Wer allzu eiligen Schrittes in die kleine Seitenstraße einbiegt, der kann leicht an dem unscheinbaren Laden vorbeistolpern. Hier, in zwei Schaufenstern zwischen TDay one, einem vietnamesischen Lokal, und Contra Berlin, einem führenden Anbieter von Tischtennisbedarf, stehen ein paar neue Bücher dekorativ aufgereiht. Ein Antiquariat kann es also nicht sein; und eine der ortsüblichen Agenturen für irgendwas ebenso wenig: Die Möbel drinnen sehen dafür zu alt, hölzern und dunkel aus. Nein, in diesem kleinen Laden, zwei Ecken vom Helmholtzplatz entfernt, wo einst in grauer Ostberliner Vorzeit Punks und Penner herrschten, Hausbesetzer statt Hausbesitzer mächtig waren und wo heute stattdessen Bugaboo-Geschwader auf Patrouillenfahrt ihr neu erobertes Terrain verteidigen, inmitten der Berliner Kleinkinderrepublik Prenzlauer Berg also befindet sich eines der jüngsten geistigen Vibrationszentren des Landes. Denn hier arbeitet seit sieben Jahren der Verlag Matthes & Seitz und publiziert 35 bis 40 Bücher pro Jahr mit schönen Worten kluger Köpfe, wofür ihm am Dienstag der mit 20000 Euro dotierte deutsch-französische Prix de l’Académie de Berlin verliehen wird. Grund genug, endlich einmal Verleger Andreas Rötzer vor Ort zu besuchen: Was mag das für ein Verrückter sein, der sich auf das ökonomische Himmelfahrtskommando eines Kleinverlags mit schwer verkäuflichen, weil anspruchsvollen Büchern einlässt und diesen bis heute zäh und erfolgreich zu Ruhm und Anerkennung führt?

Ein schmaler, dunkel bebrillter Mann von der ewig jung aussehenden Sorte empfängt uns, den man zugegebenermaßen sogleich in einem Doktorandenkolloquium verorten würde. Das ist er, der 1971 geborene Chef von drei Mitarbeitern, und wir nehmen Platz: in seinem Chefzimmer, einem schmalen Schlauch von zehn Quadratmetern, auf einem schwarz glänzenden Ledersofa, antik, aber nicht abgewetzt; darüber baumelt ironisch eine kleine Discokugel. Die Bugaboo-Kommandantinnen schauen im Vorüberfahren durch das Fenster herein. Grund für Misstrauen besteht jedoch nicht: Wer Andreas Rötzer erlebt, weiß sogleich, dass hier nicht mit Leitzordnern geworfen und die Pressefrau nicht zusammengebrüllt wird. Insofern kann man in ihm durchaus einen typischen Vertreter seiner häufig unterschätzten Generation erkennen, die sich Schaukämpfe lieber spart. Nur spielen wollte Rötzer jedenfalls noch nie. Mit charmanter, sanfter Stimme erläutert er sein intellektuelles Programm, ungewöhnlich bescheiden für einen Verleger, geschweige für große Branchenpatriarchen von Siegfried Unseld einst bis zu Michael Krüger heute. "Beschreiben ohne Rhetorik, an der Sache ganz dicht dran sein", so sollten Matthes-&-Seitz-Bücher funktionieren, in jedem belletristischen Titel sollte auch eine gewisse philosophische Dimension enthalten sein. Denken und Theorie, Literatur und Essayistik ergeben eine elegante Mischung; Reaktionäres vereint sich mit Rebellischem, Aristokratisches mit Anarchischem. Alles ist ersichtlich kein Ergebnis von Ideologie, sondern von Rötzers Neugier. Die Qualität sei entscheidend, geistig-künstlerisch wie gestalterisch: "Ich will stets ein Buch machen, das in fünfzig Jahren einen echten antiquarischen Wert hat."

Erst war er Buchhalter, dann Verleger: Geist hat hohen Finanzierungsbedarf

Saisonware kommt nicht vor: "Unterhaltungsliteratur ist eine andere Sportart", meint Rötzer. Traditionell stehen französische Autoren im Mittelpunkt; klangvolle Namen wie Bataille und Blanchot, Artaud, de Sade und Breton sind von jeher dabei. Rötzer hat allerdings das Spektrum beträchtlich erweitert, hinein in die deutsche Gegenwart. Und er landete Überraschungserfolge mit dem gefeierten Beginn mehrbändiger Werkausgaben: der des französischen Insektenforschers Jean-Henri Fabre sowie der von Warlam Schalamow, dem erschütternden Erzähler des Grauens in den sowjetischen Arbeitslagern – für Rötzer selbst die bewegendste ästhetische Erfahrung seiner bisherigen Verlegerarbeit.

