Psychologie Erwache und lache!
Barbara Ehrenreich beschreibt, wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. "Smile or Die" warnt uns vor neuen amerikanischen Tugenden und empfiehlt alte.
Amerikaner sind keine Cowboys. Sie tragen zwar manchmal noch verwegene Hüte und geländegängige Stiefel, doch die dazu passenden Männertugenden scheinen ziemlich aus der Mode gekommen. Wo sind heute die harten Jungs, die keine großen Worte machen, sondern einfach das Richtige tun? Die bei Hochwasser in den Fluss reiten, um eine Herde Rinder zu retten – obwohl es gar nicht ihre eigene ist? Früher war Draufgängertum noch Ehrensache, bis sich der Typus des falsch lächelnden Finanzhais durchsetzte. Doch seit der sein Land an den Rand des Ruins gepokert hat, wächst wieder die Sehnsucht nach der guten alten Ehrlichkeit: cowboy values – zurückerobern, wofür Amerika einst stand.
Die Amerikaner wissen ja selbst, dass sie keine Cowboys mehr sind. Nur die Europäer nennen George W. Bush noch einen Revolverhelden, als genügte zur Erlangung dieses Titels schon ein Krieg und der Kauf der Prairie Chapel Ranch. In Wahrheit verdankte sich Bushs Regierungsstil wohl eher der Tatsache, dass er als Schulkind Cheerleader gewesen war. Ja, amerikanischer Anfeuerungssport ist auch Männersache, und Bush hatte den Jubel, die Siegergesten und den ganzen geballten Zweckoptimismus so sehr verinnerlicht, dass er sich Niederlagen einfach nicht mehr vorstellen konnte. »Ich bin optimistisch« lautete sein Standardsatz im Weißen Haus, mit dem er die Berater zur Verzweiflung trieb – weil Mr President die Probleme fröhlich vom Tisch wischte, anstatt sie anzupacken.
Immer lächeln, aber wenn es stressig wird, wild in der Prärie rumballern: Das ist der neue Führungsstil, der nach Meinung von Amerikas smartester Ideologiekritikerin dazu führte, dass die Katastrophen des letzten Jahrzehnts ihr Land so kalt erwischten: Terror, New-Economy-Blase, Finanzcrash. Deshalb warnt Barbara Ehrenreich aus Montana, dem einzig wahren Cowboystaat, uns jetzt vor einem Realitätsverlust, der zur globalen Epidemie werden könnte. »An der Wende zum 21. Jahrhundert erreichte der amerikanische Optimismus einen manischen Höhepunkt«, schreibt sie, »doch trotz der wahnhaften Erwartungen an Machtpolitik und Marktfundamentalismus ging es zehn Jahre später den meisten Amerikanern schlechter.«
Smile or Die (Lächle oder stirb) heißt Ehrenreichs neues Buch, das von der verdummenden Ideologie des positiven Denkens handelt. Anhand prominenter Beispiele aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft schildert sie die demoralisierende Wirkung einer selbst verordneten Hurrakultur. »Lösen Sie sich von negativen Menschen!« lautet ein Slogan aus der boomenden Motivationsbranche, der die Autorin zu der bangen Frage veranlasst: Warum braucht eine Nation, die sich für die glücklichste der Welt hält, zwei Drittel aller weltweit produzierten Antidepressiva? Ihre These: Der Zwang zum Glücklichsein macht nicht nur blind für die Realität, sondern wegen des ständigen Scheiterns eigener Glücksansprüche auch depressiv.
Smile or Die als Antimotivationsbuch lebt jedoch nicht vom Gestus eines triumphierenden Antiamerikanismus, sondern von der Furcht, das Land der Freiheit könnte eines Tages an Kritikunfähigkeit zerbrechen. Im Nachhinein ist Bill Clintons supereuphorische Millenniumsrede über die Krisenfestigkeit der USA schon gruselig, wenn man bedenkt, dass nur wenige Monate später einfach mal so die riesige New Economy platzte. Oder das Beispiel Lehmann Brothers: Die warfen 2006 den Chef ihrer Immobilienabteilung raus, bloß weil er das riskante Geschäftsmodell seiner Bank kritisiert hatte. Zwei Jahre später platzten dann »plötzlich und unerwartet« die ungedeckten Schecks eines ganzen Bankensystems.
