Wahlen Im Griff des Präsidenten

Ägypten wählt ein neues Parlament. Doch die Demokratie kommt unter Hosni Mubarak nicht voran.

Leicht könnte man die Parlamentswahl an diesem Sonntag als eine weitere Episode in der eher traurigen Geschichte der ägyptischen Wahlen abtun. Die herrschende Nationaldemokratische Partei (NDP) von Präsident Hosni Mubarak wird mindestens zwei Drittel der Sitze in der Volksversammlung, dem Unterhaus, gewinnen und sich damit die Kontrolle über künftige Verfassungsänderungen sichern. Weil die Abgeordneten direkt gewählt werden, können die Bewerber sich von Parteien aufstellen lassen oder als Unabhängige antreten. Doch die Kandidaten der Opposition haben mit großen Problemen zu kämpfen; zu Recht fürchten ägyptische Bürgerrechtsaktivisten, dass ihnen der freie Zugang zu den Wahlbüros verwehrt wird und dass internationale Wahlbeobachter auch in diesem Jahr nicht zugelassen werden.

Und doch ist die Bedeutung dieser Wahl nicht zu unterschätzen. Am Ende der fast drei Jahrzehnte währenden Präsidentschaft von Hosni Mubarak wird Ägyptens politische Kultur auf den Prüfstand gestellt. Seit Jahren wehren der Präsident und andere ranghohe Politiker in Regierung und NDP sich gegen die Forderung nach politischen Reformen. Ihr Argument: Der Reformprozess schreite voran, er entspreche in seiner Geschwindigkeit der konservativen Ausrichtung des Landes und gehe Turbulenzen aus dem Weg. Aber stimmt das? Wird die Wahl diesmal freier, fairer, transparenter sein, und wird die Regierung eine stärkere Beteiligung zulassen als bei der letzten Parlamentswahl im Jahr 2005?

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Vertreter der NDP können ins Feld führen, dass zwei wichtige Änderungen seit 2005 den Verlauf der aktuellen Wahlen positiv beeinflussen könnten: die Einrichtung einer unabhängigen Wahlkommission und die Einführung einer Frauenquote in der Volksversammlung. Auf den ersten Blick scheint eine Wahlkommission eine Verbesserung gegenüber der bisherigen richterlichen Überprüfung. Doch auch wenn es angesichts der mehr als 50000 Wahllokale viel zu wenige Richter gab, bewiesen sie im Jahr 2005 Integrität und Unabhängigkeit. Die Wahlkommission dagegen gibt bislang ein trostloses Bild ab. Sie verhinderte nicht, dass bei den Kommunalwahlen 2008 und bei den Wahlen 2010 für die Schura, das Oberhaus, viele Oppositionskandidaten ausgeschlossen wurden, und sie unterstützte auch die Arbeit der Wahlbeobachter nicht. Die Frauenquote hingegen könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Sie wird jedoch nur dann zu größerer politischer Freiheit führen, wenn die 64 Sitze, die Frauen vorbehalten sind, im freien Wettbewerb erstritten werden. Im Moment fürchten viele Beobachter, dass die Frauenquote nur ein weiteres Kontrollinstrument der NDP sein wird.

Amr Hamzawy

ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Kairo und leitet die Forschungsabteilung am Carnegie Center in Beirut

Während die Oppositionsgruppen sich 2005 über die Notwendigkeit der Teilnahme an der Wahl einig waren, gehen ihre Meinungen heute auseinander. Einige Gruppen, etwa die liberale Al-Ghad-Partei und die liberale Nationaldemokratische Front, wollen die Wahlen boykottieren als Protest gegen die Weigerung der NDP, die Forderungen nach Fairness und Transparenz der Wahlen umzusetzen. Die kompetentesten und am besten organisierten Oppositionsgruppen dagegen, die liberale Wafd-Partei und die Muslimbruderschaft, haben sich für die Teilnahme entschieden. Wafd und Muslimbrüder begründen ihren Beschluss mit vier Argumenten: Erstens würde der Boykott oppositionelle Parteien und Bewegungen von der parlamentarischen Mitarbeit ausschließen. Zweitens würden Präsenz im Volk und organisatorische Qualitäten abnehmen, weil das direkte Gespräch mit den Wählern und die Verjüngung der im Wahlkampf aktiven Kader wegfallen würden. Drittens könne der Boykott der NDP zur Alleinbestimmung über die Wahlen verhelfen. Und schließlich habe die in den Wahlen aktive Opposition die Möglichkeit, Übergriffe zu dokumentieren und der nationalen und internationalen Öffentlichkeit zu zeigen, wie das Regime transparente Wahlen verhindere; der Mythos der demokratischen Legitimierung werde damit entlarvt.

