Amerikaner sind keine Cowboys. Sie tragen zwar manchmal noch verwegene Hüte und geländegängige Stiefel, doch die dazu passenden Männertugenden scheinen ziemlich aus der Mode gekommen. Wo sind heute die harten Jungs, die keine großen Worte machen, sondern einfach das Richtige tun? Die bei Hochwasser in den Fluss reiten, um eine Herde Rinder zu retten – obwohl es gar nicht ihre eigene ist? Früher war Draufgängertum noch Ehrensache, bis sich der Typus des falsch lächelnden Finanzhais durchsetzte. Doch seit der sein Land an den Rand des Ruins gepokert hat, wächst wieder die Sehnsucht nach der guten alten Ehrlichkeit: cowboy values – zurückerobern, wofür Amerika einst stand.

Die Amerikaner wissen ja selbst, dass sie keine Cowboys mehr sind. Nur die Europäer nennen George W. Bush noch einen Revolverhelden, als genügte zur Erlangung dieses Titels schon ein Krieg und der Kauf der Prairie Chapel Ranch. In Wahrheit verdankte sich Bushs Regierungsstil wohl eher der Tatsache, dass er als Schulkind Cheerleader gewesen war. Ja, amerikanischer Anfeuerungssport ist auch Männersache, und Bush hatte den Jubel, die Siegergesten und den ganzen geballten Zweckoptimismus so sehr verinnerlicht, dass er sich Niederlagen einfach nicht mehr vorstellen konnte. »Ich bin optimistisch« lautete sein Standardsatz im Weißen Haus, mit dem er die Berater zur Verzweiflung trieb – weil Mr President die Probleme fröhlich vom Tisch wischte, anstatt sie anzupacken.

Immer lächeln, aber wenn es stressig wird, wild in der Prärie rumballern: Das ist der neue Führungsstil, der nach Meinung von Amerikas smartester Ideologiekritikerin dazu führte, dass die Katastrophen des letzten Jahrzehnts ihr Land so kalt erwischten: Terror, New-Economy-Blase, Finanzcrash. Deshalb warnt Barbara Ehrenreich aus Montana, dem einzig wahren Cowboystaat, uns jetzt vor einem Realitätsverlust, der zur globalen Epidemie werden könnte. »An der Wende zum 21. Jahrhundert erreichte der amerikanische Optimismus einen manischen Höhepunkt«, schreibt sie, »doch trotz der wahnhaften Erwartungen an Machtpolitik und Marktfundamentalismus ging es zehn Jahre später den meisten Amerikanern schlechter.«

Smile or Die (Lächle oder stirb) heißt Ehrenreichs neues Buch, das von der verdummenden Ideologie des positiven Denkens handelt. Anhand prominenter Beispiele aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft schildert sie die demoralisierende Wirkung einer selbst verordneten Hurrakultur. »Lösen Sie sich von negativen Menschen!« lautet ein Slogan aus der boomenden Motivationsbranche, der die Autorin zu der bangen Frage veranlasst: Warum braucht eine Nation, die sich für die glücklichste der Welt hält, zwei Drittel aller weltweit produzierten Antidepressiva? Ihre These: Der Zwang zum Glücklichsein macht nicht nur blind für die Realität, sondern wegen des ständigen Scheiterns eigener Glücksansprüche auch depressiv.

Smile or Die als Antimotivationsbuch lebt jedoch nicht vom Gestus eines triumphierenden Antiamerikanismus, sondern von der Furcht, das Land der Freiheit könnte eines Tages an Kritikunfähigkeit zerbrechen. Im Nachhinein ist Bill Clintons supereuphorische Millenniumsrede über die Krisenfestigkeit der USA schon gruselig, wenn man bedenkt, dass nur wenige Monate später einfach mal so die riesige New Economy platzte. Oder das Beispiel Lehmann Brothers: Die warfen 2006 den Chef ihrer Immobilienabteilung raus, bloß weil er das riskante Geschäftsmodell seiner Bank kritisiert hatte. Zwei Jahre später platzten dann »plötzlich und unerwartet« die ungedeckten Schecks eines ganzen Bankensystems.

Aber war die Ära des »Erwache und lache« damit vorbei? Ehrenreich fürchtet, dass es jetzt erst richtig losgeht. Sie hat ja den Zwang zum positiven Denken am eigenen Leib erlebt, als sie nach ihrer Brustkrebsdiagnose in eine Heile-dich-selbst-Maschinerie geriet, die selbst dem Todkranken noch negative Gefühle verbietet und ihn auffordert, die Katastrophe als Chance zu sehen. Krebs ist aber keine Chance, auch wenn die Autorin zugibt, in Sachen Gesundheit furchtbar optimistisch gewesen zu sein. »Ich ernährte mich vernünftig, trieb Sport, und außerdem waren meine Brüste so klein, dass ein oder zwei Knoten meine Figur nur verbessern konnten.«

Dass sie trotz ihres Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit mit 61 Jahren Krebs bekam, war der Beginn ihres publizistischen Feldzuges gegen die Alles-wird-gut-Gesellschaft, die nicht wahrhaben will, dass sie sterblich ist. Kühl analysiert Ehrenreich all die Wunderheiler, Hersteller von Schutzengeln und Verkäufer falscher Hoffnung. Deren Pech ist, dass die Autorin mal einen Doktor in Zellbiologie gemacht hat und präzise vorrechnen kann, warum Krebsvorsorge durch gute Gedanken reiner Betrug ist. Nur an einem Punkt gerät sie in Rage, nämlich bei der verordneten Munterkeit in den Selbsthilfegruppen, die sich weigern, auch nur das Wort »Patient« zu benutzen. Dagegen setzt Ehrenreich ihre Trauer und ihre Wut, insbesondere auf die Pointe des positiven Denkens, dass wir den Schmerz lächelnd ertragen sollen. Hier schließt sie direkt an frühere Bücher wie Angst vor dem Absturz oder Qualifiziert und arbeitslos an: Positives Denken ist ein säkulares Dogma, das jeden selbst für sein Unglück verantwortlich macht.