WikiLeaks: Zorro auf AbwegenSeite 2/2
Diskretion schützt auch die Institutionen. Kein Rechtsstaat wäre möglich, wenn jeder Stand der Ermittlungen ruchbar würde; keine wissenschaftliche Arbeit, wenn alle Schritte zu ihrem Ergebnis vorzeitig bekannt würden; und keine gute Zeitung, wenn interne Verständigungen allesamt öffentlich würden. Deshalb ist die Begründung des Spiegels – der die Dokumente gemeinsam mit vier anderen Weltblättern veröffentlichte – nicht stichhaltig. Jetzt sei es möglich, politische Entwicklungen in den Worten der Beteiligten zu dokumentieren und dadurch die Welt besser zu verstehen, heißt es, und das sei für die Redaktion Grund genug, »staatliche Geheimhaltungsvorschriften zugunsten größerer Transparenz hintanzusetzen«. Auch der Spiegel lebt davon, dass es geschützte interne Räume gibt.
Generell lässt sich beobachten, wie das Gegensatzpaar Öffentlichkeit/Privatheit an Bedeutung verliert. Schon 1977 konstatierte der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch The Fall of Public Man »die Tyrannei der Intimität«. Bezogen auf das Internet, wo eine exhibitionistische Vertrauensseligkeit sich beheimatet fühlt, müsste man von einer Lust an der veröffentlichten Intimität sprechen. Wenn aber alles öffentlich sein soll, dann ist im Grunde nichts mehr öffentlich, dann verliert der Begriff der Öffentlichkeit als Gegenbegriff zum Privaten seinen Sinn.
Als Daniel Ellsberg, Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, 1971 die Pentagon Papers veröffentlichte, die das wahre Ausmaß des Vietnamkrieges zeigten, musste er noch Tausende von Seiten eigenhändig kopieren. Heute kann jeder technisch begabte Wirrkopf fremde Computer anzapfen und mit ein paar Klicks mehr Informationen ins Netz schütten, als man lesen kann. Das Internet gleicht einem faszinierenden Spiel, dessen Regeln sich ständig verändern. Die Grenzen müssen wir noch herausfinden. Dass WikiLeaks sie überschritten hat, sollte klar sein.
Der Datenschutzbeauftragte Peter Schaar hat jetzt dazu aufgefordert, weniger Daten zu sammeln. Der schöne Ratschlag wird wohl nicht viel nutzen. Allzu sehr haben wir uns an den Komfort des Computers gewöhnt. Keiner wird einen Liebesbrief oder eine Eilmeldung noch mit einem reitenden Boten überbringen wollen, abgesehen davon, dass es so viele Pferde gar nicht gibt. Nein, wir brauchen strikte Regeln, und wenn die Debatte über WikiLeaks dazu führt, hätte die Affäre einen Sinn gehabt.
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