Nussknacker-MusikDie Zuckerfee im Rausch

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker haben Tschaikowskys Ballettmusik zum "Nussknacker" eingespielt: raffiniert wie eine Spieldose, voll sündiger Delikatesse. von Wolfram Goertz

© EMI Classic/[M] ZEIT ONLINE

Am liebsten hätte er sich persönlich neben diese Kiste gesetzt, sie in einen großen Teppich gewickelt und von zwei bissigen Nussknackern bewachen lassen. Niemand sollte wissen, was die Lieferung barg, am allerwenigsten die Kollegen Glasunow und Rimski-Korsakow. Heimlich, wie Schmugglergut, kam so im Jahr 1891 die Celesta nach Russland, ein Instrument »zwischen einem kleinen Klavier und einem Glockenspiel, mit einem Ton von göttlicher Schönheit«, wie ein aufgekratzter Peter Tschaikowsky seinem Verleger schrieb. Das Instrument sollte in seinem neuen Ballett Der Nussknacker zum Einsatz kommen und »kolossale Wirkung« erzielen. Da der chronisch misstrauische Tschaikowsky hinter jeder Ecke Gespenster sah, wartete er die Premiere des Balletts nicht ab, sondern fertigte Monate zuvor eine Suite, welche die Highlights des Balletts für den Konzertsaal versammelte – auch den Tanz der Zuckerfee, vom dem er sich ein besonderes Bonbon, von den Tönen der Celesta beträufelt, für die Naschkatzen im Auditorium versprach.


Die Nussknacker-Suite hat bis heute einen sicheren Platz im Repertoire, dagegen ist die zweiaktige Ballettmusik nur den Tanzenthusiasten vertraut. Sie erzählt, zwischen den Märchenvorlagen von E.T.A. Hoffmann und Alexandre Dumas changierend, eine sprühende Geschichte zwischen Tag und Traum, von nächtlichen Schlachten mit dem Mausekönig, von einer ebenso zarten wie fantastischen Liebschaft zwischen dem Mädchen Clara und dem Titelhelden, der sich in einen vornehmen Prinzen mit guten Manieren verwandelt.

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Um maximalen Genuss ist es Sir Simon Rattle zu tun, der die Ballettmusik jetzt mit den Berliner Philharmonikern herausgebracht hat. Diese luxuriöse Einspielung zeigt uns, dass Tschaikowsky auf seinem Weg zum düsteren Sinfoniker zwischen Poesie und Expressivität deutlich vorangekommen war; die modernistischen Züge der Oper Pique Dame tragen Früchte. Zugleich klingt die Musik oft genug nach dem Raffinement einer Spieldose. Rattle und seine Musiker spendieren uns eine wundervolle couleur locale in den vier Nationaltänzen, und im Pas de deux des zweiten Akts überwältigen sie mit einer sündigen Delikatesse, in der sogar eine simple G-Dur-Tonleiter zum Rauschmittel wird.

Tschaikowsky: Der Nussknacker. Berliner Philharmoniker, Ltg.: Simon Rattle (EMI 2CD 6 31621 2)

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Leserkommentare
    • vmue
    • 06. Dezember 2010 0:47 Uhr

    what could be more perfect in dieser Geschichte zwischen
    Tag und Traum?
    Die Hörprobe von Simon Rattle inspiriert und weckt Erinnerungen an eine Aufzeichnung des Nussknacker-Balletts in der Choreografie von Rudolf Nurejew, in klassisch russischer Ausstattung ..
    Ein Highlight in der Vorweihnachtszeit.

  1. liegt ganz klar in Rußland: 1 Stunde abschalten von Klimakatastrophe und Wirtschaftskriegen. Und danach?

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  • Schlagworte Eta | Poesie | Tanzen | Russland
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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