Peter HandkeEine herbstliche Reise zu Peter Handke nach Paris. "Erzählen", so sagt er, "ist eine Offenbarung"

Ein Gespräch mit dem berühmten Schriftsteller über seine neuen Bücher "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen" und "Immer noch Sturm", über die enttäuschende amerikanische Gegenwartsliteratur und über sein umstrittenes Engagement in Bosnien von 

Eines der seltsamsten Bücher, die je geschrieben wurden, sind Peter Handkes Traumnotizen »Ein Jahr aus der Nacht gesprochen«. Sie bestehen aus rund 500 kurzen Sätzen, Ausrufen, Dialogen, Miniaturgeschichten. Sie sind komisch, tiefsinnig und oftmals völlig absurd. Sie zu lesen beschert ein besonderes Abenteuer. Man kommt selber ins Träumen, ins Nachdenken und nicht selten ins Schmunzeln.

»Ich habe mir diese Frau extra für die Nacht ins Haus gebracht, Gemahlin. Und jetzt beleidigst du sie.« Das denkt man vielleicht, aber man sagt es nicht. Auch das nicht: »Sie braucht zwanzig Sekunden zum Fallen, unsereiner liegt in einer Sekunde am Boden.« Und dann gibt es Sätze, die eine ganze Geschichte enthalten: »Zu spät. Alles zu. Was machen wir? Zu mir können wir nicht.« Oder: »Es ist windig hier.« – »In jeder Hinsicht.« – »Was machst du heute Abend?« – »Ich fahre nach Lenbach.« – »Wo ist Lenbach?«

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Am schönsten aber sind die Szenen einer freien, luftigen Absurdität: »Was suchst du da unter den Kastanien?« – »Alice.« – »Da!« – »Nein, diese Kastanie ist zu alt, das kann nicht Alice sein.« Es ist leicht zu sagen, was dieses Buch nicht ist: keine Aphorismensammlung, keine Abbildungsprosa. Es ist ein Traumbuch, verrückt und logisch wie die Träume, schön und gespensterhaft wie der Flug der Gedanken durch den Kopf, kurz bevor man erwacht. Im Zwielicht der Nacht sieht man anderes als am hellen Tag.

DIE ZEIT: In Ihrem Buch stehen Sätze, die Sie geträumt haben. Wie haben Sie die gefunden?

Peter Handke: Ich habe mich geweckt.

ZEIT: Sie haben den Wecker gestellt?

Handke: Nein. Irgendwie habe ich innerlich aufgehorcht, ich wurde wach, manchmal mitten in der Nacht, manchmal am frühen Morgen. Ich habe mir die Sätze, die Bilder durch den Kopf gehen lassen und sie dann aufgeschrieben. Später habe ich sie nur noch grammatisch geglättet, sonst nichts daran geändert.

ZEIT: Ist das Material für eine Traumdeutung?

Handke: Solche Hintergedanken hatte ich nicht. Mich beschäftigen die Notizen, weil sie Traumsprache sind, eine Form vor der Literatur. Manchmal habe ich Sätze aus der Nacht noch tagelang im Kopf, etwa: »Auf allen Menschen sollte das Licht so ruhen wie auf einem Chipa Dakota.«

ZEIT: Was ist das?

Handke: Ich weiß es nicht.

ZEIT: Hat es mit einem Indianer zu tun, mit einem Dakota?

Handke: Vielleicht.

ZEIT: Kennen Sie Beispiele, die Ihrem Buch vergleichbar sind?

Handke: Ich glaube, das hat noch niemand gemacht. Aber es gibt eine unwillkürliche, eine ungesuchte Verwandtschaft mit Kafka .

ZEIT: Manches in Ihrem Buch ist komisch wie bei Kafka.

Handke: Kafka war nicht komisch. Es wird immer erzählt, Kafkas Zuhörer hätten gelacht, weil seine Prosa so humorvoll gewesen sei. Nein, sie haben nicht über den Witz gelacht, sondern über die Wahrheit. Wenn etwas schlagend ist, dann lacht man. Humor ist nach Goethe ein Zeichen der abnehmenden Kunst. Kafkas Kunst ist so rein, dass sie wahr ist. Darüber muss man lachen.

ZEIT: Mögen Sie Humor nicht?

Handke: Nicht in der Literatur. Bei Stifter gibt es keinen Humor, erst recht keine Ironie.

