Papst Interview Was ist nun mit dem Kondom?Seite 2/2

Aber wenn tradierte Interpretationen einmal Kirchenrecht geworden sind, ist Papst Benedikt nicht der Mann, daran zu rütteln. Es überrascht allgemein – aber vielleicht ist das eine typisch protestantische Überraschung –, in welche hohem Maße für Benedikt die Kirche ein verrechtlichtes System ist. Auf viele Fragen nach Reform oder Ökumene antwortet er nicht mit einem »Wir wollen nicht« oder »Wir sollten nicht«, sondern mit einem »Wir können nicht, auch wenn wir wollten«. Wir können Frauen nicht zu Priestern ordinieren, wir können Homosexualität im Allgemeinen und die homosexuelle Ehe im Besonderen nicht akzeptieren, wir können christliche Glaubensgemeinschaften nicht als Kirche begreifen, solange sie den Primat des Papstes nicht anerkennen, wir können Geschiedene nicht zur Eucharistie zulassen, wenn sie wieder geheiratet haben – und so weiter. Wir sind weder unmenschlich noch verständnislos, sagt der Papst immer wieder sinngemäß, aber das Recht bindet uns. Missverständnisse müssen in Kauf genommen werden

Auch der Skandal um die Piusbrüder und den holocaustleugnenden Bischof Williamson verdankt sich einem solchen Missverständnis. Wer sich ohne päpstlichen Segen – wie in einer solchen Sekte – zum Bischof weihen lässt, wird zwar exkommuniziert. Wenn er aber den päpstlichen Primat anerkennt, muss die Exkommunikation wieder aufgehoben werden. Nichts anderes ist im Falle Richard Williamsons geschehen; weder ist er als Bischof bestätigt noch in seinen Lehrmeinungen anerkannt worden. Es war ein rechtlicher Automatismus – keine Billigung seines Irrwegs.

Es geht fast zu Herzen, in welchem Maße den Papst die Weigerung der Medien irritiert, sich auf solche Differenzierungen einzulassen. Er kann zwar ein Versagen der vatikanischen Pressearbeit zugestehen, aber als Erklärung fällt ihm immer nur wieder jene »sprungbereite Feindseligkeit« einer unchristlichen Öffentlichkeit ein, die er auch in der überschießenden Kirchenkritik anlässlich der Missbrauchsskandale am Werk sah. Eine Kirche umgeben von Feinden, ein Christentum, das in der westlichen Welt auf dem Weg in die Minderheitenreligion, wenn nicht in den Untergrund ist – und überall spürbar »die ganze Macht des Bösen, die sich in diesem 20. Jahrhundert in den großen Diktaturen herauskristallisiert hat und die, auf andere Weise, auch heute wirksam ist«. Manchmal scheint es, als ob diesem Papst die gnostische Versuchung eines Rückzugs auf einen Kreis Auserwählter nicht fernliegt.

Aber das ist ein Irrtum. Vital und kämpferisch wird das Interview immer dann, wenn es dem Papst gelingt, aus dem Hexenkreis der journalistischen Reizthemen auszubrechen. Seine Kritik an einer Moderne, die Gott aus dem Mittelpunkt gestoßen und an seine Stelle den Menschen gesetzt hat, ist nicht nur theologisch präzise, sondern wird auch politisch brisant, wo sie mit den Beispielen der Ressourcenvernichtung und Umweltzerstörung arbeitet – wo sie den gottlosen Menschen am Werk zeigt, der die Schöpfung und am Ende sich selbst zerstört, weil er sich vor keinem Schöpfer verantworten zu müssen glaubt.

Es wird viele ärgern und wirkt auf den ersten Blick auch ein wenig selbstgerecht, wenn er als einziges Mittel gegen die Selbstzerstörung des Planeten die christliche Moral setzt. Aber da Umweltschutz sich nicht auf dem Wege der Marktkonkurrenz, sondern nur durch Umdenken jedes Einzelnen, nicht durch wirtschaftliches Wachstum, sondern nur durch Verzicht durchsetzen kann, könnte der christliche Umweg über das individuelle Gewissen am Ende doch die letzte, vielleicht aussichtsreichste Hoffnung sein. Welche bliebe sonst? Nur die Wiederkehr des Herrn und das Jüngste Gericht. Dass dieser Papst in der letzten der letzten Fragen so unerschüttert auf den Glauben setzt, überzeugt den protestantischen Rezensenten mehr als alles bittere, wenn auch verständliche Hadern mit der Moderne.

 
Leser-Kommentare
  1. Natürlich wäre es gut, wenn auch die römische Kirche sich an vorderster Front mit in den Kampf gegen die Zerstörung des Planeten durch den menschengemachten Klimawandel und gegen ungerechte Verteilung einreihen würde.

    Das entbindet sie aber nicht von der Pflicht, nicht nur wie jetzt kosmetische Korrekturen in der Frage der Sexualmoral zuzulassen, sondern auch auf diesem Gebiet endlich in der Moderne anzukommen:

    http://bluthilde.wordpres...