Aber war die Ära des »Erwache und lache« damit vorbei? Ehrenreich fürchtet, dass es jetzt erst richtig losgeht. Sie hat ja den Zwang zum positiven Denken am eigenen Leib erlebt, als sie nach ihrer Brustkrebsdiagnose in eine Heile-dich-selbst-Maschinerie geriet, die selbst dem Todkranken noch negative Gefühle verbietet und ihn auffordert, die Katastrophe als Chance zu sehen. Krebs ist aber keine Chance, auch wenn die Autorin zugibt, in Sachen Gesundheit furchtbar optimistisch gewesen zu sein. »Ich ernährte mich vernünftig, trieb Sport, und außerdem waren meine Brüste so klein, dass ein oder zwei Knoten meine Figur nur verbessern konnten.«
Dass sie trotz ihres Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit mit 61 Jahren Krebs bekam, war der Beginn ihres publizistischen Feldzuges gegen die Alles-wird-gut-Gesellschaft, die nicht wahrhaben will, dass sie sterblich ist. Kühl analysiert Ehrenreich all die Wunderheiler, Hersteller von Schutzengeln und Verkäufer falscher Hoffnung. Deren Pech ist, dass die Autorin mal einen Doktor in Zellbiologie gemacht hat und präzise vorrechnen kann, warum Krebsvorsorge durch gute Gedanken reiner Betrug ist. Nur an einem Punkt gerät sie in Rage, nämlich bei der verordneten Munterkeit in den Selbsthilfegruppen, die sich weigern, auch nur das Wort »Patient« zu benutzen. Dagegen setzt Ehrenreich ihre Trauer und ihre Wut, insbesondere auf die Pointe des positiven Denkens, dass wir den Schmerz lächelnd ertragen sollen. Hier schließt sie direkt an frühere Bücher wie Angst vor dem Absturz oder Qualifiziert und arbeitslos an: Positives Denken ist ein säkulares Dogma, das jeden selbst für sein Unglück verantwortlich macht.
- Datum 03.12.2010 - 13:14 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 25.11.2010 Nr. 48
- Kommentare 20
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Ich bin optimistisch, dass es wirklich gut ist XD
du musst frustriert sein, weil es evt. der Wahrheit entspricht. ^^
schon haben wieder Leute Appetit nach Neuem aus USA, wenn sich die Positiv-Welle nicht mehr verkauft, dann kommt eben die andere.............
Verkaufen ist immer.
Clever die Cowboys.
Guter Spruch - auch wenn die Ironie anscheinend nicht für alle ersichtlich ist ;)
du musst frustriert sein, weil es evt. der Wahrheit entspricht. ^^
schon haben wieder Leute Appetit nach Neuem aus USA, wenn sich die Positiv-Welle nicht mehr verkauft, dann kommt eben die andere.............
Verkaufen ist immer.
Clever die Cowboys.
Guter Spruch - auch wenn die Ironie anscheinend nicht für alle ersichtlich ist ;)
du musst frustriert sein, weil es evt. der Wahrheit entspricht. ^^
Ich würde mal wieder zum Mittelmaß raten wollen.
Natürlich ist es Unfug angesichts fallender Dachziegel und knarzendem Gebälk in "wird-schon-gutgehen"-Stimmung sitzen zu bleiben.
Genauso fragwürdig ist es aber auch jedes stabile, sorgsam gezimmerte Dach mit Argwohn zu beobachten.
Egal ob man optimistisch, pessimistisch oder subjektiv-realistisch an eine Sache heran geht, die wichtigste Erkenntnis ist immer noch die Akzeptanz der eigenen Grenzen und der Unmöglichkeit absoluter Gewissheit oder Berechenbarkeit.
Insofern verstehe ich die letzten Sätze des Artikels nicht als Kritik am Optimismus an sich, sondern an dessen unreflektierter und grenzenloser Anwendung.
ich schließe mich im großen und ganzen kommentar #3 an.
ein gesundes mittelmaß hat noch nie geschadte.
des weiteren halte ich die darstellung für falsch, dass eine "es wird schon klappen"-mentalität eine "laß es uns anpacken"-mentalität ausschliesßt. es läßt sich doch beides so schon vereinen in einer "wir packen es an, damit es klappt"-mentalität. warum so soll da eine gesunde portion optimismus falsch sein?
zu kommentar #5:
sie schreiben:
"Das so genannte "Positive Denken" ist eigentlich eine Anleitung zum Unglücklichsein, denn es weckt überzogene, nie einzulösende Erwartungen -- und bürdet die Schuld für das Versagen dem Individuum auf."
ich halte positives denken nicht für eine pauschale anleitung zum unglücklich sein. überzogene und nie einzulösende erwartungen -von manchen auch "träume genannt- haben doch auch etwas gutes: sie lassen uns danach streben. wie sie aber ganz richtig sagen, kommt es darauf an, wie man damit umgeht diese nicht zu erreichen. und da liegt meiner meinung nach der schlüßel: wegstecken und weitermachen dann ist alles in ordnung; am boden zerstört sein -> bester weg zur selbstzerstörung.
und zu guter letzt:
"hoffe auf das beste, erwarte das schlimmst und nehme es wie es kommt" :)
ich schließe mich im großen und ganzen kommentar #3 an.
