Tenor Daniel BehleHinab in die Tiefe

Der junge Tenor Daniel Behle macht mit einer aufregenden Deutung von Schuberts "Schöner Müllerin" auf sich aufmerksam. von Christine Lemke-Matwey

Der Hamburger Daniel Behle ist ein Sohn der Sängerin Renate Behle

Der Hamburger Daniel Behle ist ein Sohn der Sängerin Renate Behle  |  © Hauke Gilbert

Vielleicht müsste man diese Geschichte vom Ende her erzählen und beim »blauen kristallenen Kämmerlein« beginnen, bei der Wasserleiche, über der der Alla-breve-Takt die Wogen in so fürchterlichem Gleichmut zusammenschlagen lässt. Ein junger Mann, ein Müllerbursche, ist in den Tod gegangen, unglücklich verliebt – und die Musik pocht auf ihre Strophenseligkeit, als wäre nichts geschehen, als würde jeden Tag irgendwo geliebt und nicht wiedergeliebt, gestorben und gesungen. Dieses Finale (Des Baches Wiegenlied) nicht ungebührlich aufzuladen mit Tragik und Transzendenz, sondern dem schlichten Liedgestus weiter zu vertrauen, das muss man erst einmal wagen. Daniel Behle tut dies, und er gibt mit seiner ersten Schönen Müllerin ein großes Versprechen ab. So groß, dass man erschrickt, weil einem Gedanken in den Kopf springen, die man bei diesem Zyklus noch nicht gedacht hat.

Forscht man beispielsweise nach, wann es bei seinem armen Müllerburschen angefangen hat mit der Sehnsucht zum Tode hin, wann genau sich das Sterben als tröstliche Alternative zum Leben ohne die Müllerin entpuppt, stößt man auf Die liebe Farbe, die Nummer 16. »Etwas langsam«, notiert Schubert hier, und Behle und sein ingeniöser norwegischer Pianist Sveinung Bjelland brauchen, absolut betrachtet (4’15), keineswegs viel länger als andere. Das Licht aber, in das sie dieses Lied tauchen, das ein Zwielicht ist, jenes verblichene, verdorrte Sepia mit seinen teils verschwommenen, teils überscharfen Konturen evoziert eine geradezu tödliche Stille im Gesang, ein letztes Stillestehen. Und wie Behle hier das Wörtchen »Rosmarein« singt, so kosend und traumverloren und am Ende eine winzige Spur zu kurz, als risse es ihm ab, das ergreift einen jedes Mal wieder neu.

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Im Verhangenen, in Schuberts harmonischen Fragezeichen und Ahnungen finden Behle und Bjelland am stärksten zu sich. So lässt ein frühes Lied wie Der Neugierige nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Müllerin die ihr entgegengebrachte Leidenschaft mitnichten erwidert – trotz aller kapriziösen Pirouetten im Klavier und allem Tasten und Zagen des lyrischen Ichs. Der rasende – übrigens perfekt textverständliche! – Wutausbruch in Der Jäger liefert dafür später den Beweis. Und auch die »Pause« (»Ist es der Nachklang meiner Liebespein? / Soll es das Vorspiel neuer Lieder sein?«) macht mit überlangen Fermaten nichts anderes deutlich als Schuberts Drama: Ihm, dem Romantiker, bleibt am Ende nur die Kunst, nur der Gesang.

Das Heißblütige, Wertherhafte mag dieser Aufnahme ein wenig fehlen. Auch neigt Behle mit seinem sauberen, jung-auratischen Tenor bisweilen dazu, das »R« zu schleifen. Aber das sind kleine verlegene Kritteleien im Angesicht einer künstlerischen Leistung, die von ihrem Gegenstand absolut durchdrungen ist. Aufregend, wie viel ein paar exakt ausgeführte Triller und Verzierungen doch über die Selbststilisierung eines Gefühls verraten (»Mein!«). Und weil Bjelland die Sechzehntel-Begleitung in Die böse Farbe so lautmalerisch nimmt, meint man im Müllerinnen-Jagdhorn fast schon das Posthorn aus der Winterreise zu hören. Dem schlichten Ende übrigens entspricht hier mit dem »Wandern« ein schlichter Anfang. Nur in der vierten Strophe des Kopfliedes leisten es sich Behle und Bjelland, bei den durch das Mühlrad polternden Steinen ein Ritardando einzubauen – als zöge es den Müllerburschen vom ersten Schritt an unweigerlich in die Tiefe.

Franz Schubert: Die schöne Müllerin, Daniel Behle (Tenor), Sveinung Bjelland (Klavier) (Capriccio 50441)

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    • Schlagworte Franz Schubert | Gesang | Pianist | Drama
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