Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Die dunkle Jahreszeit hat begonnen. In meiner Jugend pflegte man zu sagen: "Alles ist politisch." Diesen Satz würde ich immer noch unterschreiben. Seit einiger Zeit werden von den Politikern zum Beispiel die Glühlampen aus dem Verkehr gezogen. Man soll Energiesparlampen nehmen. Der Glühlampe alten Typs wird unter anderem die folgende Eigenschaft zum Vorwurf gemacht: Sie gibt nicht nur Licht. Sie heizt auch. Die Glühlampenverordnung der Europäischen Union ist 17 Seiten lang, ihr wichtigster Satz lautet: "Das Wort ›Lampe‹ bezeichnet eine Einrichtung zur Erzeugung von Licht."

Inzwischen liegen erste Erfahrungen mit den neuen Energiesparlampen vor. Es hat sich herausgestellt, dass die neuen Lampen tatsächlich, wie von der EU angeordnet, fast nur Licht abgeben, eine unerwünschte Heizwirkung geht nicht von ihnen aus. Diese Tatsache hat zur Folge, dass die Wohnungen stärker beheizt werden müssen als früher. Denn so schädlich eine Aufheizung des Weltklimas für unseren Planeten auch sein mag – die Aufheizung von bewohnten Innenräumen wird nach wie vor von den meisten Menschen befürwortet.

Die Wärme, welche in früheren Jahrzehnten von den Glühbirnen ausging, muss jetzt anderweitig beschafft werden. Mit anderen Worten: Auf der einen Seite sinkt der Energieaufwand für Beleuchtung, auf der anderen Seite steigt der Energieaufwand für Heizung. Übrigens auch die Kosten. Ob der Glühbirnentausch sich klimapolitisch lohnt oder nur eine bürokratische Verirrung in einer an Verirrungen nur allzu reichen Epoche darstellt, ist eine Frage, über die man sorgfältig nachdenken müsste. Mir selber fehlt leider die Zeit dazu.

Nun betritt der Ingenieur und Aktionskünstler Siegfried Rotthäuser die Szene. Rotthäuser bietet im Internet ein sogenanntes "Kleinheizelement in Glühbirnenform" an. Das Produkt heißt "Heatball", wird in China hergestellt und ist äußerlich von einer traditionellen Glühbirne nicht zu unterscheiden. Man kann es in eine normale Lampenfassung hineinschrauben, dann leuchtet das Produkt. Rotthäuser sagt, die Leuchtwirkung seines Kleinheizelementes sei "ein technisch bedingter Nebeneffekt" und stelle "keinen Reklamationsgrund" dar. Zwar sei zu beobachten, dass zahlreiche Kunden das Produkt als Lampe zweckentfremdeten, dies missbillige er, könne es allerdings nicht verhindern. Kinder benutzen Konservendosen als Fußbälle, Erwachsene benutzen Bücher als Bettpfosten, ein Produzent hat so etwas nicht in der Hand.

Juristisch scheint der Fall klar zu sein. Nach EU-Definition ist der Heatball keine Lampe. Eine Lampe ist ja, wie in der 17-seitigen Verordnung nach sorgfältiger Prüfung klar festgestellt wird, "eine Einrichtung zur Erzeugung von Licht". Der Heatball dagegen ist eine Einrichtung zur Erzeugung von Wärme. Heizen mit Strom ist erlaubt, solange man es nicht mit einer Glühbirne tut.

Das Produkt ist ein großer Erfolg, es ist häufig vergriffen, die Chinesen können gar nicht schnell genug produzieren. Die alte Glühbirne hat eben immer noch viele Freunde, manche Menschen empfinden ihr Licht als "warm", das ist ja auch der Fall.

In einem Interview denkt Rotthäuser darüber nach, ob sich der Heatball als birnenförmige Kochplatte nutzen ließe, zum Beispiel könnte man Salamischeiben darauf rösten. Falls der Heatball als Heatball von der EU-Kommission doch noch verboten wird, würde er ihn unter der Bezeichnung "Cookball" sofort wieder auf den Markt werfen. Das Wort "Kochplatte" bezeichnet eine Einrichtung zum Erhitzen von Speisen.