Der Mann hat Visionen, und keine, mit denen er zum Arzt gehen sollte. John Eliot Gardiners Entschluss, das komplette überlieferte Kantatenwerk Johann Sebastian Bachs, knapp 200 Kantaten, im Laufe eines Jahres in historischen Kirchen quer durch ganz Europa von Santiago de Compostela bis Eisenach live aufzuführen, war eine solche Vision.

Millionenschwer war diese Pilgerreise zu Bach, die Gardiner mit seinem Monteverdi Choir und seinen English Baroque Soloists unternahm. Sie geriet zum spektakulärsten Unternehmen des Bach-Jubiläumsjahres 2000. Die Publikumsresonanz war überwältigend, und irgendwie kam Sir John auch finanziell halbwegs über die Runden. Aber der Wunsch, den Berg von Mitschnitten, der sich nach dieser Reise auftürmte, auf CD zu veröffentlichen, ließ sich mit der Schallplattenindustrie nicht realisieren.

So gründete Gardiner gemeinsam mit seiner Frau ein eigenes Label mit dem schönen Namen Soli Deo Gloria (mit den Buchstaben SDG pflegte Bach seine Manuskripte zu signieren) und brachte in den letzten fünf Jahren Kantate um Kantate auf den Markt.

Jetzt ist die letzte von 27 wunderschön edierten, mit ebenso persönlichen wie klugen Texten Gardiners ausgestatteten Doppel-CDs erschienen. Sie enthält die festliche Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag, die am Weihnachtstag 1999 in Weimar den Auftakt zur Bach-Pilgerreise gab, und die nicht minder schöne Kantate für Drei-Königstag Sie werden aus Saba alle kommen.

Diese Abschlussveröffentlichung bringt noch einmal auf den Punkt, wie Gardiner seine Liebe zur Musik des Thomaskantors in Klang verwandelt. Dass er einmal meinte, wenn er Bach nicht im Himmel antreffe, dann wolle er da eigentlich überhaupt nicht hin, ist bei aller Launigkeit mehr als nur ein Bonmot.

Die Aufnahmen dokumentieren die Entwicklung, die Gardiners Beschäftigung mit Bach seit den mehr als zwanzig Jahre alten Aufnahmen des Weihnachtsoratoriums und der Passionen genommen hat. Würde er die Johannes-Passion heute ein zweites Mal produzieren, sie geriete wohl dramatischer, ja theatralischer als 1986.

Die Kantaten machen deutlich, dass sein Bach über die Jahrzehnte hinweg noch vitaler und federnder, überschwänglicher und jubilierender, zugleich auch expressiver und gespannter geworden ist. Und deutlicher noch als früher entwickelt der Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis diese Musik immer wieder aus dem Geist des Tanzes, ein klarer Gegenentwurf zum leicht puritanisch anmutenden, etwas klang- und ausdrucksarmen Bach, der lange Zeit in Konzertsälen, mehr noch in Kirchen vorherrschte.

 

Die Mittel hat Gardiner sich in seinen mit atemberaubender Perfektion musizierenden Ensembles selbst geschaffen. Virtuoser, zugleich inbrünstiger als sein Monteverdi Choir kann man die großen Bach-Chöre nicht singen, farbiger und plastischer als mit den English Baroque Soloists lässt sich Bachs Kontrapunkt kaum darstellen.

Zur beeindruckenden Solistenriege – allein ein Dutzend Tenöre war mit auf Pilgerfahrt – gehörten auch Stars wie Magdalena Kožena oder Bernarda Fink. Doch allein die Tatsache, dass Gardiner viele Solopartien bedenkenlos Sängern des Monteverdi Choir anvertrauen konnte, gibt eine Ahnung von der Qualität dieses Elite-Ensembles. Man mag (auch angesichts der exzellenten Aufnahmetechnik) kaum glauben, dass es sich bei dieser Bach-Edition ausnahmslos um Konzertmitschnitte handelt.

Dabei kommen Perfektion und virtuose Brillanz wie selbstverständlich und mit britischem Understatement daher. Der Geist des Unternehmens war eben keineswegs ein rein musikalischer. Zwar führte Gardiner Bachs zentrales und nach wie vor wenig bekanntes Œuvre nicht im Gottesdienst auf, doch er mied die Konzertsäle und nahm die mühevollere Reise durch größere und kleinere Gotteshäuser auf sich.

Indem er die Stationen seiner Pilgerreise auf die Feste abstimmte, für die die einzelnen Kantaten entstanden, erhielt er ihnen so etwas wie ihre liturgische Würde. Gewiss waren die Aufführungen für ihn (vielleicht auch für seine Musiker) ein ebenso spirituelles wie musikalisches Erlebnis. Wahrscheinlich würde er diese Unterscheidung ohnehin ablehnen.

Parallel zum Bach-Zyklus hat sich Gardiner mit den vier Sinfonien von Johannes Brahms beschäftigt, also einem janusköpfigen, in die Moderne weisenden wie in der Tradition verwurzelten Romantiker nachgespürt. Dass er mit Bach im Ohr die Brahms-Sinfonien aus dem Gesang entwickelte, kann kein Zufall sein. Vielleicht hat man deshalb das zweite Thema im Andante der Vierten Sinfonie selten so wundervoll sprechend und leise klagend erlebt wie bei den Violoncelli des Orchestre Révolutionnaire et Romantique, die Dialoge zwischen Holzbläsern und Streichern selten so kantabel und schön gehört.

1998 legte Gardiner in den Sinfonien Robert Schumanns deren – sehr wohl an dessen frühe Klavierwerke gemahnenden – revolutionären Elan frei. Bei Schumanns Nachfolger Brahms findet er zu einer wenn auch anders gelagerten, so doch vergleichbar neuen, bewegenden Sicht. Jede Sinfonie verzahnt er, im Konzert wie bei der Veröffentlichung auf CD, mit Chorwerken von Schubert und Mendelssohn, von Brahms selbst, im Falle der soeben erschienenen Vierten auch mit Werken von Gabrieli, Schütz und Bach, die Brahms dirigierte.

Auf diese Weise zeigt er in so nie erlebter Klarheit auf, woher Brahms kam und wohin er ging, wie er sich das musikalische Erbe aneignete, was er ihm hinzufügte und wo er es überhöhte. Wie er etwa die raffinierte Aufteilung der Stimmen in Schütz’ großartiger Motette Saul, was verfolgst Du mich ins Orchestrale übertrug oder wie er das Passacaglia-Thema im Finale der Vierten der Bach-Kantate Nach dir, Herr, verlanget mich entnahm.

Man sollte das nicht mit einer Vorlesung in Musikgeschichte verwechseln. So intensiv Gardiner auch nachdenkt über das, was er tut, er bleibt ein tiefemotionaler Musiker, wenn auch einer der klügsten.