Eismeister Jank hat, wie an jedem Morgen, bereits zwei Tassen Kaffee getrunken, die Neuigkeiten in der Kleinen Zeitung gelesen, sein Bauernbrot mit Marmelade gegessen ("Koa Wurscht in der Früh") und bereitet sich auf einen jener langen Tage der Eisbeobachtung vor. Er verlässt das Haus, das wie fast alle Häuser in den Dörfern am Kärntner Weißensee einen holzverkleideten Giebel trägt, steigt in den Jeep und fährt über Serpentinen langsam die Bergstraße hoch, die dort, wo die Kiefern und Lärchen etwas zurücktreten, den Blick ins Tal freigibt.

In den letzten Tagen ist es deutlich kälter geworden. Bald werden die ersten Eisschollen auf dem See treiben. Lang und schmal wie ein Fjord liegt er da. Türkisfarben dort, wo es bis zu 99 Meter hinuntergeht, und zu den schilfbewachsenen Ufern hin mit hellen Tupfern. Sie rühren vom Kalkschlamm her, dem der See seinen Namen verdankt.

Der Morgennebel hat sich gelichtet, und die Sonne, die auch zu dieser Jahreszeit immer noch Kraft hat, taucht den mit 930 Metern höchstgelegenen und saubersten Badesee der Alpen in funkelndes Glitzern. Im Frühjahr lockt er die Angler an, im Sommer, wenn die Deutschen fast die Hälfte aller Urlauber ausmachen, Badegäste und ruhebedürftige Wanderer. Doch im Winter wird er zur größten präparierten Natureisfläche der Welt. Jank sagt: "Man muss sehr viel wissen über das Eis."

Hier am See, wo das Wasser in einer von Gletschern ausgeschliffenen Furche der Gailtaler Alpen fließt, hat sich in jahrhundertelanger Abgeschiedenheit ein Schlag von Menschen behauptet, der von sich selbst mit Stolz sagt, er sei sperrig und stur. Der Weißenseer gilt als arbeitsam, jedoch zögerlich gegenüber allem Neuen. Er sagt "durchen", wenn er "da hinüber", und "aufen", wenn er "auf den Berg" will. Stets betont er das r, weil es dann härter und knorriger klingt.

Das sogenannte Schwarzeis ermöglicht spektakuläre Blicke bis auf den Grund

Man tut Norbert Jank sicher nicht unrecht, wenn man ihn als Prachtexemplar dieser Spezies bezeichnet. Er hat Schultern, so breit wie ein Schneepflug, und Hände wie Schaufeln. Und trotz seiner 64 Jahre eine körperliche Präsenz, die den Leiter der örtlichen Tourismusinformation sagen lässt: "Also, ich würde mich nicht mit ihm anlegen!" Aus den Gebirgszügen seines Gesichts blicken, etwas nördlich der gewaltigen Nase, aus tiefen Höhlen braungrüne, klare Augen, mit denen er seine Umwelt in Sekundenbruchteilen erfasst.

Norbert Jank nimmt Eiswitterung auf. Der obere, flachere Westteil des Sees, der jenseits der Brücke beginnt, wird wie in jedem Jahr zuerst zufrieren. Das sogenannte Schwarzeis, vom Schnee noch unberührt, ermöglicht spektakuläre Blicke bis zu den Baumstämmen auf dem Grund. In Karten wird der Eismeister die genauen Eispositionen eintragen – wo der See zuerst zufriert und wo zuletzt, denn dort ist das Eis am dünnsten und bedarf seiner besonderen Wachsamkeit. An den Karten kann der Eismeister ablesen, wo er mit welchem Gerät auf die Eisdecke kann und wo er es lieber lassen sollte.

Die ersten Eisverrückten heften sich sofort an seine Fersen, sobald Jank mit dem Auto den See überfährt. Manche tragen um den Hals ein Band mit zwei Schraubenziehern. Die können sie ins Eis hauen, um sich im Falle eines Einbruchs wieder herauszuziehen. An einigen Stellen muss Jank mit Schwung über die Schollen, denn wenn er dort stehen bleibt, das weiß er, säuft der Wagen ab. Zweimal schon hat er einen im See versenkt. Bis der Wagen untergeht, hat Jank zwei bis drei Minuten, in denen er alles Wichtige rausholen kann. Die Wagen selbst sind "gute Abfallautos", denn so was versichert ja keiner. Als er das letzte Mal mit seinem Quad stecken blieb, haben sie ihn noch am selben Tag geborgen. Sein Sohn hat die Elektronik zerlegt, das Öl erneuert und den Wagen getrocknet. Am nächsten Tag war er wieder einsatzbereit.