Deutschland im Herbst. Alles Licht verschluckt ein grauer Himmel, und der Wind bläst, wie es im Buche steht. Aus Osten bringt er einzelne, aber ausgesprochen kalte Regentropfen mit. Aus derselben Richtung sind Polarkreis 18 angereist. Doch in Dresden, erzählen sie in einem Berliner Hotelzimmer, habe sich an diesem Tag zu früher Stunde noch die Sonne blicken lassen. Im einstigen Tal der Ahnungslosen gibt sich der Herbst alle Mühe, golden zu scheinen.

Nein, sagt Felix Räuber und lächelt matt, fast nachsichtig: Als Herbstband sehe man sich nicht. "Wir sind Vier-Jahreszeiten-Typen." Wie er das in die Runde wirft, beiläufig, als hätte er die Frage schon so oft gehört, dass sie ihn ein klein bisschen langweilt, wie er dazu hervorguckt unter seinen ein wenig altmodisch gewellten Haaren und dabei spöttisch die Mundwinkel zucken lässt, hat der Satz etwas Programmatisches: Man darf ruhig merken, dass Felix Räuber den Namen Antonio Vivaldi schon mal gehört hat.

Auch den Namen Franz Schubert haben Polarkreis 18, die Band, in der Felix Räuber Sänger ist, schon einmal gehört. Daraus macht man in Gesprächen zur Bewerbung ihres dritten Album Frei noch viel weniger ein Geheimnis. Irgendwann während der Aufnahmen, berichten Räuber und der mitgereiste Ludwig Bauer, sei das Sextett aus Sachsen darauf hingewiesen worden, dass man sich doch gerade im Begriff befinde, "so was wie die Winterreise " herzustellen. Einen Liederzyklus nämlich, der zwar keinen Wanderer begleitet, aber doch ähnlichen Motiven folgt. Allen voran enttäuschter Liebe und der Sehnsucht nach Freiheit.

Die Sehnsucht wiederum ist Thema von Albumtitel und Eröffnungssong. Nachdem zuerst kurz Streicher anheben, als wollten sie eine neue Nationalhymne auf den Weg bringen, setzen ein gewaltig donnerndes Schlagzeug und schwergewichtige Keyboard-Akkorde ein. Zu dieser mächtigen Begleitung sucht Räuber in den Strophen "the key to free my mind". Hernach spreizt er, metaphorisch gesehen, seine Flügel und schwimmt durch den Himmel seines Geistes. Der auf Deutsch gesungene Refrain gipfelt in einer Art Katharsis: "Ich bin frei", jubiliert der Sänger, während seine Band noch ein wenig wahnwitziger dröhnt.

Musikalisch hat das mit Franz Schubert wenig zu tun, eher schon mit Richard Wagner: ein seltsam deutscher, bei allem Eklektizismus unironischer Bombast. Das Kunstlied kommt erst im letzten Song ausdrücklich zum Einsatz, wenn Räuber den Protagonisten seiner Winterreise in Elegie zu spartanischen Klavierklängen zu Grabe trägt, was dann fast ein bisschen aus dem Rahmen fällt. Überhaupt geht allerhand durcheinander bei Polarkreis 18. Für den Videoclip zu Unendliche Sinfonie, der ersten Single aus dem neuen Album, turnt die Band in Raumanzügen durch ein Szenario, das an die Fernsehserie Raumschiff Enterprise erinnert.

Im Finale des Kurzfilms wird auf einem unwirtlich felsigen Planeten eine Militärparade vermutlich real-sozialistischer Provenienz karikierend nachgestellt. "Wir funktionieren auf verschiedenen Ebenen", glaubt Räuber, "einerseits zeichnet uns eine Eingängigkeit aus, andererseits aber geht es uns um Tiefe." Tatsächlich verschneidet das Sextett scheinbar mühelos und weitgehend unfallfrei Jungsfantasien und Hochkultur. Billige Science-Fiction trifft auf deutsche Romantik, Schwermut konkurriert mit Euphorie. Man fragt sich bloß, wo der Landeplatz des Raumschiffs liegt, das Polarkreis 18 auf die schnöde Erde gebracht hat.

Eine Jugend zwischen Elbhang und Semperoper

Der Kern der Band fand bereits Ende der neunziger Jahre an einer Dresdner Schule zusammen. Wichtiger aber noch ist ein anderer, ein feuilletonkompatibler Umstand. Allesamt seien sie, erzählen Räuber und Bauer, am Elbhang aufgewachsen, hätten dort zum Teil bis vor einem halben Jahr noch gewohnt. Zwar nicht direkt im Viertel Weißer Hirsch, das die Bühne abgibt für Uwe Tellkamps Erfolgsroman Der Turm . Aber doch in der Nähe, ganz eindeutig in "dieser Turm-Gegend", wie sie Räuber nennt, und vor allem mit familiären Hintergründen, die durchaus an jene erinnern, die in dem preisgekrönten Roman beschrieben werden.

 

Dabei haben die sechs von Polarkreis 18, heute allesamt Mitte 20, die innere Emigration, in die sich Tellkamps Protagonisten vor der DDR-Wirklichkeit zurückziehen, nur in sehr jungen Jahren erlebt. Die Wiedergeburt des Bürgertums in Dresden nach der deutschen Vereinigung aber, oder zumindest die Sehnsucht danach, die ging nicht spurlos an ihnen vorbei. Ihre Eltern haben sie zwar nicht in die Musikschule geschickt, aber die Stadt ist ohnehin so etwas wie eine große Musikschule. "Wir sind als Kinder oft ins Theater und in die Oper gegangen", erzählt Räuber. "Das hat uns geprägt. Wir haben eine große Liebe zum Theatralischen und Orchestralen."