Der Zwiespalt zwischen Boykott und Beteiligung zeigt, wie strukturell begrenzt die Möglichkeiten der Opposition noch immer sind. Auf der einen Seite hat das Regime den Wahlkampf fest im Griff, um die Hegemonie der NDP bei der Gesetzgebung zu sichern, auf der anderen Seite gesteht es der Opposition eine eingeschränkte Mitwirkung bei Wahlen und im Parlament zu.

Wenige Tage vor der Parlamentswahl wiederholen die ägyptischen Regierungsvertreter gebetsmühlenartig ihre Geschichte: Diese stolze Nation braucht keine internationalen Beobachter, denn die Wahlen werden gemäß den Geboten der Verfassung durchgeführt. Dabei verschweigen sie, dass bereits frühere Wahlen regelmäßig manipuliert und häufig von Gewalt begleitet wurden.

Ein wichtiges Signal für einen möglichen Fortschritt wird es sein, ob die nationale Wahlkommission die etwa 14.000 ägyptischen Bürgerrechtsaktivisten als Wahlbeobachter zulässt. Bei den Wahlen zur Schura im Juni akzeptierte die Kommission nur wenige Beobachter, noch dazu erst in letzter Minute, und sie wies die Wahlhelfer auch nicht an, den Beobachtern den Zutritt zu den Wahllokalen zu gestatten. In der Vergangenheit riegelte das Innenministerium Wahllokale in Bezirken ab, in denen ein prominenter regierungsfreundlicher Kandidat einem starken Opponenten gegenüberstand; in der Folge kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Wählern, die sich Zutritt verschaffen wollten. Schlägertrupps im Auftrag der Sicherheitsdienste oder bestimmter Kandidaten schüchterten Bewerber ein, sie belästigten Frauen und griffen Wähler, Beobachter und Journalisten an, während die Polizei wegsah. Wird es in diesem Jahr anders sein?

Leser-Kommentare
  1. Islamische Staaten wie auch ihre Bürger kommen mit demokratischen Strukturen nicht zurecht. Demokratie und der durch die Scharia gelebete Islam widersprechen sich. Das haben die meisten noch nicht kapiert. Das dachte auch Bush als er den Irak demokratisieren wollten ganz abgesehen von den Demokratisierungsversuchen von Afgahnistan.

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    Sorry, aber Ägypten mit dem Irak oder Afghanistan zu vergleichen ist doch etwas sehr feist.
    Mich würde interessieren worin genau die Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie besteht?
    Offensichtlich sind die Ägypter in der Lage Parteien zu bilden, sich politisch zu positionieren und zu organisieren. Von "nicht zurecht kommen" sehe ich da wenig. Das einzige womit sie nicht zurecht kommen ist der ägyptische Polizei- und Folterstaat; und in diesem Kampf ist die Religion herzlich egal.

    Sorry, aber Ägypten mit dem Irak oder Afghanistan zu vergleichen ist doch etwas sehr feist.
    Mich würde interessieren worin genau die Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie besteht?
    Offensichtlich sind die Ägypter in der Lage Parteien zu bilden, sich politisch zu positionieren und zu organisieren. Von "nicht zurecht kommen" sehe ich da wenig. Das einzige womit sie nicht zurecht kommen ist der ägyptische Polizei- und Folterstaat; und in diesem Kampf ist die Religion herzlich egal.

  2. Sorry, aber Ägypten mit dem Irak oder Afghanistan zu vergleichen ist doch etwas sehr feist.
    Mich würde interessieren worin genau die Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie besteht?
    Offensichtlich sind die Ägypter in der Lage Parteien zu bilden, sich politisch zu positionieren und zu organisieren. Von "nicht zurecht kommen" sehe ich da wenig. Das einzige womit sie nicht zurecht kommen ist der ägyptische Polizei- und Folterstaat; und in diesem Kampf ist die Religion herzlich egal.

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  3. 3. ~ 1260

    Ich kenne mich in Äqypten nicht aus. Ich glaube, ich habe sogar in meinen ganzen Leben nur zwei dort Geborene getroffen, die aber beide schon einige Jahre in Deutschland lebten. Also kann ich mich nur auf das stützen, was allgemein bekannt ist, Teil der Geschichte oder nach außen als Wirkung auftritt.

    Was muss ich dann feststellen? Gewiss ist Mubarak irgend wie ein bisschen wie ein Diktator, gewiss ist Äqypten keine lupenreine Demokratie. Aber in den letzten Jahrzehnten gab es keine großen Konflikte mit Nachbarstaaten und keine zu großen Unruhen im Innern. Es ist stabil, beispielsweise trotz der Geschichte bezüglich Israel und trotz der Nähe zum Sudan. Es trat eher vermittelnd auf, auch bezüglich islamistischer Vorstellungen.

