Wie nur hat sie das gemacht? Wie konnte Klara Lidén gelingen, wovon andere nur träumen? Mit gerade mal 31 Jahren ist sie auf dem besten Weg zum Kunstweltstar. In London, New York, Stockholm, überall wird sie gefeiert, überall begeistern sich einflussreiche Kuratoren und Sammler für ihre Kunst. Kürzlich erst wurde sie von der Nationalgalerie in Berlin für den wichtigsten deutschen Nachwuchspreis nominiert; den zweitwichtigsten Preis, den blauorange , hat sie bereits abgeräumt und damit nicht nur 20.000 Euro, sondern auch eine eigene Ausstellung gewonnen, die jetzt im Bonner Kunstverein gezeigt wird.

Besonders viel gibt es dort nicht zu sehen: ein paar grobkörnige Lichtbilder von Hochhausdächern, Gepäckbändern und Büroräumen, dazu einen Raum mit pittoresk verbeulten Mülleimern, mehr nicht. Dennoch ist es eine höchst bemerkenswerte Ausstellung. Denn hier zeigen sich mit dankenswerter Klarheit die Muster des Erfolgs. Hier offenbart sich, worauf es im Kunstsystem der Gegenwart ankommt.

Gewiss hat es Klara Lidén so nicht geplant. Sie hat keine Karriereberater konsultiert, keine Ratgeber gelesen. Ihre Kunst aber erfüllt auf geradezu idealtypische Weise die Erwartungen vieler Kuratoren und Sammler, die in der Kunstwelt den Ton angeben. Ihre Ausstellung lässt sich daher auch als Anleitung verstehen, als eine Handreichung für junge Künstler, die es noch weit bringen wollen.

Lege dich nicht fest!

Lidén hat schon viele Ausdrucksformen erprobt, und immer wieder sucht sie sich neue: Ihre Kunst kann Installation sein, Performance, Video oder Musik mit Hausschlüsseln. Lediglich um das Zeichnen und Malen scheint sie einen Bogen zu machen, und sie tut gut daran. Denn das klassische Arbeiten auf Papier und Leinwand gilt allgemein als ausgereizt, ja altmodisch. Von einer Künstlerin wie Lidén erwarten die Kuratoren etwas Junges und Zeitgemäßes. Eine Kunst, die sich nicht so leicht vermarkten und verkaufen lässt wie ein Gemälde. Das Video, das Lidén vor vier Jahren auf der Berlin-Biennale erste Erfolge einbrachte, hätte ebenso gut auf YouTube laufen können. Es zeigt die Künstlerin, wie sie auf einer U-Bahn-Fahrt einen wilden Tanz aufführt, sich halb entkleidet, sich auf den Boden wirft, ohne dass die Mitreisenden sich darum scheren würden.

Sei dein eigener Hauptdarsteller!

Spätestens seit diesem U-Bahn-Tanz wird Lidén von vielen Kuratoren und Journalisten als Rebellin bewundert. Als eine Künstlerin, die sich selbst nicht schont und bereits deshalb als authentisch gelten müsse. Ihre Kunstwerke werden nicht als irgendwie anonyme Objekte bewertet, sondern als Ausdruck eines sehr persönlichen Aufbegehrens. Immer wieder zeigt sich Lidén in ihren Videos als eigene Hauptdarstellerin: wie sie sich selbst gegen den Kopf schlägt, wie sie ein Fahrrad zertrümmert, wie sie langsam vom Klo fällt. Das sichert ihren Werken den Anschein von Dringlichkeit.

Wahre Abstand, bleibe ein Geheimnis!

Doch kippt Lidéns Kunst nie in einen billigen Exhibitionismus. Sie setzt sich selbst in Szene und umgibt sich doch mit einer Aura der Unerreichbarkeit. Sie räumt, wie einmal in Stockholm, ihr komplettes Wohnzimmer ins Museum, verweigert aber jedes Interview. Wenn sie sich gelegentlich äußert, dann in kryptischen Andeutungen. Das sichert ihrer Kunst die nötige Eigenwirkung, denn die Werke sollen ja mehr sein als Souvenirs ihres Seelenlebens. Willkommener Nebeneffekt: Lidén entzieht sich jeder Festlegung und auch der Kritik.

Umarme das Alltägliche!

Viele Künstler verstehen sich nicht als Formerfinder oder Allegorienschöpfer, sondern als Sachensucher. Auch Lidén zählt zu ihnen. Ähnlich wie in Bonn, wo sie ihre Sammlung von Abfalleimern präsentiert, greift sie auch sonst gern auf wohlvertraute Dinge zurück, nicht selten abgenutzt, von der Patina des Realen überzogen. Sie verwandelt das Gewöhnliche in Kunst – keine ganz neue Masche, aber bei Sammlern und Kuratoren weiterhin beliebt. Denn Wirklichkeit zählt mehr als Imagination.