Gegen Ende bricht Lüdeckes missionarischer Eifer durch, als er gegen ein angebliches Verschwörungskartell zu Felde zieht. Die Medien seien »selbstgleichgeschaltet« und »links-grün-besetzt«, die Wissenschaft bekomme Forschungsgelder, wenn sie Beweise für die »Klimakatastrophe« liefere, die Forscher wiederum berieten die Politik, und die beschere den Stromversorgern prächtige Einnahmen durch die Förderung grüner Energien. Als der Bürgermeister von Weiden mit den Worten »so ein Schmarrn« türenknallend den Saal verlässt, kommt kurz Unruhe auf. Doch die Mehrheit der Anwesenden beklatscht den Redner. Man lobt den »klaren Vortrag des Professors« – und dass man endlich mal gehört habe, was einem das Kartell der Großkopferten in Medien und Politik vorenthalte.

In Potsdam, im Einstein-Wissenschaftspark auf dem Telegrafenberg, sitzt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vor seinem Rechner und seufzt. »Im Internet gibt es inzwischen eine Vorherrschaft der Klimaskeptiker«, sagt er. »Dort kann ein Laie kaum noch vernünftig recherchieren.« Skeptiker gebe es zwar, seit er Klimaforschung mache, »aber im letzten Jahr sind sie in die seriösen Medien durchgebrochen.« Dass dies just zur Klimakonferenz in Kopenhagen geschah, sei kein Zufall, meint Rahmstorf. Der Professor am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zählt zu den weltweit führenden Ozeanografen. Gemeinsam mit einigen Kollegen kontert er im Internetblog KlimaLounge Skeptikerthesen und fehlerhafte Medienberichte, manche halten ihn deshalb für übereifrig. Spaß mache ihm das nicht, sagt Rahmstorf, aber er sehe keine Alternative; egal, wohin er komme, in Behörden, der Politik, den Führungsetagen der Wirtschaft – überall kursierten Skeptikerargumente.

Tatsächlich kann das Bezweifeln der Erderwärmung für Unternehmen mit klimaschädlichen Produkten ein bequemer Ausweg aus der Rechtfertigungsfalle sein. Mitarbeiter von E.on, Bayer und BASF in den USA haben in diesem Jahr mindestens 70.000 Dollar an klimaskeptische Politiker gespendet. BASF lud kürzlich zu einer Führungskräfteschulung Björn Lomborg ein, jenen dänischen Statistiker, der die Risiken des Klimawandels für übertrieben hält, über dessen unseriösen Umgang mit Fakten aber inzwischen dicke Bücher geschrieben wurden (The Lomborg Deception, Yale University Press 2010).

Auch ein Spitzenmanager des Stromriesen RWE ließ sich kürzlich auf einem Kongress von Bergbauingenieuren über »die durchaus fundierten Zweifel« am menschengemachten Klimawandel aus. Vor allem aber die Kohlelobby schürt Zweifel an der Erderwärmung: Im Jahresbericht 2009 des Gesamtverbands Steinkohle liest man, der Klimawandel sei schon gebremst. Als Beleg zitiert der Verband aus einem US-Fachjournal: »Beobachtungen zeigen, dass der globale Temperaturanstieg sich in der letzten Dekade verlangsamt hat.« Das Zitat ist korrekt – doch im Original folgt eine wissenschaftliche Erklärung, warum diese Daten eben kein Ende des Klimawandels bedeuten.

Dass solche Argumente auf offene Ohren stoßen, hat auch mit der Glaubwürdigkeitskrise zu tun, in die die Wissenschaft vor einem Jahr geschlittert ist. Nachdem der E-Mail-Verkehr der britischen Climate Research Unit (CRU) gehackt wurde, war in vielen Blättern von Fehlern in der Klimaforschung zu lesen. Auch der Weltklimarat IPCC, der 2007 noch den Friedensnobelpreis erhielt, geriet in die Kritik, als in einem seiner Reports ein peinlicher Fehler entdeckt wurde.

Weniger ausführlich wurde über die Aufklärung dieser Vorwürfe berichtet. So hat sich nach diversen Untersuchungen die »Climategate«-Affäre in Luft aufgelöst. Verschiedene Gremien bemängelten zwar eine Wagenburgmentalität einzelner Wissenschaftler oder lasche Kontrolle und Ineffizienz in den IPCC-Gremien. Die jeweiligen Forschungsergebnisse selbst wurden jedoch nicht beanstandet.

Am Ende blieben von vielen Vorwürfen lediglich zwei: eine falsche Jahreszahl im IPCC-Bericht zum möglichen Schmelzen der Himalaya-Gletscher (2035 statt 2350) sowie eine fehlerhafte Prozentangabe zu überflutungsbedrohten Gebieten in Holland (die von der niederländischen Regierung falsch zugeliefert worden war).

Der Internationale Rat der Wissenschaftsakademien (IAC) hat inzwischen Verbesserungen an den Arbeitsroutinen des IPCC vorgeschlagen, und die britische Wetterbehörde will künftig alle Klimadaten öffentlich zugänglich machen. Keiner der Vorwürfe berührte die Kernaussagen des IPCC. Trotzdem kursieren die vermeintlichen Skandale bis heute tausendfach in Internetblogs.