Nachkriegsgeschichte Fenster zum Weltgericht
Ein Museum für das berühmteste Tribunal des 20. Jahrhunderts: Das neue Memorium Nürnberger Prozesse erzählt ein umstrittenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte.
Die Rückwand ist um mehrere Meter nach innen versetzt, es gibt nur noch einen Verteidigertisch, die Dolmetscherkabine fehlt – niemand braucht sie mehr hier im Nürnberger Landgericht. Auch befindet sich die Richterbank schon lange nicht mehr vor den Fenstern des Saals, sondern steht an der Stirnseite; an der Wand darüber prangt ein monströses Kruzifix.
Ganz anders sah der Saal vor 65 Jahren aus: Die Alliierten hatten ihn gleichsam ausgenüchtert, von der Decke strahlten Scheinwerfer wie an einem Filmset. Heute prunken dort wieder Kronleuchter wie in der Vorkriegszeit. Trotzdem erkennt man den Ort sofort. Das in Stein gefasste Eingangsportal, die Holzvertäfelung und darin eingelassen die Tür, durch die man die Angeklagten führte. Gleich, glaubt man, betritt Reichsmarschall Hermann Göring den Raum. Nach der Eröffnung in Berlin begann hier, in der Bärenschanzstraße 72, am 20. November 1945 der erste und bekannteste der insgesamt 13 Nürnberger Prozesse.
Bis zum 1. Oktober 1946 dauerte die Verhandlung gegen die 22 NS-Hauptkriegsverbrecher vor dem Tribunal der Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion. Mitglieder der Führungsriege wie Göring, Außenminister Joachim von Ribbentrop und Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß wurden mit ihren Verbrechen konfrontiert. Das Oberkommando der Wehrmacht saß in Gestalt Wilhelm Keitels und Alfred Jodls auf der Anklagebank, ebenso der »Architekt des Führers« und Leiter der Kriegswirtschaft, Albert Speer. Männer wie Hans Frank, die in den besetzten Ostgebieten den Massenmord ins Werk gesetzt hatten, mussten sich verantworten. Nicht zuletzt stand hier der »Frankenführer« und Herausgeber des antisemitischen Schmierblattes Der Stürmer , der Lehrer Julius Streicher, vor Gericht. Nürnberg, von Hitler 1927 für die gigantischen NSDAP-Reichsparteitage auserkoren, wurde damit zum Schauplatz einer bis dahin beispiellosen juristischen »Aufarbeitung« von Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit.
Die fränkische Stadt, die in den frühen zwanziger Jahren noch eine rote Arbeiterhochburg war, wenig später aber schon braune Bastion, stellte sich ihrem schwierigen Erbe nach 1945 so zögernd wie das gesamte Land. Nur blieb hier das »Tausendjährige Reich« in seinen Bauruinen gespenstisch präsent: die halb fertige Kongresshalle auf dem elf Quadratkilometer großen Parteitagsgelände, die Tribüne auf dem Zeppelinfeld, dieser heroisierend ins Grün geklotzte Riegel – Dokumente des Größenwahns. Jahrzehntelang sah man geflissentlich über das Unübersehbare hinweg. Doch Touristen aus dem Ausland vermasselten den Nürnbergern ihren Dürer- und Lebkuchenfrieden mit der Frage: »And where stood Hitler?« So begann 1985 der Verein »Geschichte Für Alle« , Besucher über das Parteitagsareal zu führen. 2001 eröffnete das dortige Dokumentationszentrum.
Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Nürnberg
Dessen Kuratorium betreut nun auch den neuen Informationsort im Justizgebäude, wobei abermals neugierige Touristen die Stadt zum Handeln gezwungen hatten: Ende der neunziger Jahre wurden wochenends die ersten Besuchergruppen in den Saal der Nürnberger Prozesse geführt. Der Andrang, sagt Hans-Christian Täubrich, Direktor des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände , sei schon bald nicht mehr zu bewältigen gewesen: »Manchmal standen hier Besucher weinend vor verschlossener Tür.« Bis zu 20.000 Gäste kamen im Jahr. Eine Dauereinrichtung musste her. Am vergangenen Wochenende wurde sie eröffnet: das Memorium Nürnberger Prozesse .