ein gesundes mittelmaß hat noch nie geschadte.
des weiteren halte ich die darstellung für falsch, dass eine "es wird schon klappen"-mentalität eine "laß es uns anpacken"-mentalität ausschliesßt. es läßt sich doch beides so schon vereinen in einer "wir packen es an, damit es klappt"-mentalität. warum so soll da eine gesunde portion optimismus falsch sein?
zu kommentar #5:
sie schreiben:
"Das so genannte "Positive Denken" ist eigentlich eine Anleitung zum Unglücklichsein, denn es weckt überzogene, nie einzulösende Erwartungen -- und bürdet die Schuld für das Versagen dem Individuum auf."
ich halte positives denken nicht für eine pauschale anleitung zum unglücklich sein. überzogene und nie einzulösende erwartungen -von manchen auch "träume genannt- haben doch auch etwas gutes: sie lassen uns danach streben. wie sie aber ganz richtig sagen, kommt es darauf an, wie man damit umgeht diese nicht zu erreichen. und da liegt meiner meinung nach der schlüßel: wegstecken und weitermachen dann ist alles in ordnung; am boden zerstört sein -> bester weg zur selbstzerstörung.
und zu guter letzt:
"hoffe auf das beste, erwarte das schlimmst und nehme es wie es kommt" :)
es ist praktisch, den armen, kranken, benachteiligten die schuld zuzuweisen für ihre situation.
das kennt man aus dem katholiszismus, wo man lernt, wenn gott ein gebet nicht erhört, dann liegt es daran, dass man nicht richtig glaubt - selbst schuld.
aus verschiedenen esotherischen strömungen, wo man lernt, krank wird man nur wenn man es zuläßt - selbst schuld.
und ich selbst habe einen ganz besonderen auswuchs erlebt - starke frauen bekommen töchter, schwache frauen söhne - selbst schuld, du mit deinem sohn....(eine tochter als eintrittskarte in die welt der emanzipierten frauen...)
also nix neues im prinzip. neu scheint mir die dimension zu sein, die weit über den alltag der einzelnen hinaus rettung für alle fordert - und im gegenzug nirgends mehr gesellschaftliche verantwortung ortet.
kein wunder wenn man daran scheitert.
schwierig trotzdem sich eine derart massiven strömung zu entziehen....
auch mir macht es lust auf die thesen des buches.
@ chaotica: in gefahr und in der not ist das mittelmass der tod.
das sollte man nie vergessen ;)
Jeder von uns weiß, dass man nichts erreicht, wenn man nur jammert und seinen Hinter nicht bewegt. Die Motivationsindustrie will den Menschen aber einreden, JEDER könne ALLES erreichen, wenn er es nur wolle. Das ist natürlich Unfug. Theoretisch können viele Menschen Millionär werden, praktisch werden es nur wenige. Und selbst wenn es alle schafften, dann wären sie relativ gesehen genauso arm oder reich wie vorher...
Das so genannte "Positive Denken" ist eigentlich eine Anleitung zum Unglücklichsein, denn es weckt überzogene, nie einzulösende Erwartungen -- und bürdet die Schuld für das Versagen dem Individuum auf. Leider beruht ein Gutteil unseres Wirtschaftssystems auch auf diesem Wahn, immer neue Bedürfnisse zu wecken, die vermeintlich befriegt werden müssen. Dbaie bleiben dann die eigentlichen, menschlichen Qualitäten des Lebens auf der Strecke.
Wieviel menschenfreundlicher ist doch die Haltung, einfach sein Bestes zu geben und dann mit dem zu leben, was herauskommt. Oder, wie es der Dramatiker Samuel Beckett mal formuliert hat: Es kommt nicht drauf an, wie oft man scheitert. Es kommt drauf an, jedes Mal ein bisschen besser zu scheitern. Ein Ex-Kollege sagte mir mal, diese Haltung sei ihm zu fatalistisch. Er war übrigens Amerikaner ...
schon haben wieder Leute Appetit nach Neuem aus USA, wenn sich die Positiv-Welle nicht mehr verkauft, dann kommt eben die andere.............
Verkaufen ist immer.
Clever die Cowboys.
Wie kommt es, dass ich exakt diesen Artikel hier vor geschätzt einem Jahr schonmal gelesen habe?
ist vor einem jahr unter dem titel "bright-sided" erschienen.
das hätte man allerdings als journalist bemerken können....
ist vor einem jahr unter dem titel "bright-sided" erschienen.
das hätte man allerdings als journalist bemerken können....
Deiesr Zwang glücklich zu sein und der Massenkonsum von Antidepressiva, erinnert mich stark an Aldous Huxley's "Brave New World" speziell an Soma und Orgy Porgy. Das einzige was uns noch fehlt sind effizientere Medikamente.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren