Rolf Dieter BrinkmannDie Zündschnur zur Bombe im Kopf

Der interessanteste Lyrikband des Jahres 2010 ist 50 Jahre alt: Rolf Dieter Brinkmanns neu entdecktes Frühwerk "Vorstellung meiner Hände" erledigt Rilke und beschwört meisterhaft die Wut der Poesie. von 

Am 23. April 1975, kurz nach seinem 35. Geburtstag, wurde Rolf Dieter Brinkmann von einem Auto überfahren. Ein paar Tage später erschien sein Gedichtband Westwärts 1 & 2, der seinen Ruf als einer der großen Lyriker seiner Generation begründete, als »einziges Genie in der westdeutschen Literatur« (Heiner Müller). Jetzt, 35 Jahre nach seinem 35. Geburtstag, erscheint plötzlich ein neuer Gedichtband von Rolf Dieter Brinkmann – sein unbekanntes Frühwerk Vorstellung meiner Hände, früheste Lyrik aus der Zeit um 1960, die ein Schulfreund der Bibliothek in Brinkmanns Heimatstadt Vechta verkaufte und die der Rowohlt Verlag nun zum größten Teil erstmals publiziert. Vorstellung meiner Hände ist ein blitzender Rohling, den man in Zukunft zwischen den zeitgleichen, geschliffenen Diamanten von Enzensberger (Verteidigung der Wölfe, blindenschrift, landessprache) und Rühmkorf (Heisse Lyrik, Kunststücke) platzieren kann.

Als 15-Jähriger verschlang Brinkmann Hans Benders Anthologie Mein Gedicht ist mein Messer. Mit 16 schrieb er, kurz vor dessen Tod, einen Fanbrief an Gottfried Benn. Als 17-Jähriger fing er selbst zu dichten an – und zückte das Messer. Er legte es, wie es sich gehört, besonders gerne bei sich selber an: Von all den 60 Gedichten des 18- bis 23-Jährigen, die jetzt die Vorstellung meiner Hände ausmachen, liegen manchmal zehn, zwölf, achtzehn verschiedene Fassungen vor. Zum Teil sind manche schon gedruckt erschienen in kleinen Regionalblättern oder Lyrikzeitschriften, meist aber in anderer Fassung, der kreative Prozess eines Gedichts endete für ihn nicht mit dessen Veröffentlichung, Unzufriedenheit kann eine große Produktivkraft entfalten. 1963 schickte Brinkmann die Vorstellung meiner Hände an den Verlag Kiepenheuer & Witsch (»40 Pfennig für Rückporto liegen bei«). Er verkündete: »Ich versuche bewußt, den im Augenblick wohl modischen Beatnik-Ton in meinen Textversuchen zu vermeiden, stattdessen suche ich die alte (und eigentlich immer neue) Verzauberung innerhalb unserer Zeitlichkeit sichtbar zu machen.« Der Lektor Dieter Wellershoff aber schickte die Gedichte, sichtlich unverzaubert, zurück, mit vernichtenden Randglossen: »Sehr gesucht« stand da, »Feuilletonisierung« oder »Parfümierter Vergleich« beziehungsweise, als rede er mit Benn: »Stimmt das medizinisch oder ist das Lyrik?« Brinkmann, so der Rat von Wellershoff, solle es lieber mit Prosa versuchen.

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Der Lyriker Rolf Dieter Brinkmann starb 1975

Der Lyriker Rolf Dieter Brinkmann starb 1975  |  © Christa Donner

So also musste die literarische Öffentlichkeit ein wenig länger warten auf souveräne Zeilen wie diese: »Als es ganz still wurde auf dieser Erde / und es traten / andere Stimmen aus / den Dingen als / Rilke es sagte!« Das ist einer der subtilsten Vatermorde in der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Während sich Robert Gernhardt oder Peter Rühmkorf ihres Übervaters Benn noch mit Spott und Persiflage zu entledigen versuchten (»Die schönsten Verse der Menschen / sind die Gottfried Bennschen«), reitet Brinkmann eine Attacke gegen den Antipoden Rilke, die dessen ganze Poetik ins Leere laufen lässt. Just in einer Zeit, als Rilke durch seine Beschwörungen des emotional Unsagbaren zum Abgott einer Generation wurde, die dessen Dichtung als Entschuldigung für ihr eigenes Verstummen nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verstand, proklamiert der 19-jährige Buchhändlerlehrling Rolf Dieter Brinkmann aus Vechta: Rilke ist von gestern. Und, noch drastischer: Rilke lügt.