  2. Warum ereifern wir uns über den päpstlichen Nebensatz zu Kondomen? Im entscheidenden Moment wird sich kaum jemand auf kirchliche Verbote berufen. Und auch die HIV-Problematik ist jetzt nicht vom Tisch gewischt. So allmächtig ist dann selbst der Papst nicht: http://bit.ly/gFO7vw

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    In den am schlimmsten von HIV gebeutelten Ländern der Erde eben doch. Ich denke, wenn sich die Richtlinien für Missionare und kirchliche Helfer in den betroffenen Regionen ändern würden, würde dies einen erheblichen Vorteil im Kmapf gegen das Virus bedeuten.

    In den am schlimmsten von HIV gebeutelten Ländern der Erde eben doch. Ich denke, wenn sich die Richtlinien für Missionare und kirchliche Helfer in den betroffenen Regionen ändern würden, würde dies einen erheblichen Vorteil im Kmapf gegen das Virus bedeuten.

  3. In den am schlimmsten von HIV gebeutelten Ländern der Erde eben doch. Ich denke, wenn sich die Richtlinien für Missionare und kirchliche Helfer in den betroffenen Regionen ändern würden, würde dies einen erheblichen Vorteil im Kmapf gegen das Virus bedeuten.

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    Erwiesenermassen nicht, denn in den "am schlimmsten von HIV gebeutelten Ländern der Erde" ist der Prozentsatz katholischer Christen eher gering. Und auch ein paar Missionare sind nicht allmächtig. HIV dem Papst in die Schuhe schieben zu wollen ist abenteuerlich, vor allem weil der Mensch im Bett eh nicht viel über abstrakte Zusammenhänge nachdenkt.

    Vielen Dank für den Artikel. Es ist so ziemlich der erste zum Thema, der sich wirklich damit auseinander setzt und nicht nur auf die Reizworte abfährt.

    Erwiesenermassen nicht, denn in den "am schlimmsten von HIV gebeutelten Ländern der Erde" ist der Prozentsatz katholischer Christen eher gering. Und auch ein paar Missionare sind nicht allmächtig. HIV dem Papst in die Schuhe schieben zu wollen ist abenteuerlich, vor allem weil der Mensch im Bett eh nicht viel über abstrakte Zusammenhänge nachdenkt.

    Vielen Dank für den Artikel. Es ist so ziemlich der erste zum Thema, der sich wirklich damit auseinander setzt und nicht nur auf die Reizworte abfährt.

  4. @mrboombastic

    Die Moderne genauso als Ausdruck göttlicher Fügung zu begreifen wie z.B. 2000 Jahre alte Regeln? Das werden die alten Herren wohl nicht mehr....
    So schade es ist: in DEN alten Schlauch geht kein neuer Wein mehr.

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    • joG
    • 25.11.2010 um 17:33 Uhr

    ....ist im letzten Jahrhundert ein paar Male dramatisch schlecht gelaufen. Ob man ihre Ethik, besonders die kontinentaleuropäische Variante davon da so ganz erstrebenswert finden muss? Da bin ich mir nicht sicher.

    • joG
    • 25.11.2010 um 17:33 Uhr

    ....ist im letzten Jahrhundert ein paar Male dramatisch schlecht gelaufen. Ob man ihre Ethik, besonders die kontinentaleuropäische Variante davon da so ganz erstrebenswert finden muss? Da bin ich mir nicht sicher.

  5. muß sie es sich gefallen lassen, daruf eingeengt betrachtet zu werden.

    Dass dabei die Spiritualität für viele Menschen auf der Strecke bleibt, ist zutiefst bedauerlich.

    Letztendlich bleibt es dabei: An der sauertöpfischen Moral des Vatikans bei gleichzeitiger krimnineller Pädophilie vieler Priester zerbricht das Ansehen der katholischen Kirche.

    Speichel leckende, unterwürfige Interview-Partner sollte sich der Papst ersparen. Das tut mir leid für diesen klugen Intelektuellen, dass er mit Herrn Seewald sprechen musste.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Erwiesenermassen nicht, denn in den "am schlimmsten von HIV gebeutelten Ländern der Erde" ist der Prozentsatz katholischer Christen eher gering. Und auch ein paar Missionare sind nicht allmächtig. HIV dem Papst in die Schuhe schieben zu wollen ist abenteuerlich, vor allem weil der Mensch im Bett eh nicht viel über abstrakte Zusammenhänge nachdenkt.

    Antwort auf "Und ob!"
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    • joG
    • 25.11.2010 um 17:38 Uhr

    ....recht geben wollen. Aber man muss tolerant sein. Viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen, weil sie viele Dinge tun, von denen sie nicht so ganz überzeugt sind. Da macht ihnen die RK ein schlechtes Gewissen und angreifen scheint ihnen da die beste Verteidigung. Das ist ein Ur-Reflex unserer Rasse und es sollte nicht verwundern, dass ihm Viele nicht widerstehen können.