Der Saal 600 ist damit nun ganz regulär zu besichtigen – dient aber zugleich noch immer als Verhandlungsstätte. Während die Ausstellungsbesucher in den vierten Stock, direkt unters Giebeldach der wilhelminischen Justizburg geschleust werden, tagt darunter das Gericht. Saal 600 ist der größte Raum des Komplexes: Hier werden die wichtigen Strafprozesse geführt. Der Saal ist daher nur an verhandlungsfreien Tagen zugänglich. Höher als die anderen Räume, ragt er allerdings ein Stück in die Dachetage hinein, was den Ausstellungsmachern einen Kunstgriff erlaubt, der Notlösung und Geniestreich in einem ist: Auf Hüfthöhe ist die Wand im letzten Abschnitt der Ausstellung mehrfach durchbrochen. Wer sich bückt, sieht auf den Verhandlungsort hinab wie ein Filmvorführer durch sein Guckloch ins Kino.
- Datum 25.11.2010 - 15:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.11.2010 Nr. 48
- Kommentare 6
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Das ist doch schön, ich finde daran ist nichts auszusetzen!
Hier wird die Chance gegeben noch einmal in der Vergangheit leben. Geschichte zum Greifen nah, sozusagen. Zudem ist es ganz klar, hier kann und sollte (muß) man Schuld aufarbeiten.
Ich finde es auch wichtig sich dieses noch leisten zu können. Man stelle sich vor, wir wären ein hochverschuldetes Land welches unter einer hohen Steuerlast leidet, wie Griechenland, oder nun auch Portugal.
Die Geschichte würde einfach in der Vergangenheit verschwinden. Dabei haben wir ja seit dem Bestehen der Menschheit, die Möglichkeit aus der Geschichte zu lernen.
[...]
Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und vermeiden Sie polemische Ausführungen. Danke. Die Redaktion/er
wenn man darüber nachdenkt, dass es offenbar zwei Formen von Angriffskriegen und zwei Formen von Verstößen gegen die Menschlichkeit gibt. Nämlich die der militärischen Sieger und die der Verlierer.
Tur mir Leid, dass sich in meiner Aufzählung derjenigen, die konsequenterweise vor Gericht gestellt werden sollten auch Personen befinden, deren Erwähnung in negativem Zusammenhang in Deutschland politisch unkorrekt ist.
Diese Erwähnung ist aber eine politische Feststellung und keine Polemik.
Den obigen Beitrag zu löschen, ist deshalb keine Netiquette sondern Verhinderung missliebiger Meinungen.
wenn man darüber nachdenkt, dass es offenbar zwei Formen von Angriffskriegen und zwei Formen von Verstößen gegen die Menschlichkeit gibt. Nämlich die der militärischen Sieger und die der Verlierer.
Tur mir Leid, dass sich in meiner Aufzählung derjenigen, die konsequenterweise vor Gericht gestellt werden sollten auch Personen befinden, deren Erwähnung in negativem Zusammenhang in Deutschland politisch unkorrekt ist.
Diese Erwähnung ist aber eine politische Feststellung und keine Polemik.
Den obigen Beitrag zu löschen, ist deshalb keine Netiquette sondern Verhinderung missliebiger Meinungen.
wenn man darüber nachdenkt, dass es offenbar zwei Formen von Angriffskriegen und zwei Formen von Verstößen gegen die Menschlichkeit gibt. Nämlich die der militärischen Sieger und die der Verlierer.
Tur mir Leid, dass sich in meiner Aufzählung derjenigen, die konsequenterweise vor Gericht gestellt werden sollten auch Personen befinden, deren Erwähnung in negativem Zusammenhang in Deutschland politisch unkorrekt ist.
Diese Erwähnung ist aber eine politische Feststellung und keine Polemik.
Den obigen Beitrag zu löschen, ist deshalb keine Netiquette sondern Verhinderung missliebiger Meinungen.
Aber: Es ist mitnichten polemisch, darauf hinzuweisen, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.
Die redaktionelle Überreaktion ist wohl darauf zurückzuführen, dass in der Aufzählung von Personen, die unter dem gleichen Maßstab hätten vor Gericht gestellt werden müssen, solche sind, deren Erwähnung in negativem Zusammenhang in Deutschland politisch unkorrekt ist.
Mehr dazu ist mal wieder durch die Meinungsfreiheit nicht gedeckt.
Angriffskriege und Verbrechen gegen die Menschlichkeit können in justitiabler Weise definitiv nur von Verlierern eines Krieges begangen werden!
Gegenbeispiele?
Wäre ein interessantes Poster in der neuen Ausstellung.
Von einer zeitgeschichtlichen Aufarbeitung konnte man in Nürnberg wohl kaum sprechen.
und mehrere Millionen tote Ureinwohner sind wohl eher eine nachträgliche Verhöhnung, als eine Wiedergutmachung so wie sie von Deutschland betrieben wird!
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