Leserkommentare
    • keox
    • 05. Dezember 2010 17:04 Uhr

    "Freudig also nehmen wir diese funkelnden Sterne und legen – analog zu seinen Worten – zu unserer übrigen Habe mit Lyrik aus der Zeit nach 1945 unsere Gedanken bei einigen Seiten von Brinkmann, wo er von Bestürzung und Liebe schreibt."

    Bei Brinkmann ist es immerhin denkbar,

    "»Ich habe meine Sterne aus dem Blau des Fensters genommen / und zur übrigen / Habe gelegt: die Erinnerung"

    daß er HABEN etwas anders verstand als ein ganz gewöhnlicher KulturRedakteur-

  1. Schade, daß er das Internet nicht mehr erlebt hat. Meister wie Brinkmann fehlen in einer Zeit, wo man in Buchläden mit billigsten Vampir-Bissen überhäuft wird.

    • TDU
    • 05. Dezember 2010 19:22 Uhr

    Es ist lange her, aber wenn mich die Erinnerung nicht trügt war es die umfassende und radikale Darstellung der Verlorenheit in einer "Zweierbeziehung".

  2. Als kultureller Normalverbraucher kann ich mir nicht
    vorstellen, daß Rilke "erledigt ist". Was soll das
    überhaupt heißen? Ist Rilke nicht mehr wert, gelesen zu werden, soll er im Germanistikstudium nicht mehr erwähnt
    werden. Ich halte es nicht für angemessen, Dichter und
    Schriftsteller in dieser Weise gegeneinander auszuspielen.
    Allein der Sprachgebrauch des "Erledigens" auch von Benn
    paßt eher für einen Boxkampf.
    Ich meine, daß Leser Gedichte sowohl von Benn und Rilke wie
    von Brinkmann und Rühmkorff schätzen können, und sicherlich gibt es auch Kenner, die erstere den letzteren vorziehen.

    Eine Leserempfehlung
  3. der superlativ am anfang ist recht unseriös. solches zu proklamieren, ohne schlüssig darzulegen, wieso dies nun der interessanteste sein soll (alle anderen gelesen, herr illies?) und nach welchen kriterien, kann doch kein guter stil sein. weil es halt n junger brinkmann ist, den irgendsoein müller gut findet? name dropping much?

    und nummer 4, hpb, es geht da kaum um leser und wessen verschwurbelungen diese verdaulicher finden, sondern zb um den versuch einer loslösung von tradierten stilen, methoden und damit verbundenen sichtweisen und denkarten und was nicht alles beim schreiben, um eben nicht ewig den alten, alternden (lehr)"meistern" hinterherzudichten, um die schaffung des wie auch immer gearteten neuen zb, gegenwärtigen, zeitgemäßen...

    • hagego
    • 06. Dezember 2010 19:21 Uhr

    Die Beurteilung eines Textes hat sozusagen nicht nur mit der in ihr ruhenden Qualität zu tun, sondern eben auch mit einer gewissen Zeit-Bezogenheit.

    Vielleicht würde der Lektor Dieter Wellershoff über Rolf Dieter Brinkmanns Zeilen heute ähnlich urteilen. Vielleicht? Aber würde er nicht zumindest andere Worte wählen?

    Mediokrität hat kein allzu langes Haltbarkeitsdatum. Besitzen aber Verse oder Prosazeilen etwas "Vorausschauendes" und sind zudem mit zügelloser Kraft geschrieben, dann verblassen solche Zeilen u.U. auch Jahrzehnte nach ihrer Niederschrift nicht.

    Man wird sie aber immer - heute - anders beurteilen, als in der Zeit ihrer Entstehung. So wie z.B. auch Picassos "Les Demoiselles d'Avignon" von 1907 in einem ganz anderen Stil gemalt wurde als der gut ein Jahrzehnt später entstandene "Pierrot" von 1918. Und doch sind beide Werke von ein und dem selben Künstler geschaffen worden, nämlich von Picasso.

    Freuen wir uns auf neu-alte Brinkmann-Gedichte!

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