Bassena-Blues

Eine düstere Mietskaserne, in der Missgunst, Zank und Vorurteile hausen. Eine herbe Hausbesorgerin wartet hier auf ein bisschen Liebe. Es gibt da ja noch einen Geldbriefträger, der zu jedem Monatsbeginn die Rente bringt. Die Spülungen der Gangklos rauschen. Die Bassena tropft. Meist lauern die Nachbarn argwöhnisch hinter dem Türspion, wenn einer der Bewohner durch das Treppenhaus schlurft. Es sieht feucht aus und so, als hätte sich nichts verändert in all den Nachkriegsjahrzehnten. Wahrscheinlich riecht es hier fettig und schwer, wenn die Bewohner ihr Essen kochen. In einer Wohnung im Erdgeschoss liegt eine Leiche. Eine alte Frau wurde erstochen.

So beginnt einer der größten Erfolge der österreichischen Fernsehunterhaltung, die erste der insgesamt 19 Folgen von Kottan ermittelt Keiner anderen Serie gelang es je, ein derart markantes Profil zu erringen: ein unverkennbarer Mix aus Sozialkritik, Slapstick und absurder Komik, aus schwarzgalligem Humor und hirnverbrannten Kalauern. Kein anderer Serienheld, obwohl gleich drei sehr unterschiedliche Schauspieler den Polizeimajor Kottan verkörperten, konnte sich je so stark in die Erinnerung des Publikums einprägen, auch weit über die Landesgrenzen hinaus. 26 Jahre nach ihrem letzten Auftritt kehrt die legendäre Fernsehfigur nun für einen Kinofilm zurück. Er ist noch immer ein phlegmatischer, eher teilnahmsloser Ermittler, aber es ist eine sehr veränderte Stadt, in der er nun eine Mordserie lösen soll.

Die Schauplätze der Kottan-Folgen waren stets ein wesentlicher Bestandteil, sowohl der Handlung als auch der Atmosphäre. Es waren emblematische Orte, die den Tenor der Serie veranschaulichten: Wien, eine Stadt seelischer Abgründe, in der Verbitterung und Leidenschaft, Bösartigkeit und Sehnsucht Tür an Tür wohnen.

Als das junge Filmteam, Regisseur Peter Patzak, damals 31, und Helmut Zenker, gerade 27 Jahre alt geworden, 1976 einen Drehort für ihren ersten Vorstadtkrimi artlgasse 16a suchten, der in einem finsteren Viertel am Rande des Nordwestbahnhofgeländes angesiedelt war, wo die beiden groß geworden waren, fanden sie eine abgewohnte Gasse hinter dem Westbahnhof. In der Grimmgasse 8 befand sich der erste Tatort, zu dem der Wiener Kriminalbeamte Adolf Kottan, den Peter Vogel zunächst als zynischen Choleriker einführte, gerufen wurde. Der Film war eine neoveristische Milieustudie. Hunderte Anrufer belagerten den Kundendienst, die meisten schimpften.

An eine Serie dachte damals noch niemand. Das Budget war lächerlich gering. Aus Kostengründen wurde fast alles am engen Filmset mit der Handkamera gefilmt. Eine Einstellung verrät, wie es hier weitergeht: Am Schwarzen Brett hängt die Mitteilung, dass der Hausbesitzer, ein Spekulant, die Abbruchbewilligung erwirkt hat.

Heute ist die Grimmgasse noch immer kein schicker Straßenzug. Aber die einst abgeblätterten Fassaden sind alle erneuert. An Stelle der Mietskaserne aus der Gründerzeit wurde schon zwei Jahre nach den Dreharbeiten ein moderner, wenn auch wenig fantasievoller Gemeindebau errichtet. Die meisten Mieter tragen fremdländische, also heute zutiefst wienerisch klingende Namen. Es ist nicht mehr trostlos hier, bloß nichtssagend und gesichtslos.

Mitten ins Herz

Mitten ins Herz

Am Bahnhof Wien-Mitte spielt der erste Fall für Franz Buchrieser, den Nachfolger des ersten Kottan-Darstellers Peter Vogel, der 1978 Selbstmord begangen hatte. Im Unterschied zu seinem Vorgänger schlendert der Neue nahezu gleichgültig und gelangweilt durch die Verbrecherjagd.

Am Bahnsteig der Schnellbahn wird ein Versicherungsvertreter erschossen. Kurz darauf streckt der Mörder an derselben Stelle ein zweites Opfer nieder. Beide Male ist der Stadtstreicher Erwin Drballa (Carlo Böhm) Zeuge des Verbrechens. Fortan gilt bei Kottan die Regel: Wo Drballa auftaucht, ist die nächste Leiche nicht weit. Erstmals übernehmen in Wien Mitte, der dritten Folge der Serie, die Türen von Kottans Einsatzfahrzeug entscheidende Nebenrollen – indem sie von vorbeirasenden Autos amputiert werden. Ein Running Gag, der zum Markenzeichen der Serie werden sollte.