    • joG
    • 25.11.2010 um 17:38 Uhr

    ....recht geben wollen. Aber man muss tolerant sein. Viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen, weil sie viele Dinge tun, von denen sie nicht so ganz überzeugt sind. Da macht ihnen die RK ein schlechtes Gewissen und angreifen scheint ihnen da die beste Verteidigung. Das ist ein Ur-Reflex unserer Rasse und es sollte nicht verwundern, dass ihm Viele nicht widerstehen können.

  7. Sehr treffend hat Isolde Karle in ihrem Buch "Kirche im Reformstress", Gütersloh 2010, das protestantische Kirchenverständnis beschrieben: "Die Kirche ist für Luther nicht eine hierarchisch gegliederte Heilsanstalt, sondern Kirche des Glaubens und damit Geschöpf des Wortes Gottes. (...)Die Gemeinschaft der Glaubenden und die Wortverkündigung machen das Wesen der Kirche aus. (...) Mit diesen ekklesiologischen Grundbestimmungen ist zugleich eine Selbstbegrenzung der Kirche als Organisation oder Institution verbunden. (...) An die Stelle der Macht und des Rechtes der Institution Kirche tritt (bei Luther) die Macht des göttlichen Wortes. (... Luther (denkt) ... Kirche grundlegend prozess- und ereignishaft und damit primär als Kommunikation und Gemeinschaft und erst sekundär als Struktur oder Institution." (S.78-80)
    Kann es über diese Differenz aus päpstlicher Sicht einen Dialog geben, bei dem das Eigenrecht ders protestantischen Kirchenverständnisses ernst genommen wird?

    Eine Leser-Empfehlung
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    Sehr geehrte/r Herr/Frau atemhaus,

    so ganz möchte ich Isolde Karle nicht folgen, denn wenn Luther sich so einfach auf das Wort fixiert hätte (was er definitiv nicht getan hat), dann hätte er selber auch keine neuen Kirchenstrukturen geschaffen.
    Auch bei der Katholischen Kirche steht das Wort (der Papst redet nicht umsonst ständig über den Logos) im Mittelpunkt, allerdings weiß die katholische Kirche auch, dass das Wort stets in Gefahr steht nur auf eine bestimmte Art verstanden zu werden und dagegen braucht es ein Korrektiv und dieses ist die Gemeinschaft aller Christen, also eben die Kirche.
    Darüberhinaus verlangt auch die christliche Nächstenliebe nach einer Kirche, denn ohne könnte sich diese kaum entfalten, da ein Einzelner vor dem Anspruch Jesu eigentlich nur scheitern kann.

    Ich denke in der Ökumene hat die katholische Kirche schon jetzt viel vom Protestantismus gelernt (auch von seinen Fehlern). Allerdings müssten vielleicht gerade die deutschen Protestanten, die sich ja doch immer auch noch ein wenig als Staatskirche sehen (wie zuletzt besonders unter Hubere), auch mal zugeben, dass es auch in der katholischen Kirche sehr viel gibt, dass es sich für sie zu lernen lohnt. Aber auch da tut sich viel, so wird bspw. die Rolle Marias in vielen amerikan. prot. Kirchen bereits wieder neu bewertet und neu angenommen. Ich denke da wird sich noch viel tun, aber vermutlich anders, als es sich viele vorstellen.

    MfG

    Hainer

    Sehr geehrte/r Herr/Frau atemhaus,

    so ganz möchte ich Isolde Karle nicht folgen, denn wenn Luther sich so einfach auf das Wort fixiert hätte (was er definitiv nicht getan hat), dann hätte er selber auch keine neuen Kirchenstrukturen geschaffen.
    Auch bei der Katholischen Kirche steht das Wort (der Papst redet nicht umsonst ständig über den Logos) im Mittelpunkt, allerdings weiß die katholische Kirche auch, dass das Wort stets in Gefahr steht nur auf eine bestimmte Art verstanden zu werden und dagegen braucht es ein Korrektiv und dieses ist die Gemeinschaft aller Christen, also eben die Kirche.
    Darüberhinaus verlangt auch die christliche Nächstenliebe nach einer Kirche, denn ohne könnte sich diese kaum entfalten, da ein Einzelner vor dem Anspruch Jesu eigentlich nur scheitern kann.

    Ich denke in der Ökumene hat die katholische Kirche schon jetzt viel vom Protestantismus gelernt (auch von seinen Fehlern). Allerdings müssten vielleicht gerade die deutschen Protestanten, die sich ja doch immer auch noch ein wenig als Staatskirche sehen (wie zuletzt besonders unter Hubere), auch mal zugeben, dass es auch in der katholischen Kirche sehr viel gibt, dass es sich für sie zu lernen lohnt. Aber auch da tut sich viel, so wird bspw. die Rolle Marias in vielen amerikan. prot. Kirchen bereits wieder neu bewertet und neu angenommen. Ich denke da wird sich noch viel tun, aber vermutlich anders, als es sich viele vorstellen.

    MfG

    Hainer

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