Manchmal spürt es das Publikum bei Musikwettbewerben vom ersten Ton an: Die sind’s und keine anderen! So war es, als das Streichquartett Quatuor Ebène aus Frankreich vor sechs Jahren beim ARD-Wettbewerb in München antrat – und man nach der ersten keine weitere der Ausscheidungsrunden missen wollte. Alles, was Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Mathieu Herzog und Raphaël Merlin damals zu tun hatten, war, ihr Ding nach Hause zu spielen. Was sie auch grandios taten.

Ihr Ding war eine Mischung aus einerseits profunder Einsicht in die kausalen Abläufe von Musik, andererseits aber auch der Tendenz, eben das Kausale infrage zu stellen. Quer zum Betrieb, der sich womöglich mehr gesammelten thematischen Widerspruchsgeist erwartet hätte, debütierten die Franzosen dann mit Joseph Haydn auf CD, allerdings zielten sie auf dessen revolutionäres Potenzial. Dann folgten Béla Bartóks emphatisch gespielte Quartette, ehe Quatuor Ebène einen weiteren zentralen Raum der Kammermusik des frühen 20. Jahrhunderts öffnete: Debussy, Ravel und Fauré wurden ausgeleuchtet und hinterfragt. Wer den Musikern folgte, schaute sich immer wieder staunend um und mochte denken: Hier bin ich noch nicht gewesen!

Auf Fiction nun, der neuen Aufnahme von Quatuor Ebène, lässt sich zurückverfolgen, woraus sich Kraft und Intelligenz der Musiker eben auch speisen. Die vier nahmen sich immer Zeit zur gemeinsamen Improvisation, huldigten als Streicher zeitgemäßen Göttern wie Jean-Luc Ponty oder Didier Lockwood und waren sich nicht zu schade, neben der klassischen Arbeit am Feierabend richtig abzurocken. Wir haben es also mit Lieblingsstücken aus dem Proberaum zu tun: Someday My Prince Will Come, Somewhere, Streets of Philadelphia, Misirlou aus Pulp Fiction und das zentrale Thema aus Ocean’s Twelve.

Quatuor Ebène lassen die Saiten glühen, und wenn es sein muss, werden Glissandi eingesetzt, für die sich ein versierter EGitarrist sehr anstrengen müsste. Zu entdecken ist Stück für Stück, dass es im Pop nicht nur auf die Melodie ankommt. Quatuor Ebène erspielen in ihren Arrangements die Architektur, auf der die Singstimme steht, und gewichten so Unterbau und Überbau mitunter völlig neu. Der Rest ist Party. Wohl denen, die hier eingeladen ist: Unter anderen Fanny Ardant und Natalie Dessay geben alle Allüren dran und sind, jede auf ihre Art, nur sie selbst.

Quatuor Ebène: Fiction (Virgin 509996286804)