Medien-GAU in Sachsen Der Niederschlag von SebnitzSeite 3/3

Sie hatten viele Ideen. Ausbau der Messeauftritte auf Touristikmessen, 60.000 Mark. Besuch Bundeskanzler in Sebnitz, 1000 Mark. Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus – Zusatzvermerk: »dringend durchzuführen«, 500 Mark. Eine Supervision für alle vom Fall Betroffenen, 15.000 Mark. Bereitstellung von mehr Lehrstellen, 5000 Mark. Und: Tag der Sachsen in Sebnitz. Alles irgendwie gelungen, sagt Stadtrat Müller.

Dringlichster und teuerster Wunsch der Sebnitzer war die Rettung der Eisenbahnverbindung Sebnitz–Bad Schandau, »schnellstmöglich nachhaltig komplett sanieren« steht im Wie weiter- Plan. Die Kosten schätzte der Stadtrat auf 20 Millionen Mark. Biedenkopf versprach zu helfen. Die Sanierung kam, Sachsen gab Geld. Die Bahn fährt.

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Doch wie lange noch? Der neue Doppelhaushalt der Staatsregierung sieht Kürzungen im Nahverkehr vor. Der Verkehrsverbund Oberelbe teilt mit: Wenn es bei den Plänen bleibt, wird die Strecke Sebnitz–Bad Schandau eingestellt. »Die Eisenbahn war ein wesentlicher Punkt der versprochenen Aufwertung«, sagt Stadtrat Müller. Zehn Jahre später sei der Rückenwind passé. »Was als Aufwertung gedacht war, macht die Staatsregierung zunichte.«

Wie im Fall des Kinder- und Jugendhauses Schollheim am Bahnhof. Vor zehn Jahren stellten Freistaat und Landkreis eine dritte Sozialarbeiterin ein, die erste Sebnitzer Streetworkerin. Denn ein Problem mit Rechtsextremismus, das bestreitet niemand, hatte und hat Sebnitz wirklich. Die Stelle wurde nach drei Jahren nicht verlängert, als sich die Aufregung gelegt hatte.

Bürgermeister Ruckh sagt, er habe nie eine Sonderstellung für die Stadt gewollt. Man habe die Opferrolle nicht angenommen. Es fühlt sich wie ein Glück an, nun wieder die Probleme aller Kommunen zu haben. Endlich. Aber so sind die großen Pläne auch Pläne geblieben. Nur Kleinigkeiten wirken bis heute. Im Haus Deutsche Kunstblume läuft noch der PR-Film, den der Springer-Verlag damals drehte. Die Sebnitzer haben extra einen Vorführraum eingerichtet, aber er sieht aus wie eine Trauerhalle. Es gibt auch noch den Spielplatz, von Bild bezahlt. Er liegt unweit vom Markt. Grobkörniger Sand. Geschnitzte Indianer. Krakeleien unterm Kletterburgendach. Es gibt da Hakenkreuze, mit zittrigem Edding gesetzt. Aber auch Integrationsbeweise: »Miri + Svenja + Fatima + Marie = Freunde«. Ein Spielplatz ist Sebnitz vom Skandal geblieben, nur ein Spielplatz und eine Wetterstation sind die letzten Zeugen der schlimmen Zeit.

Die Eltern des toten Joseph sind längst weggezogen. Ihre frühere Apotheke betreibt seit zwei Jahren ausgerechnet jene Frau, die vor zehn Jahren noch Verdächtige im vermeintlichen Mordfall war. Ein Sebnitzer Treppenwitz, sagt Bürgermeister Ruckh. Wie das Ende einer Daily Soap.

Im Tourismus, sagt Mike Ruckh, laufe es heute nicht schlechter als in der ganzen Sächsischen Schweiz. Es gibt eine kleine, verschämte Ausstellung im Stadtmuseum; sie heißt: »Der Fall Joseph und die Presse«. Und der Ramschladen Conny’s Container am Markt verkauft rabattierte Miniatur-Grabsteine als Devotionalien für die Zeit um Totensonntag. Ihre Aufschrift ist wie ein Kommentar auf die Geschichte: »Unvergessen.«

Mitarbeit: Stefan Schirmer

 
Leser-Kommentare
    • pen71
    • 28.11.2010 um 20:11 Uhr

    Bleibt mir nur, mich für diesen wirklich guten Artikel bei Herrn Machowecz zu bedanken ... Und zu überlegen, warum es keine Kommentare dazu gibt.