Das neue Album, sagt der Gitarre, Klavier und Trompete spielende Ludwig Bauer, hätte "so nur in Dresden entstehen können". Dass der Weg zur Semperoper zumindest ideell nicht weit ist – auf Frei kann man dies schwerlich überhören. Zwar bedienen sich Polarkreis auch ausgiebig in den Asservatenkammern der modernen Popmusik und programmieren schnittige Rhythmen. Vor allem wissen sie, wie man "Hit" so buchstabiert, dass Radiomacher nicht umhin können, ihre Songs ins formatierte Programm aufzunehmen. Auf Frei setzen sie zudem sehr bewusst den Fairlight CMI ein. Jener legendäre erste Synthesizer, der die Sampling-Technik unters Volk brachte, prägte entscheidend den Pop der achtziger Jahre.

Musik, die "über den eigenen Horizont hinauswächst"

Wenn die synthetischen Schlieren des Fairlight durch die Songs von Polarkreis 18 wabern, dann sind im Geiste immer auch Peter Gabriel, Kate Bush oder Jean Michel Jarre anwesend – sie gehörten zu den Ersten, die sich das Gerät leisten konnten. Aber Frei weist immer wieder in eine noch weiter zurückliegende Vergangenheit zurück. Ob Räuber zum Falsett ansetzt oder immer wieder Streicher an sich harmlose Synthiepopsongs zu Epen aufblasen: Polarkreis 18 sind jederzeit in der Lage, Motive aus der klassischen Musik zu integrieren, ohne dass die Absicht allzu aufgesetzt wirkt. Schuberts Liederzyklus lassen sie zwar weitgehend ohne konkrete Zitate wiederaufleben. Aber ein Lindenbaum wächst auch hier.

Ganz ohne fremde Hilfe würde die Reise wohl um einiges holpriger ausfallen. Für die Orchesterarrangements war wieder einmal Sven Helbig zuständig. Der gilt als geschickter Wandler zwischen den Welten. Der Multiinstrumentalist mit klassischer Ausbildung, Komponist, Produzent und Regisseur hat einerseits die Dresdner Sinfoniker mitbegründet, die als einziges Orchester in Europa ausschließlich zeitgenössische Werke spielen. Genauso aber hat Helbig schon für Rammstein, die Pet Shop Boys oder den Rapper Snoop Dogg gearbeitet. Er sorgt dafür, dass Polarkreis 18 mit Sinfonieorchester und Kinderchor auf Konzertreise gehen. Helbig ist es, der die Fäden spinnt, mit deren Hilfe die Raumfähre Polarkreis 18 sicher an die Hochkultur andockt.

Der in Eisenhüttenstadt geborene Helbig war es auch, der damals während der Aufnahmen zu Frei einen gewissen Franz Schubert ins Spiel brachte – und mit ihm den weiträumig interpretierbaren Begriff "moderne Winterreise". Anschließend trug ihr Produzent, erinnert sich Räuber, "einen großen Stapel Bücher" mit ins Studio, darunter Novalis oder Brentano. Die Band, deren Werk nicht nur aufgrund ihres Namens bereits früher um die Themen Winter, Eis und Kälte kreiste, hat pflichtschuldig "zumindest mal reingeschaut". Dabei habe man festgestellt, so Räuber, dass "gewisse romantische Motive wie die Gegenüberstellung von ewiger Natur und sterblichem Individuum" in den eigenen Songs Widerhall finden.

Polarkreis 18 und die deutsche Romantik – da haben sich zwei gesucht und gefunden. Immer schon speiste sich das Schaffen der Dresdner aus einer zum Pompösen neigenden Sehnsucht nach Unschuld, einer Faszination für das vermeintlich Ursprüngliche, die noch die alltäglichste Banalität zu übermenschlicher, nachgerade göttlicher Größe überhöht. Räuber nennt sich und seine Bandkollegen "Freunde dieser Intensität", man wolle "Musik schaffen, die über den eigenen Horizont hinauswächst". Das heißt, ganz bewusst "größenwahnsinnig zu denken". Auf die Bühne marschiert die Band stets in komplett weißen Kostümen, die zwar ein wenig an Strampelanzüge erinnern, aber wohl Reinheit und Unschuld signalisieren sollen. Zusätzlich dienen sie als ideale Projektionsfläche für eine ausgeklügelte Lichtshow.

Der Erfolg – und ohne den geht nun mal nichts im Pop – gibt ihnen bislang recht. Allein allein, ihr bislang größter Hit aus dem Jahr 2008, stand fünf Wochen lang an der Spitze der Charts, in Belgien, Dänemark und Israel erreichte er immerhin noch die Top Ten. Dauerhaften Erfolg im Ausland hat Pop aus Deutschland aber vor allem dann, wenn er auf höchst plakative Weise Klischees über das deutsche Wesen bedient. Kraftwerk reüssierten mit maschinenhafter Ingenieurskunst, Rammstein kokettierten erfolgreich mit derber Deutschtümelei. Ob jenseits der Grenzen auch der zwar ziemlich deutsche, aber vergleichsweise feinsinnige Romantikpop von Polarkreis 18 eine Chance erhält, darf bis auf Weiteres bezweifelt werden.

Aber so weit denken Felix Räuber und Ludwig Bauer an diesem Tag nicht. Die Abordnung von Polarkreis 18 muss zurück ins heimische Dresden. Der Weg dorthin führt durch den Herbst, und da müssen sie nun durch. Mit der ganz gewöhnlichen Deutschen Bahn. So etwas Modernes, Praktisches wie einen Führerschein besitzt nämlich keiner der beiden.