Emblematisch ist auch der Tatort, wenngleich aus gänzlich anderen Gründen. Seit je ist das Areal nahe dem Stadtzentrum ein unentschiedener Ort, der in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals sein Antlitz verändert hat. Wohl deshalb ist er in der Mitte der Stadt nie so recht angekommen. Bereits 1899 wurde hier eine Station der Stadtbahn errichtet, ab den 1960er Jahren erfolgte die Erweiterung zum Durchgangsbahnhof der Wiener Schnellbahn. Das nüchtern-schmucklose Bahnhofsgebäude, der Bus-Terminal und die Markthalle entstanden in jener Zeit. Gleich gegenüber des Eingangs ragte ab 1958 Österreichs erster Einkaufstempel, das legendäre Ausstellungs- und Einkaufszentrum (AEZ), empor, das ab 1975 vom mächtigen Klotz des Hotel Hilton flankiert wurde. Drei Jahre darauf dockte die U-Bahnlinie U4, 1991 die Linie U3 an diesen innerstädtischen Verkehrsknotenpunkt an.

Spätestens seit damals verkam der meistfrequentierte Bahnhof des Landes zu einem Schandfleck. Er wurde jener Ort, an dem sich Wien am stärksten an ein heruntergekommenes Eck einer osteuropäischen Metropole annäherte. Architektonisch, zumindest. Denn in seinem Inneren, in der Markthalle, den verwitterten, von urwienerischem Personal bevölkerten Passagen, pulste das Leben. Nirgendwo war die Stadt ungewisser, aber auch authentischer als in diesen mit unbarmherzigen Neonröhren ausgeleuchteten Katakomben. Ein improvisierter, verlebter Ort, der bereits vor Jahren durch einen Neubau ersetzt werden sollte. Doch die Debatte um die anfangs geplanten Bürotürme – der Weltkulturerbe-Status der nahen Innenstadt galt als gefährdet – zögerte des Ende hinaus. Bis 2012 soll aus der Großbaustelle ein lichtdurchflutetes, multifunktionales Shopping-im-Bahnhof-Projekt erstehen.

Mitte der 1980er Jahre verschwand jener Teil des Bahnsteigs im Untergrund, auf dem 1978 die Morde passierten. Im Hintergrund zeigte die Kameraperspektive damals einmal ein stadtbekanntes Stundenhotel und dann, im Gegenschuss, den amerikanischen Hotelturm. Heute nimmt das Verwaltungsgebäude der Raiffeisen-Zentralbank den Platz über den Gleisen ein. Seit zwei Jahren verwehrt die neu errichtete Zentrale des Geldkonzerns jenen Blick, den Patzaks Kamera damals einfing – ein schwarz funkelnder Glasbau, den die Banker stolz »die Welle« nennen.

Finstere Gesellen

Folge vier, Nachttankstelle. Messerscharfe Lichtkegel sezieren die Dunkelheit, legen in einem Hinterhof zwei Zapfsäulen und ein verglastes Kabuff frei. Das winzige Geschäftslokal ist vollgestopft mit Ersatzteilen, Öldosen und schimmernden Motoren. Ein Rock-’n’-Roll-Song aus dem Transistorradio dudelt gegen die Stille an, gelangweilt fläzt sich der Tankwart hinter dem Schreibtisch. Wie eine Bildkomposition von Edward Hopper wirkt diese Szene, nur dass sie in aschfahlen, düsteren Farben ausgeführt wurde. Orte wie diese gibt es nicht mehr. Verschwunden sind auch jene mürrischen Herrscher über Sprit, Öl und Zündkerzen, die sich selbst mitten in der Nacht darauf verstanden, ein gerissenes Auspuffrohr zu verarzten. Heute sind Tankstellen nicht mehr als ein Supermarkt mit angeschlossenem Spritverkauf. Sterile Konsumtempel, die Aufbackbrötchen und ein Dutzend Sorten Kaffee im Sortiment führen. Nicht so jene Nachttankstelle, die Peter Patzack im Jahr 1978 ins Bild rückt. Ein unheilvoller Ort, allenthalben.