Leserkommentare
    • Hagmar
    • 01. Dezember 2010 10:11 Uhr

    Ein schöner Text, den Tag zu beginnen. Danke Herr Handke, Danke Herr Greiner.
    "Das Handwerk dient nur dazu, etwas NICHT zu tun." Wahrscheinlich begreift diesen Satz nur jemand, der ein Handwerk beherrscht.
    Ohne mit allem "einverstanden" zu sein, was für eine Fülle an Denkstoff! Ich als Vielleser bewundere allein schon, was alles an Aussagen anderer Dichter parat ist. Und selbst als Mann-Bewunderer kann ich Handkes Aussage über dessen Schreiben nachvollziehen...

    • lyriost
    • 01. Dezember 2010 10:14 Uhr

    Maskierung durchschaun
    Schicht für Schicht und Wort für Wort
    Archäologie

    ist nicht nur Hüllenforschung
    zeigend suchst du nach Winken

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    • Zack34
    • 01. Dezember 2010 11:20 Uhr

    ...

    ...
    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/wg

    • jbraatz
    • 01. Dezember 2010 10:25 Uhr

    Danke danke danke, dass Sie uns Lesern mitteilen, und das leserfreundlich gleich in der Subheadline, dass Peter Handke berühmt ist. Das habe ich nicht gewußt, sicher die große Mehrzahl der Leser auch nicht, und deshalb bin ich dankbar für diese Information.

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    • mirko h
    • 01. Dezember 2010 12:38 Uhr

    Wenn Handke kein berühmter Autor ist, wer dann? Doch Ihr Maßstab für Berühmtheit scheint eher aus dem Bekanntheitheitgrad von Pop- und Hollywoodstars abgeleitet. Verglichen mit denen ist Handke in der Tat nicht berühmt. Aber für auch nur halbwegs kultivierte Menschen ist er das schon!

  1. für die ZEIT und für die Zeit ist dieser Artikel. Sollte man eigentlich löschen um zum Schmutz des Alltags zurückzukommen wie Stuttgart21, Westerwelle und Merkel aus US-Sicht, Irland- und Eurokrise usw. Auf der anderen Seite ist es auch nicht schlecht, davon mal frei zu haben. Dank Peter Handke, dank dem Autor und dank ZEIT-ONLINE.

    • Zack34
    • 01. Dezember 2010 11:20 Uhr
    5. LSD?

    ...

    ...
    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/wg

    Antwort auf "Apokalypsis"
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    • lyriost
    • 01. Dezember 2010 13:18 Uhr

    Schade, nun kann ich nicht mehr erfahren, welche Art Trübung das Leseverständnis zack, zack behindert.

    • Hagmar
    • 01. Dezember 2010 11:37 Uhr

    Liebes Nicht-So-Böse-wie es tut: Ich bin überzeugt, die ZEIT würde uns noch so gerne mehr Artikel von dieser Qualität liefern. Aber warten Sie mal ab, wieviel Leserresonanz es hier gibt und vergleichen Sie das mal mit den Artikeln zu den von Ihnen zitierten Themen. Denken und Nachdenken über das ANDERE, das WESENTICHERE (vielleicht) ist weniger Anklickmaterial und an dem werden die Medien gemessen (von ihren Anzeigenkunden auf jeden Fall), ob wir das gut finden, oder nicht.

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    Zu Ihrer Erklärung, mich hat für den Namen nicht HANDKE inspiriert sondern: Ich bin ein Teil von jener Kraft usw... Leider kann man diese dunkle Energie nicht immer so ausführen, wie man fühlt und Lust hätte und es notwendig wäre...

    Sie haben Recht, vielleicht muss man solche Artikel wie eine Oase oder einen Urlaub auf dem Bauernhof betrachten und dann wieder zu den Vielklick-Bild-Artikeln zurückkehren um irgendwann mal wieder wie hier bei Handke durchatmen zu können. Das Volk bevorzugt doch eher die Spiele wie das Brot. Und zugegebenermaßen man selbst auch. Man ist und bleibt böse !

  2. daß sie zu einer gerechteren Sichtweise Handkes zurückgekehrt ist. Man kann von Handke halten, was man will: Talent hat er im Unterschied zu vielen der schreibenden Zunft.

    • mirko h
    • 01. Dezember 2010 12:38 Uhr

    Wenn Handke kein berühmter Autor ist, wer dann? Doch Ihr Maßstab für Berühmtheit scheint eher aus dem Bekanntheitheitgrad von Pop- und Hollywoodstars abgeleitet. Verglichen mit denen ist Handke in der Tat nicht berühmt. Aber für auch nur halbwegs kultivierte Menschen ist er das schon!

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    • jbraatz
    • 01. Dezember 2010 18:58 Uhr

    Selbstverständlich ist Handke berühmt. Und ich unterstelle, das jeder Leser der Zeit das weiß. Die Redaktion scheint sich ihrer Leser aber nicht so sicher zu sein, und glaubt, es mitteilen zu müssen. Mein Beitrag war pure Ironie.

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