Eines der seltsamsten Bücher, die je geschrieben wurden, sind Peter Handkes Traumnotizen »Ein Jahr aus der Nacht gesprochen«. Sie bestehen aus rund 500 kurzen Sätzen, Ausrufen, Dialogen, Miniaturgeschichten. Sie sind komisch, tiefsinnig und oftmals völlig absurd. Sie zu lesen beschert ein besonderes Abenteuer. Man kommt selber ins Träumen, ins Nachdenken und nicht selten ins Schmunzeln.

»Ich habe mir diese Frau extra für die Nacht ins Haus gebracht, Gemahlin. Und jetzt beleidigst du sie.« Das denkt man vielleicht, aber man sagt es nicht. Auch das nicht: »Sie braucht zwanzig Sekunden zum Fallen, unsereiner liegt in einer Sekunde am Boden.« Und dann gibt es Sätze, die eine ganze Geschichte enthalten: »Zu spät. Alles zu. Was machen wir? Zu mir können wir nicht.« Oder: »Es ist windig hier.« – »In jeder Hinsicht.« – »Was machst du heute Abend?« – »Ich fahre nach Lenbach.« – »Wo ist Lenbach?«

Am schönsten aber sind die Szenen einer freien, luftigen Absurdität: »Was suchst du da unter den Kastanien?« – »Alice.« – »Da!« – »Nein, diese Kastanie ist zu alt, das kann nicht Alice sein.« Es ist leicht zu sagen, was dieses Buch nicht ist: keine Aphorismensammlung, keine Abbildungsprosa. Es ist ein Traumbuch, verrückt und logisch wie die Träume, schön und gespensterhaft wie der Flug der Gedanken durch den Kopf, kurz bevor man erwacht. Im Zwielicht der Nacht sieht man anderes als am hellen Tag.

DIE ZEIT: In Ihrem Buch stehen Sätze, die Sie geträumt haben. Wie haben Sie die gefunden?

Peter Handke: Ich habe mich geweckt.

ZEIT: Sie haben den Wecker gestellt?

Handke: Nein. Irgendwie habe ich innerlich aufgehorcht, ich wurde wach, manchmal mitten in der Nacht, manchmal am frühen Morgen. Ich habe mir die Sätze, die Bilder durch den Kopf gehen lassen und sie dann aufgeschrieben. Später habe ich sie nur noch grammatisch geglättet, sonst nichts daran geändert.

ZEIT: Ist das Material für eine Traumdeutung?

Handke: Solche Hintergedanken hatte ich nicht. Mich beschäftigen die Notizen, weil sie Traumsprache sind, eine Form vor der Literatur. Manchmal habe ich Sätze aus der Nacht noch tagelang im Kopf, etwa: »Auf allen Menschen sollte das Licht so ruhen wie auf einem Chipa Dakota.«

ZEIT: Was ist das?

Handke: Ich weiß es nicht.

ZEIT: Hat es mit einem Indianer zu tun, mit einem Dakota?

Handke: Vielleicht.

ZEIT: Kennen Sie Beispiele, die Ihrem Buch vergleichbar sind?

Handke: Ich glaube, das hat noch niemand gemacht. Aber es gibt eine unwillkürliche, eine ungesuchte Verwandtschaft mit Kafka .

ZEIT: Manches in Ihrem Buch ist komisch wie bei Kafka.

Handke: Kafka war nicht komisch. Es wird immer erzählt, Kafkas Zuhörer hätten gelacht, weil seine Prosa so humorvoll gewesen sei. Nein, sie haben nicht über den Witz gelacht, sondern über die Wahrheit. Wenn etwas schlagend ist, dann lacht man. Humor ist nach Goethe ein Zeichen der abnehmenden Kunst. Kafkas Kunst ist so rein, dass sie wahr ist. Darüber muss man lachen.

ZEIT: Mögen Sie Humor nicht?

Handke: Nicht in der Literatur. Bei Stifter gibt es keinen Humor, erst recht keine Ironie.