. Gilt dann die Liste der Verpixelten immer noch, oder muss neu Einspruch erhoben werden? Kann man ein Haus von der Liste nehmen? Fragen, auf die das Unternehmen heute noch keine Antwort gibt. Sicher ist aber: Der Schleier des aufgeregten Sommers von 2010 wird noch einige Jahre über Deutschlands Städten liegen.

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