Vor wenigen Wochen tat sich die Erde auf in Schmalkalden, einer Kleinstadt im Thüringer Wald, umgeben von potent wuchernder Natur, einer Kleinstadt wie ein Puppenmodell, in dem die Fachwerkhäuser weiß leuchten, das Kopfsteinpflaster glänzt und Menschen in Eiscafés sitzen. Wo es einen Marktplatz gibt und dort einen Ratskeller, in dem es nach Wildbraten riecht. Und dann tat sich also die Erde auf und verschlang ein Auto. Mutter Erde öffnete ihren Rachen, und hinein fiel das vielleicht letzte männliche Symbol unserer Zivilisation. Welche Marke es war, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass es sich dabei um eine Urangst handelt: Frau frisst Mann. Das begehrte Objekt wird zum lebensgefährlichen Gegner. Die Natur und seine Sirenen, seine Amazonen, wie zarte Jünglinge erscheinend, die den Geliebten den Speer ins Herz rammen. Diese Kriegerinnen sind Naturgewalten, die erst im entscheidenden Kampf doch so handeln, wie es ihrem Geschlecht entspricht. Und die dann heillos vernichten: den Kopf des Mannes oder eben ein Auto. So schön sie ist, so schrecklich kann sie sein, die Natur, die Frau. Na ja.

Wenige Tage, bevor sich das Erdloch auftut, steht Susanne Wolff am Fenster des Hotels Patrizier im mittelalterlichen Zentrum Schmalkaldens. Beinahe stößt man mit dem Kopf an die Decke des Zimmers. Draußen ist es Nacht und kalt und natürlich nebelig. Unten glänzt das Kopfsteinpflaster schon etwas frostig. Schmalkalden ist einer der kältesten Orte im Land. Gegenüber ein Schild über einem Ladenfenster: Raumausstatter Wolff steht darauf. Susanne Wolff sagt, dass sie sich darüber erschrocken habe, denn sie konnte sich schon immer vorstellen, Raumausstatter zu sein. Eine schöne Abwechslung sei das zur Schauspielerei. Aufräumen, umräumen, gestalten, ordnen, den Dingen einen festen, schönen Platz geben. Und jetzt das. Raumausstatter Wolff. Kein Zufall. Hoffentlich auch kein Zeichen. Ein Scherz des Schicksals. Wie aufbrechende Erde. Naturgewalt. Irgendeine Energie. Susanne Wolff glaubt an so etwas.

Wer sie schon einmal auf der Bühne des Deutschen Theaters hat spielen sehen, weiß, die Schauspielerin ist unter permanenter Hochspannung. Die Figuren, die sie sich mittlerweile aussuchen kann, sind immer kurz vor dem Ausbruch. Naturgewaltig geht es bei ihr zu, was nichts damit zu tun hat, dass sie etwa nackt und schreiend vors Publikum tritt, sondern eher weil sie ihre Figuren auf das reduziert, was sie sind. In der sogenannten Theaterszene ist sie seit vielen Jahren extrem bekannt. Hat nach dem Studium in Hannover 1998 im Thalia-Theater in Hamburg begonnen und gespielt, bis Intendant Ulrich Khuon sie letztes Jahr ans Deutsche Theater nach Berlin mitnahm.

In Schmalkalden dreht sie jetzt mit Dominik Graf einen Fernsehfilm, der zu einer Trilogie mit dem Titel Dreileben gehört. Unter der Regie von Christoph Hochhäusler und Christian Petzold werden die zwei anderen Teile gedreht. Dem Filmprojekt liegt die Idee zugrunde, drei Geschichten zu erzählen, die einen gemeinsamen Bezugspunkt haben: einen Ort, einen Sommer, einen Kriminalfall. Für Susanne Wolff wird das der Sprung in die breite, öffentlich-rechtliche Öffentlichkeit.

Susanne Wolff sitzt an einem Tisch, Brot und Wein stehen bereit, im Hintergrund das herrschaftliche Sommerhaus, das Zentrum des Films. Es sind ungefähr null Grad, und dann ruft Regisseur Dominik Graf: »Und bitte!« Das heißt: Jacken ausziehen. In den herbstlichen Gesichtern muss jetzt der Sommer strahlen. Dann Pause. Das Team wuselt herum, heißer Tee ist im Angebot. »Dominik Graf wollte mich für diese Rolle genau so haben, wie ich bin. Also am besten ohne Make-up, ohne fremdes Kostüm. Die Rolle sollte ich sein. Wie soll man aber sich selbst spielen?« Bisher hat sie sich jedenfalls in Figuren verwandelt, die möglichst weit weg von ihr und vom Normalen sind: Penthesilea, Kriegerin, männermordend, Othello, Außenseiter. Da kommt man schnell auf den Gedanken, dass die vergleichsweise harmlose Rolle bei Dominik Graf, eine Frau namens Vera, doch eine Herausforderung sein könnte. »Es ist Sommer, sie ist braun gebrannt, hat einen tollen Mann und ein Sommerhaus«, sagt Susanne Wolff über die Frau, die alles zu haben scheint, »und trotzdem ist an dieser Frau etwas schattig.« Susanne Wolff ist 36 Jahre alt. Warum sie dann so spät mit dem Film begonnen hat? An den meisten deutschen Filmen stört sie, dass dort ständig »Schilder hochgehalten werden, wo draufsteht: Hier stimmt was nicht!« Eine lästige Bedeutungsschwere sei das. Was reizt sie dann am Film? »Die Kamera bietet mir die Möglichkeit, einfach auch nicht zu spielen.«