Im April nächsten Jahres wird er 50. Gerne hätte man ihm zum Geburtstag gratuliert, nun ist ein vorzeitiger Nachruf fällig. Soeben hat die Bundesregierung beschlossen, die Wehrpflicht zur Mitte des kommenden Jahres abzuschaffen. Damit wird es auch keine Zivildienstleistenden mehr geben.

Der Zivi. »Wenn man heute das Wort in unserer Gesellschaft benutzt, dann hat es eigentlich einen ganz warmen, einen ganz liebevollen Klang.« Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat das gesagt, vor vier Jahren, und zu diesem Zeitpunkt stimmte es wohl. Die längste Zeit aber war die Geschichte des Zivildienstes eine Geschichte der Missachtung.

Das begann mit dem Ritual der »Gewissensprüfung« im Kreiswehrersatzamt, das für Hunderttausende junger Männer die erste Begegnung mit den Institutionen des demokratischen Rechtsstaats war. Echte Gewissensgründe galt es dort sorgfältig zu verbergen; akzeptiert wurde allein ein möglichst glaubhaftes Bekenntnis zu einem Radikalpazifismus, der außerhalb wehrpflichtiger Jahrgänge selten sein dürfte. Es setzte sich fort in der Ausgestaltung des Dienstes als »lästige Alternative«, wie das Bundesverfassungsgericht sie einmal forderte. Da war der schäbige Umgang mit der Dienstdauer, die laut Grundgesetz die Zeit des Wehrdienstes nicht übersteigen durfte und in der Praxis bis zu sieben Monate länger währte.

Und es gab das hässliche Klischee vom Drückeberger. »Pass auf, du versaust dir deine Karriere, dich stellt niemand ein« – so, erzählt Jens Kreuter, der Bundesbeauftragte für den Zivildienst, hätten ihn noch in den achtziger Jahren wohlmeinende Verwandte gewarnt, als er selbst den Kriegsdienst verweigerte.

Jeder Vierte eines Jahrgangs schob Kranke oder fütterte Behinderte

Am Ende reichte der Respekt vor dem waffenlosen Dienst an der Gesellschaft nicht einmal dazu, ihn um seiner selbst Willen abzuschaffen. Dass es sich letztlich um einen Zwangsdienst handelte, spielte keine Rolle. Der Zivildienst verschwindet, wie er existierte: als eine nicht weiter begründungsbedürftige Begleiterscheinung der Wehrpflicht, die er zum Schluss sogar legitimieren musste. Und die er nun nicht überlebt.

Weit mehr als zweieinhalb Millionen junger Männer, am Ende jeder Vierte eines Jahrgangs, haben in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland Krankenbetten geschoben, Behinderte gefüttert oder Jugendherbergen unterhalten. Nun, nach einem halben Jahrhundert, da das Ende beschlossen ist, bringt das Land zum ersten Mal das Interesse auf, sich ernsthaft zu fragen, was dieser Dienst für die bedeutet hat, die ihn leisteten.

Der Zivildienst als Sozialisationsinstanz für junge Männer ist der Titel einer Untersuchung, die im Familienministerium derzeit geprüft und in den nächsten Wochen wohl veröffentlicht werden wird. Beim Deutschen Jugendinstitut in München liegen die Rohdaten einer Umfrage zum Thema »Aufwachsen in Deutschland«, die ebenfalls viel über das Wesen des Zivis verraten. Um die zwei wichtigsten Befunde vorwegzunehmen: Man muss sich um den geplagten und gering geschätzten Zivi nicht sorgen, seine Arbeit bringt einen nicht geringen Lohn mit sich. Und: Es gibt wenig Hoffnung, durch einen Freiwilligendienst künftig zu ersetzen, was mit dem Zivildienst verloren geht.