Wo sind die großen Löcher?" Diese Frage stellten sich Eugen Perau und drei Professorenkollegen von den Universitäten Duisburg-Essen und Bochum auf der Suche nach der Lösung eines unserer drängendsten Energieprobleme: fehlende Speicher für Ökostrom. Grüner Strom aus Wind und Sonne wird zunehmend produziert, doch leider nicht immer dann, wenn er gebraucht wird.

Konzepte für Pumpspeicherkraftwerke im Untertage- und Tagebau. Klicken Sie auf das Bild für eine vergrößerte Ansicht © ZEIT-Grafik

Als hervorragende Zwischenlager gelten vor allem Pumpspeicherkraftwerke. Ist zum Beispiel nachts zu viel Strom vorhanden, pumpen sie Wasser hoch in ein großes Becken. Braucht man am Tag plötzlich Strom, lässt man das Wasser über eine Turbine wieder hinab in ein riesiges Reservoir schießen. "Im Ruhrgebiet wird viel Strom gebraucht, aber hier gibt es keine Berge", sagt Perau. "Deshalb haben wir in die andere Richtung gedacht: nach unten."

Große Löcher gibt es im Revier reichlich, schließlich höhlen hier Bergleute seit mehr als 150 Jahren den Untergrund aus. Im Jahr 2018 soll aber Schluss sein mit dem Bergbau, dann laufen die Subventionen für die Steinkohle aus. Das wäre eine Gelegenheit: "Die alten Schächte könnte man für Pumpspeicherwerke nutzen – unter Tage", erklärt Perau. Der Mann ist Leiter des Fachgebiets Geotechnik an der Universität Duisburg-Essen. Mit seinen drei Forscherkollegen – einem Geologen, einem Wasserbau-Ingenieur und einem Energieökonom – dachte er noch weiter: Gleich nebenan, im rheinischen Braunkohlerevier, könnte man mächtige Wasserrohre und -reservoire in alten Tagebauen verstauen, bevor diese zugeschüttet werden. "So könnte man noch ein großes Loch nutzen, das nicht mehr gebraucht wird", sagt Perau. In seiner Stimme schwingt die Freude des Ingenieurs an der eleganten Idee mit.

Tatsächlich könnten weitgehend in der Erde versteckte Pumpspeicherkraftwerke den Konflikt entschärfen zwischen dem wachsenden Bedarf an grüner Energie und dem Umweltschutz. Die beiden Ziele der Ökobewegung geraten zunehmend auf Kollisionskurs. Bislang müssen nämlich für neue Ökostromspeicher ganze Bergkuppen gesprengt, Staudämme betoniert und Täler geflutet werden. Dagegen protestieren derzeit Umweltschützer im Südschwarzwald, wo die Schluchseewerk AG Deutschlands größtes Pumpspeicherwerk .

Konzepte für Pumpspeicherkraftwerke an Berghalden und Steilküsten. Klicken Sie auf das Bild für eine vergrößerte Ansicht © ZEIT-Grafik

Untertage-Speicher hingegen würden keine Naturlandschaft verschandeln, sondern die nach dem Ende der fossilen Energiegewinnung ohnehin brachliegende Infrastruktur geschickt für den grünem Strom nutzen. Dessen wachsende Überschüsse werden heute oft zu "negativen Preisen" ins Ausland verschoben.

Wie die neuen Projekte genau funktionieren, wie viel Strom sie speichern könnten und vor allem wie teuer das würde, ist noch unklar. Perau gibt zu: "Wir wollen erst einmal die Idee vorstellen und von den Unternehmen, Politikern und Bürgern wissen: Wie findet ihr das?" Jetzt sei es an der Zeit zu diskutieren: "Wenn erst mal der Deckel auf den Schächten ist, wird’s schwierig." Den Bergwerksbetreibern von der RAG und den Tagebaubetreibern vom Energiekonzern RWE haben die Forscher ihre Vision schon vorgestellt. Doch dort trafen sie nur auf zurückhaltendes Interesse.

Das dürfte daran liegen, dass RAG und RWE inzwischen ihre eigenen Pläne im Revier verfolgen. Am Dienstag dieser Woche verkündeten die beiden Unternehmen auf einer Pressekonferenz eine neue Kooperation für Pumpspeicherkraftwerke im Ruhrgebiet. Sie suchen die Lösung allerdings nicht unter Tage, sondern oberirdisch: Auf Abraumhalden wollen sie Speicherbecken installieren, um dort Wasser hineinzupumpen.