Die Rente mit 67 ist eine Sackgasse. Einmal mehr entscheidet die Politik über die Köpfe der Menschen hinweg. Stur hält die Regierung an der Erhöhung des Renteneintrittsalters fest. Unter Konservativen und in vielen Kommentarspalten herrscht darüber große Genugtuung. Dabei lehnt eine Mehrheit von bis zu 80 Prozent in Umfragen die Rente mit 67 ab. Viele Politiker und Kommentatoren schelten diese Mehrheit Realitätsverweigerer. Aber die wenigsten Abgeordneten und Meinungsmacher kennen die Welt der Betriebe. Das ist elitäre Herablassung statt Realitätssinn.

Letzteren haben aber die Menschen in Produktionshallen, Büros und auf Baustellen. Sie sind die wahren Experten für ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Sie wissen genau, der 67-jährige Universitätsprofessor oder Politiker ist ein Talkshowgast fernab der Wirklichkeit. Arbeiten bis 67 ist für einen guten Teil der Beschäftigten unerreichbar. Jedenfalls solange Taktzeiten von einer Minute und weniger an Fließbändern und Maschinen zur Realität einer Hochleistungswirtschaft wie der deutschen gehören. Schicht- und Nachtarbeit prägen den Alltag vieler Arbeitnehmer, nicht altersgerechte Arbeitsplätze mit Rückenschule und Fitnessprogramm. Ramponierte Gelenke und ruinierte Nerven sind die Folgen. Gesund in den Ruhestand zu gelangen wird zum Privileg. Schon heute muss ein Drittel der Beschäftigten in der Industrie aus medizinischen Gründen vorzeitig ausscheiden. Ohne altersgerechte Arbeit entpuppt sich die Rente mit 67 für viele daher schlicht als Rentenkürzung.

Mit dem höheren Rentenalter etabliert die Politik eine technokratische und ungerechte Einheitslösung. Sie ignoriert die Verschiedenartigkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Warum soll jemand, der mit 16 Jahren zu arbeiten begonnen hat, ebenso bis 67 arbeiten müssen wie jemand, der erst mit Ende Zwanzig ins Erwerbsleben eintritt?

Auch als Ausweg aus dem von Arbeitgebern beklagten Fachkräftemangel taugt die Rente mit 67 kaum. Wenn die älteren Fachkräfte so wichtig für die Betriebe sind, warum beschäftigt man sie nicht? Das wäre heute schon möglich. Und vor allem: Wer Hunderttausende von jungen Menschen nicht ausbildet und die Weiterbildung zurückfährt, der sollte nicht mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit kommen. Warum erhöhen die Unternehmen nicht die Ausbildungszahlen, warum bieten sie Hochschulabsolventen oft nur Leiharbeit, schlecht bezahlte Praktika und befristete Arbeitsplätze?

Die Rentenpolitik hat die Menschen aus dem Blick verloren. Wen wundert es da, wenn die Resignation der Beherrschten über ihre gewählten Repräsentanten zunimmt. Die politischen Eliten tun gut daran, die Sorgen der Menschen nicht weiter zu ignorieren und gesellschaftliche Konflikte wie die Rente mit 67 nicht eskalieren zu lassen.

Die Bundesregierung müsste ihre Daten ernst nehmen und die Rente mit 67 aussetzen. Heute arbeiten nur 15 Prozent der 60- bis 65-Jährigen in normalen Vollzeitjobs. Dies ist keine Basis, um die Regelaltersgrenze anzuheben. Statt längerer Lebensarbeitszeit für alle brauchen wir ein Modell für einen flexiblen und fairen Übergang in den Ruhestand. Dabei ist die Dauer der Beitragszahlungen ebenso zu berücksichtigen, wie es die Belastungen im Arbeitsleben sind. An einem solchen Übergangskonzept arbeitet die IG Metall konstruktiv mit.

Die steigenden physischen und psychischen Belastungen in der Arbeitswelt müssen wir zusammen angehen. Dazu sollte die Bundesregierung Unternehmen, Gewerkschaften, Betriebsräte und Arbeitswissenschaftler an einen Tisch holen. Die »Humanisierung der Arbeitswelt«, einst ein Erfolgsmodell der siebziger und achtziger Jahre, gehört in den Fokus einer modernen Arbeitspolitik.

Übrigens: Die Rentenkassen leiden weniger unter der steigenden Menge der Älteren als unter der sinkenden Zahl der Beitragszahler und der Beitragshöhen. Deshalb kommt der Erhöhung der Erwerbsbeteiligung eine zentrale Rolle zu. Sichere Arbeitsplätze statt Leiharbeit, Befristungen und Niedriglohn würden die Einnahmenseite stärken. Am Arbeitsmarkt entscheidet sich, ob Rentenpolitik verlässlich ist oder nicht.

Berthold Huber ist seit November 2007 Erster Vorsitzender der IG Metall. Er hat Werkzeugmacher gelernt, Geschichte studiert und war Bezirksleiter in Baden-Württemberg