    Daher erlaube ich mir die Frage, ob man mit Ansprüchen an diese Nation herantreten sollte, die von einem westlichen Ideal geprägt sind, und verweise auf Jugoslawien oder Afghanistan, ja sogar auf den Irak, wenn man Saddam Husseins negative Ausraster ignoriert. Ist es wirklich besser, Freiheiten als zusätzliches Muss zu erklären, um auf dem Weg der Umsetzung die Basis für das Ganze zu zerstören?

    Vielleicht wäre in manchen Fällen ein Betonen der positiven Anteile wertvoller, um eine Politik der kleinen Schritte zu verfolgen. Aber ich sage das nur als Hinweis, mit eigenen Zweifeln.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. 4. Koran

    Der Koran regelt nun mal auch alle/viele Dinge des allgemein Lebens. Und zwar
    Auf eine mittelalterliche Art und Weise.
    So kann man in der Tat "Gottesstaaten" miteinander vergleichen.
    Dass das nicht Demokratie freundlich ist liegt auf der Hand.
    Wenn der Koran über allem steht und allgemein gültige Regeln enthält
    Ist das Religions Diktatur.

    • fox85
    • 28.11.2010 um 3:07 Uhr

    Unsere Demokratie gibt's schon sooo lange. Also.. seit nach dem letzten verlorenen Krieg! Ist schon komisch, dass 2000 oder 1400 Jahre alte Religionen nicht zu unserer modernen Demokratie passen...

    Frauendiskriminierung, Antisemitismus und Schwulenfeindlichkeit sind aber keine Erfindungen des Islam, schon gar nicht des Korans! Und zu den 3 Stichworten führe ich als (allerdings etwas hartes) Beispiel mal die Puisbruderschaft an...
    Was vielleicht auch den Kern dieser ägyptischen, iranischen, afghanischen, türkischen und irakischen (um nur die allergängigsten zu nennen) Probleme etwas besser erklärt: Dinge, über die wir uns (zu Recht!) aufregen wie Zwangsheiraten, Parallelgesellschaften oder Ehrenmorde sind eher Traditionalisten anzulasten als einfach einer Religion! Da sollte man im jeweiligen Fall etwas genauer hinsehen...

    Und wer jetzt meint, dass der Islam zwangsläufig etwas mit Diktaturen zu tun hat, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es auch hier keinen direkten Zusammenhang gibt! (Gab's da nicht mal ein Konkordat mit Deutschland?)
    Und im dritten Kommentar steht einiges zu positiven (jahrzehntelangen!) außenpolitischen Entwicklung Ägyptens - sollte man mal mit anderen Staaten in Nordafrika oder im nahen Osten vergleichen...

    LG das Füchsle

  5. Das Problem, das die Ägypter haben zur Demokratie zu finden, ist leider schwer zu beheben: es besteht seit ca. 100 Jahren und besteht u.a. in seiner strategisch wichtigen Lage: ein hochwichtiger Seeweg führt hindurch.
    Hinzu kommt ein Nachbar, der ebenfalls wenig Interesse an demokratischen Verhältnissen im Land hat.
    In erster Linie ist es aber schlicht die US-Regierung, die dafür sorgt, dass das Land nicht demokratisch wird - zu leicht könnte dabei politisch etwas anbrennen.

    Da hält man sich doch lieber einen Hosni Mubarak und stützt ihn durch üppige Militärhilfe und Geheimdienstcoaching, wie nun schon seit Jahrzehnten.
    Und die Israelis helfen gern mit: sie haben in Mubarak einen verlässlichen Partner, der die Palästinenser in Schach hält.

    Wer einmal darauf schaut, welche Länder des Nahen Ostens heftigsten Beschuss, Bombardierungen, die Vernichtung großer Teile ihrer Infrastruktur, ganzer Wohnviertel, Krankenhäuser, Schulen, eine vierstellige Zahl an Toten usw. durch die israelische Luftwaffe erleben mussten, wird feststellen: es waren die beiden einzigen Länder mit demokratisch gewählten Regierungen. Das ist also dort eher ungesund.

    Den unkundigen Kommentatoren dieses Artikels ist offenbar nicht bekannt, dass Mubarak mit den Korananhängern seines Landes auf dem Kriegsfuss steht - sonst wären sie sicher damit zufrieden, dass er dafür sorgt, dass es in seinem Land nicht zu demokratischen Verhältnissen kommt.

  6. im Artikel:" Doch die Demokratie kommt unter Hosni Mubarak seit fast dreißig Jahren nicht voran."

    Anschaulicher Unterricht in Sachen Unvereinbarkeit von Demokratie und Islam,für solche Menschen, die immer noch daran glauben,dass diese beiden je kompertibel sein könnten.

  7. wehrlos gegen organisierte Kriminalität, Terrorismus und
    eine abgehobene politische Klasse. Wieso soll diese
    Gesellschaftsform für die moslemische Welt erstrebenswert
    sein?

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