Keine Oper ohne Sakrileg. Diesen Eindruck muss gewinnen, wer sich regelmäßig neuen Operninszenierungen aussetzt. Seit der Bruch sexueller Tabus keine besondere Aufregung mehr auslöst, hat man sich an den Bruch religiöser Tabus gemacht. Aber auch das verbraucht sich. Denn seit Dan Browns Sakrileg zum Weltbestseller wurde, haben die meisten ohnehin vergessen, was ein Sakrileg ist, nämlich »die Entweihung heiliger Orte oder Sachen durch Schändung oder Raub, die geweihter Personen durch Beleidigung in Wort und Tat«. Inzwischen ist die Entweihung dessen, was anderen heilig ist, zur Normalität geworden. Jedenfalls in Berlin gehört die Banalisierung des Heiligen zum festen Repertoire der Opernregisseure. Zuletzt hat Robert Schwab das mit seiner Neuinszenierung von Mozarts Don Giovanni in der Deutschen Oper wieder bestätigt.

Nun gehört es ohne Zweifel zu den Forderungen der Toleranz, Zumutungen der Kunst zu ertragen. Das war die Quintessenz des Streits, der im Jahr 2006 um eine Berliner Inszenierung von Mozarts Idomeneo durch Hans Neuenfels ausbrach. Die Inszenierung war damals längst nicht mehr neu. Schon im Jahr 2003 hatte Neuenfels den Schluss der Oper folgendermaßen in Szene gesetzt: Auf der Bühne erscheint Idomeneo nicht nur mit dem abgehackten Kopf Poseidons, der ihn zuvor dazu gezwungen hat, seinen Sohn Idamante zu töten. Vielmehr bringt der Kreterkönig auch noch die Köpfe von Jesus, Mohammed und Buddha mit. Nur der Mohammed-Kopf rief plötzlich, mehr als drei Jahre nach der Premiere, Empörung hervor. Die Kampagne gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen sollte, so wurde nun befürchtet, in Berlin eine Fortsetzung finden. Die Wiederaufnahme der Inszenierung wurde vertagt; über alle Parteigrenzen hinweg sahen Politiker die Kunstfreiheit in Gefahr.

Auch ich habe mich damals dagegen gewehrt, dass die Drohung mit Gewaltakten oder doch die Furcht vor ihnen dazu führt, eine Operninszenierung abzusetzen. Wer sich in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt, sollte die Ernsthaftigkeit dieser Gefühle gerade dadurch zeigen, dass er auf die Drohung mit Gewalt und erst recht auf deren Anwendung konsequent verzichtet. Ich fragte mich freilich zugleich, warum Operninszenierungen die Freiheit der Kunst vor allem in der Form des Sakrilegs unter Beweis stellen müssen. Bei der Idomeneo-Inszenierung konnten kluge Beobachter dies noch erklären. Idomeneo, so erläuterte der Kritiker der ZEIT, hat »allen nur denkbaren überirdischen Instanzen den Garaus gemacht und die Fesseln seiner Fremdbestimmtheit gekappt. Jetzt ist er endlich frei. Und das Licht erlischt.«

Freilich konnte von »allen nur denkbaren« religiösen Instanzen keine Rede sein. Hans Neuenfels ließ, durchaus nachvollziehbar, die jüdische Religion unangetastet. Den abgeschlagenen Kopf des Mose, des Propheten Israels, brachte er nicht auf die Bühne. Vermutlich – und hoffentlich – hinderte ihn die millionenfache Gewalt gegen Glieder des jüdischen Volks an solch einer Ruchlosigkeit.

Maria mit Fluppe – einen Sinn haben solche Tabubrüche meist nicht mehr

Doch der bewusste Tabubruch trägt seinen Wert anscheinend in sich selbst. Die Banalisierung religiöser Symbole ist keineswegs auf eine plausible Interpretation angewiesen. Sie spielt mit dem Reiz der Verkehrung. Noch während des Idomeneo-Streits von 2006 konnte man in einem anderen Berliner Opernhaus ein Kruzifix sehen, das sich unversehens als Messerscheide für ein Mordwerkzeug erwies. Bald darauf war, wiederum in der Deutschen Oper, eine Marienstatue auf der Bühne installiert; was man für eine Statue gehalten hatte, erwies sich im weiteren Verlauf als ein lebendiger Vamp, der nach einer Zigarettenpause verlangte. So erlebte das Publikum Maria mit Fluppe – während einer vollen Zigarettenlänge.