    MfG

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sich grade woanders aufregen müssen, z. B. Plebiszit in der Schweiz.

    Was meine Person betrifft:
    Wozu immer wieder betonen, daß mein Vertrauen zu den Leitmedien dieser Republik gegen Null geht.

    Ich bin froh, dass mittlerweile Ruhe zu diesem Thema eingekehrt und die Zeit für eine differenzierte Rückschau gekommen ist.
    Ich bin damals auf das hiesige Gymnasium gegangen und wir haben die Lektion in Sachen Journalismus live mitbekommen. Die überspitzte und verfälschte Darstellung der Lage vor Ort in den Medien es klingt mir heute noch in den Ohren "das Dorf Sebnitz" [O-Ton Tagesschau] - die Stadt, die in Erinnerung an glorreichere Tage immer noch am Orteingangsschild sich als große Kreisstadt tituliert, ist nun wahrlich keine aufstrebende Stadt, aber ein Dorf, nun ja ;-)
    Aber das es tatsächlich Leute gab, die glauben das 50 Neonazis (für ein Dorf eine beträchliche Anzahl, nicht wahr) einen Jungen ertränken (ein zu Kind töten und das vor den Augen von mehren hundert anderen Kinder und Erwachsenen) und alle schauen weg, scheint mir immer noch nicht nachvollziehbar - es sei dann man möchte an die Mär vom bösen ostdeutschen Ort glauben. Getreu dem Motto mein Weltbild steht fest, bitt verwirren sie mich nicht mit Fakten.

    Ich möchte an dieser Stelle der Zeit ein Lob für ihre damalige in meinen Augen doch sehr ausgewogene Berichterstattung danken (tu felix Wochenzeitung).

    sich grade woanders aufregen müssen, z. B. Plebiszit in der Schweiz.

    Was meine Person betrifft:
    Wozu immer wieder betonen, daß mein Vertrauen zu den Leitmedien dieser Republik gegen Null geht.

    Ich bin froh, dass mittlerweile Ruhe zu diesem Thema eingekehrt und die Zeit für eine differenzierte Rückschau gekommen ist.
    Ich bin damals auf das hiesige Gymnasium gegangen und wir haben die Lektion in Sachen Journalismus live mitbekommen. Die überspitzte und verfälschte Darstellung der Lage vor Ort in den Medien es klingt mir heute noch in den Ohren "das Dorf Sebnitz" [O-Ton Tagesschau] - die Stadt, die in Erinnerung an glorreichere Tage immer noch am Orteingangsschild sich als große Kreisstadt tituliert, ist nun wahrlich keine aufstrebende Stadt, aber ein Dorf, nun ja ;-)
    Aber das es tatsächlich Leute gab, die glauben das 50 Neonazis (für ein Dorf eine beträchliche Anzahl, nicht wahr) einen Jungen ertränken (ein zu Kind töten und das vor den Augen von mehren hundert anderen Kinder und Erwachsenen) und alle schauen weg, scheint mir immer noch nicht nachvollziehbar - es sei dann man möchte an die Mär vom bösen ostdeutschen Ort glauben. Getreu dem Motto mein Weltbild steht fest, bitt verwirren sie mich nicht mit Fakten.

    Ich möchte an dieser Stelle der Zeit ein Lob für ihre damalige in meinen Augen doch sehr ausgewogene Berichterstattung danken (tu felix Wochenzeitung).

  1. was einem alles entgeht, liest man keine Bild Zeitung.
    Vielleicht sollten wir alle Fernsehsender mal eine Woche abstellen, dann treffen sich freundliche Leute draussen wieder, die sich lange nicht gesehen haben. Und der Geist des Landes weis wieder was sorgenfrei Leben bedeuted.
    Es kann einfach nicht gut sein, wenn das ganze Land sich kollektiv sorgt.
    Um Dinge, die aus der Feder von Chaos Autoren stammen.
    Und Pen 71, ja gekauft wird dieses Schmierblatt mit den Vorurteilen trotzdem, warum erschließt sich nicht meiner Kenntnis, vielleicht wegen den Lottozahlen, oder weil sie Großbuchstaben für ihre Erpresserbriefe brauchen, grins, Vielleicht auch, weil sie nicht wissen, das zuviel Wissen den Seelenfrieden stört, gerade aus solchen Zeitungen.

