Benoît Jacquots Film Villa Amalia anzuschauen: Isabelle Huppert. Wieder einmal spielt sie ihre Paraderolle – eine Frau, die von etwas Unnennbarem getrieben wird, die sich verschließt und unnahbar gibt. In Villa Amalia ist es die erfolgreiche Komponistin Ann Hidden, die die Untreue ihres Mannes entdeckt und sich entscheidet, ihn zu verlassen. Und nicht nur ihn. Ihr gesamtes Leben lässt sie zurück und verschwindet, ihren Namen – Hidden – zum Programm machend. Dass die banale Affäre ihres Mannes nur der Auslöser zu ihrer Flucht ist, versteht sich von selbst, es geht um mehr – und zugleich weniger: "Es gibt kein Warum", sagt Hidden.

Es gibt einen entscheidendend Grund,

Hupperts Mimik steht mit diesen Worten im perfekten Einklang. Ihr Gesicht wirkt oftmals wie leer geräumt, nirgends findet sich ein Anhaltspunkt, der eine Deutung ihres Ausdrucks erlaubte. Gerade diese Leere in Hupperts Spiel ist es aber, die den Betrachter dazu bringt, auf Bedeutung zu lauern: Huppert braucht nur kurz im Gespräch zur Seite zu blicken, mit dem Mundwinkel zu zucken, oder etwas länger als gewöhnlich die Augen beim Blinzeln zu verschließen, und schon ist sie wieder da, die Frage nach dem Warum.

Zur Rätselhaftigkeit trägt noch bei, dass Hiddens Innenleben in kurzen, scheinbar übergangslosen Gefühlsausbrüchen wiederholt zutage tritt. Schon die Anfangssequenz enthält beide Seiten, das Glatte und das Eruptive. Von einem Kindheitsfreund, den sie zufällig auf nächtlicher Straße trifft, wendet sie sich so gleichgültig ab, als sei er eine Parkuhr und seine Visitenkarte in ihrer Hand das Ticket – um sich im nächsten Moment, mit einer abrupten Drehung, in seine Arme zu werfen. Mit derselben Hast bricht sie ein Konzert ab, als sie aus dem Publikum ein leises Hüsteln vernimmt, unvermittelt vom zerbrechlichen Pianissimo ihrer Komposition in das Forte ihrer knallenden Absätze auf dem Parkett übergehend.

All das erzählt Jacquot in ruhigen Bildern, die aber rasch und übergangslos aufeinander folgen. Vieles wird angerissen, nichts ausgeführt, aber das schadet nichts, im Gegenteil. Allerdings hält der Film dieses fragmentarische, elliptische Erzählen nicht durch. Nachdem Hiddens Entscheidung, davonzugehen, gefallen ist, setzt der Film auf Geradlinigkeit, um das Psychogramm der metropolitan-gestressten Künstlerin in erschöpfender Vollständigkeit zu zeichnen. Hidden verkauft ihre Wohnung, ihre Klaviere, verbrennt alte Fotos, wirft im Zug ihr Mobiltelefon ins Klo, schneidet sich die Haare, reist ziellos durch die Gegend, bis sie schließlich auf Ischia strandet, wo sie ein traumhaft über dem Meer thronendes Häuschen entdeckt, eben die Villa Amalia. Dort wird sie sich einer verspielten homoerotischen Beziehung mit einer jungen Italienerin hingeben.

Was unnennbar erschien, soll schließlich doch noch buchstabiert werden. So kommt ihr Vater in den Film, Pianist wie sie, und wie sie auf und davon gelaufen. Womit wir also beim Vaterkomplex wären, der kranken Kindheit einer Künstlerin – aber auch wieder bei einer Glanzleistung von Isabelle Huppert, der es gelingt, selbst solche Banalitäten in das Zwielicht des Zweifels zu rücken.