Am 23. April 1975, kurz nach seinem 35. Geburtstag, wurde Rolf Dieter Brinkmann von einem Auto überfahren. Ein paar Tage später erschien sein Gedichtband Westwärts 1 & 2, der seinen Ruf als einer der großen Lyriker seiner Generation begründete, als »einziges Genie in der westdeutschen Literatur« (Heiner Müller). Jetzt, 35 Jahre nach seinem 35. Geburtstag, erscheint plötzlich ein neuer Gedichtband von Rolf Dieter Brinkmann – sein unbekanntes Frühwerk Vorstellung meiner Hände, früheste Lyrik aus der Zeit um 1960, die ein Schulfreund der Bibliothek in Brinkmanns Heimatstadt Vechta verkaufte und die der Rowohlt Verlag nun zum größten Teil erstmals publiziert. Vorstellung meiner Hände ist ein blitzender Rohling, den man in Zukunft zwischen den zeitgleichen, geschliffenen Diamanten von Enzensberger (Verteidigung der Wölfe, blindenschrift, landessprache) und Rühmkorf (Heisse Lyrik, Kunststücke) platzieren kann.

Als 15-Jähriger verschlang Brinkmann Hans Benders Anthologie Mein Gedicht ist mein Messer. Mit 16 schrieb er, kurz vor dessen Tod, einen Fanbrief an Gottfried Benn. Als 17-Jähriger fing er selbst zu dichten an – und zückte das Messer. Er legte es, wie es sich gehört, besonders gerne bei sich selber an: Von all den 60 Gedichten des 18- bis 23-Jährigen, die jetzt die Vorstellung meiner Hände ausmachen, liegen manchmal zehn, zwölf, achtzehn verschiedene Fassungen vor. Zum Teil sind manche schon gedruckt erschienen in kleinen Regionalblättern oder Lyrikzeitschriften, meist aber in anderer Fassung, der kreative Prozess eines Gedichts endete für ihn nicht mit dessen Veröffentlichung, Unzufriedenheit kann eine große Produktivkraft entfalten. 1963 schickte Brinkmann die Vorstellung meiner Hände an den Verlag Kiepenheuer & Witsch (»40 Pfennig für Rückporto liegen bei«). Er verkündete: »Ich versuche bewußt, den im Augenblick wohl modischen Beatnik-Ton in meinen Textversuchen zu vermeiden, stattdessen suche ich die alte (und eigentlich immer neue) Verzauberung innerhalb unserer Zeitlichkeit sichtbar zu machen.« Der Lektor Dieter Wellershoff aber schickte die Gedichte, sichtlich unverzaubert, zurück, mit vernichtenden Randglossen: »Sehr gesucht« stand da, »Feuilletonisierung« oder »Parfümierter Vergleich« beziehungsweise, als rede er mit Benn: »Stimmt das medizinisch oder ist das Lyrik?« Brinkmann, so der Rat von Wellershoff, solle es lieber mit Prosa versuchen.

Der Lyriker Rolf Dieter Brinkmann starb 1975 © Christa Donner

So also musste die literarische Öffentlichkeit ein wenig länger warten auf souveräne Zeilen wie diese: »Als es ganz still wurde auf dieser Erde / und es traten / andere Stimmen aus / den Dingen als / Rilke es sagte!« Das ist einer der subtilsten Vatermorde in der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Während sich Robert Gernhardt oder Peter Rühmkorf ihres Übervaters Benn noch mit Spott und Persiflage zu entledigen versuchten (»Die schönsten Verse der Menschen / sind die Gottfried Bennschen«), reitet Brinkmann eine Attacke gegen den Antipoden Rilke, die dessen ganze Poetik ins Leere laufen lässt. Just in einer Zeit, als Rilke durch seine Beschwörungen des emotional Unsagbaren zum Abgott einer Generation wurde, die dessen Dichtung als Entschuldigung für ihr eigenes Verstummen nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verstand, proklamiert der 19-jährige Buchhändlerlehrling Rolf Dieter Brinkmann aus Vechta: Rilke ist von gestern. Und, noch drastischer: Rilke lügt.