Aufgewachsen ist Rötzer im Münchner Stadtteil Daglfing, als Sohn eines Metzgers und einer Angestellten. An das einzige Buch im Elternhaus erinnert er sich lächelnd: eine schön gestaltete Büchergilde-Ausgabe von Anna Karenina. Der Gymnasiast wurde rasch zum leidenschaftlichen Stadtbibliotheksleser; die Welt der Bücher nahm ihn gefangen und ließ ihn nicht mehr los. Als Erster aus seiner Familie studierte er, zunächst Kulturwirtschaft, später Philosophie in Passau und München; das Studium finanzierte er sich, indem er in Antiquariaten jobbte. 1999 wollte er bei Axel Matthes arbeiten, der 1977 in München den Verlag Matthes & Seitz gegründet hatte – dieser hatte für den jungen Mann nur einen Job als Buchhalter in seinem kriselnden Verlag übrig. Rötzer lernte also von der Pike auf, auch das Jonglieren mit roten Zahlen.

Im Alter von 32 Jahren dann der Sprung: Matthes zog sich zurück, und Rötzer gründete den Verlag in Berlin neu. Warum der Umzug? "In München hätte mir keine Bank Kredit gegeben", lächelt Rötzer. Also startete er in diesem ehemaligen Hutladen, in dessen Keller er zeitweise wohnte, unterstützt von der Berliner Sparkasse und von Ursula Haeusgen, der Leiterin des Münchner Lyrik-Kabinetts, die bis heute am Unternehmen beteiligt ist. Woher kam der Mut? "In dem Moment war es nicht mutig, weil ich gar nicht an das Scheitern dachte. Dieser Gedanke kam erst später, in der alltäglichen Arbeit." Der Reiz, sein eigener Herr zu sein, wog alles auf. Wagnis und Besessenheit haben sich ausgezahlt, mit einer bemerkenswerten Resonanz in der intellektuell interessierten Öffentlichkeit. Rötzer nickt in Richtung zweier großer Schubladenschränke mit den laufenden Projekten: "Der Aktionsradius ist größer geworden." 2011 erscheint beispielsweise eine vollständige Ausgabe der Briefe Arthur Rimbauds; es geht weiter mit Fabre und Schalamow.

Die geistig diffus gebliebene Berliner Republik bekommt langsam Kontur

Lockt nach sieben Jahren eine größere Arena? Schließlich hat Rowohlt-Chef Alexander Fest auch einst mit eigenem Kleinverlag angefangen, und die Tropen-Gründer Michael Zöllner und Tom Kraushaar wechselten 2008 in die Chefetage von Klett-Cotta. Noch wiegelt Rötzer ab, der unweit von hier mit seiner Frau und beider einjährigem Sohn wohnt: "Es ist ein schönes Arbeiten bislang." In einem größeren Haus könnte er zwangsläufig kaum die Bücher machen, die ihm vorschweben. In unmittelbarer Nachbarschaft jedenfalls existiert seit einem Jahr so ein größeres Haus: Der Suhrkamp Verlag zog ebenfalls nach Prenzlauer Berg, was insofern von besonderer Ironie ist, weil es zu Lebzeiten Unselds Verhandlungen über einen Kauf von Matthes & Seitz gab, die sich nach seinem Tod sofort zerschlugen. Man kann es auch symbolisch sehen: Womöglich bekommt erst jetzt die geistig bislang diffus gebliebene Berliner Republik in solcherart postideologischer Konkurrenz um intellektuelle Substanz Konturen, hier im Ostteil der Hauptstadt, ein paar Straßen voneinander entfernt. Der Kleinverleger hat jedenfalls wie einst der große Unseld bewiesen, dass er den Nerv des Zeitgeistes treffen und eine Avantgarde-Marke schaffen kann. Draußen ist es dunkel geworden; die zwei großen, hellblauen Matthes-&-Seitz-Plakate leuchten im Scheinwerferlicht. Der freundliche Andreas Rötzer hat noch viel vor.