  2. sich grade woanders aufregen müssen, z. B. Plebiszit in der Schweiz.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. ... er sieht auf den ersten Blick gut aus, hat aber gewaltige Mängel.
    .
    Der wichtigste: Die Schuldigen von damals werden milde geschont und ihre Namen werden - ganz beiläufig - verschwiegen.
    .
    Da ist als Kardinalfehlgutachter der Herr Pfeiffer aus Hannover zu nennen, der noch heute ein Privatinstitut führt, dessen aktuelle kriminologische Beurteilungen nicht unbedingt besser zu sein scheinen als der damalige Bolzen. Herr Pfeiffer - zuvor SPD-Minister in Niedersachsen - hatte gutachterlich im Fall Abdullah das Unmögliche für plausibel verkauft: Dass Neonazis dem Kind auch noch Ritalin eingeflösst und es dann coram publico im öffentlich besuchten Schwimmbad ertränkt hätten. Diese Räuberpistole - mit jahrelanger Verspätung erstellt! - war Grundlage des Mediendesasters.
    .
    In Wahrheit hatte die Mutter des Jungen - eine Apothekerin und damit wohl urteilsfähig hinsichtlich Gefahren für Kinder - absolut verantwortungslos gehandelt, als sie das Nichtschwimmerkind (!!) mit seiner kleinen Schwester als "Aufsicht" ins Schwimmbad geschickt hatte. Das verantwortungslose Verhalten der Mutter hinderte den damaligen Kanzler Schröder nicht daran, sie demonstrativ und öffentlich in Berlin zu empfangen.
    .
    Dieses nur als kleine Nachlese beachtlicher Details, über die man nicht mit salbungsvoller Rhetorik hinweghuschen sollte.

  4. Was meine Person betrifft:
    Wozu immer wieder betonen, daß mein Vertrauen zu den Leitmedien dieser Republik gegen Null geht.

  5. (ein Schauplatz: Blog Störungsmeldung) der Meinungsmob lostobte ob der Untat der ewigen Faschisten in Sebnitz (Sachsen, Ostdeutschland, Deutschland) und bei jeder sich bietenden Gelegenheit dies gern wiederholt, da erscheint dieser Artikel doch eher schwach und reichlich zurückhaltend bzgl. der Frage nach Verantwortung und Konsequenzen.
    Die Darstellung der letzten 10 Jahre in Sebnitz ist ja auch nicht eigentlich das Kernthema - oder?

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Ich bin froh, dass mittlerweile Ruhe zu diesem Thema eingekehrt und die Zeit für eine differenzierte Rückschau gekommen ist.
    Ich bin damals auf das hiesige Gymnasium gegangen und wir haben die Lektion in Sachen Journalismus live mitbekommen. Die überspitzte und verfälschte Darstellung der Lage vor Ort in den Medien es klingt mir heute noch in den Ohren "das Dorf Sebnitz" [O-Ton Tagesschau] - die Stadt, die in Erinnerung an glorreichere Tage immer noch am Orteingangsschild sich als große Kreisstadt tituliert, ist nun wahrlich keine aufstrebende Stadt, aber ein Dorf, nun ja ;-)
    Aber das es tatsächlich Leute gab, die glauben das 50 Neonazis (für ein Dorf eine beträchliche Anzahl, nicht wahr) einen Jungen ertränken (ein zu Kind töten und das vor den Augen von mehren hundert anderen Kinder und Erwachsenen) und alle schauen weg, scheint mir immer noch nicht nachvollziehbar - es sei dann man möchte an die Mär vom bösen ostdeutschen Ort glauben. Getreu dem Motto mein Weltbild steht fest, bitt verwirren sie mich nicht mit Fakten.

    Ich möchte an dieser Stelle der Zeit ein Lob für ihre damalige in meinen Augen doch sehr ausgewogene Berichterstattung danken (tu felix Wochenzeitung).

  7. wurde damals sozial exekutiert. Und das, weil einige westdeutsche Gutmenschen inkl. der unterstützenden Journalisten sich in ihrer Vorurteilsbeladenheit gegenüber Ostdeutsche um jeden Preis bestätigt sehen wollten.

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