Zuerst wird der Tankwart Harald Eppler überfallen, um kurz darauf noch einmal Opfer eines Verbrechens zu werden – nur diesmal mit letalem Ausgang. Der Mörder zerschmettert Epplers Schädel. Rasch wird Major Kottan (Franz Buchrieser in seinem zweiten Fall) mit unzähligen Tatmotiven und noch mehr Verdächtigen konfrontiert – wie überhaupt es Helmut Zenker dem Fahnder nicht leicht macht. Plakativer Slapstick (der Ermittler plumpst unversehens in ein offenes Kanalloch) wechselt sich mit schrill gezeichneten Milieustudien der Halb- und Unterwelt ab. Erstmals taucht das Film-im-Film-Motiv auf: Kottan verfolgt im Fernsehen die dritte Folge Wien Mitte und ruft prompt beim Kundendienst an: »Der Film, der gerade läuft, ist eine absolute Schweinerei«, quittiert er das Machwerk mit eisigen Worten – eine Anspielung auf die wütenden Zuschauerproteste, die der Serie damals entgegenschlugen.

Ansonsten begegnet der Fahnder seiner Umwelt mit Larmoyanz und milder Melancholie. Aufgebrezelte Bordsteinschwalben im Musikcafé und renitente Drogenjunkies vermögen den Ermittler nicht von seiner Arbeit abzulenken. Ein Kumpan des Tankwarts ist der Täter.

Nur wenige Jahre nach Kottans Amtshandlung verschwand der Ort der Bluttat – jene schmierige Tankstelle, die das Filmteam nicht in einem heruntergekommenen Arbeiterbezirk, sondern ausgerechnet im bieder-bürgerlichen Döbling aufgespürt hatte. Nahe dem Nußdorfer Platz, an dem heute noch ein altehrwürdiges Geschäft mit Namen Feinkost Patzak seine Waren feilbietet, lag der morbide Unort. Gleich links vom Café Platzl mit seiner mondänen klassizistischen Fassade führt eine mit Schranken bewehrte Zufahrt in den einst so düsteren Hinterhof. Wo damals die Tankstelle stand, strahlt heute ein Diskontmarkt mit grell beleuchteten Glasfronten. Am Parkplatz davor beherrscht die routinierte Geschäftigkeit der Kunden die Szene. Zugemauert sind jene Garagen, die den Betreibern der Tankstelle vor über 30 Jahren als Werkstatt dienten. Alles ist geordnet, hell und rein. Kein Tatort für Major Kottan.

Tod und Tomaten

Tod und Tomaten

Lederjacke, Latzhose, Turnschuhe: Das ist die Adjustierung, in der Lukas Resetarits in der sechsten Folge der Serie seinen Dienst antritt. Im Vergleich zu seinen zerknitterten Vorgängern ist er noch ein unbekümmerter Sonnenjunge, der erst die Patina der Polizeiroutine ansetzten muss.

Durch Räuber und Gendarm , die Episode handelt von einem Postraub, weht ein angloamerikanischer Hauch. Ein Ami-Schlitten wirbelt auf einer Schotterstraße Staub auf, Kollege Kojak aus Manhattan stattet dem Tatort eine Kurzvisite ab, und ein eiskalter Auftragskiller mit britischem Spleen (eigentlich ein Früchtchen aus Simmering) wird von dem Wiener Unterweltkönig auf den damals 33-jährigen Youngster vom Morddezernat angesetzt.

Der Scharfschütze lauert auf einem Hausdach hoch über dem Naschmarkt auf sein Opfer. Sorgfältig faltet er sein Sakko aus der Savile Row zusammen und hängt es übers Geländer. Er spannt seinen Regenschirm auf – der birgt das Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr. Schon spaziert Kottan ins Visier, sein blonder Schopf schimmert im Sonnenlicht. Der Killer drückt ab. Eine Schicksalssymphonie von Ennio Morricone schwillt an. In schönster Italowestern-Zeitlupe sackt Kottan an einem Marktstand in sich zusammen und reißt einige Tomatenkisten mit sich zu Boden. Keine Bange: Resetarits wird noch drei weitere Jahre lang seinen Kottan in den endgültigen Aberwitz entführen. Diesmal verhindert die Dienstmarke in der Brusttasche des Hemdes einen erfolgreichen Anschlag. Der gelingt erst dem Programmintendanten des ORF. Der drehte 1984 die erfolgreiche Serie ohne Vorwarnung ab.

In den Jahren um 1980, als der Kabarettist Resetarits in der Kottan-Rolle debütierte, war der zentral gelegene Naschmarkt noch frei von den hedonistischen Horden, die heute bei jeder Witterung über die kulinarische Meile herfallen. Tagsüber ein eher gemütliches und buntes Einkaufsrevier, verwandelte sich der verwaiste Markt nachts in einen Ort, an dem die Stadt noch schroff und lasterhaft erscheinen konnte. Dirnen, Stricher und Drogenkinder gingen in dem schlecht beleuchteten Areal ihren Geschäften nach, in den nahe gelegenen Kaschemmen sammelten sich die Nachtschwärmer. Gern posierten hier die Enfants terribles von Wien für ein Porträtfoto, wenn sie sich mit grindiger Verruchtheit schmücken wollten – auch Peter Patzak ließ sich hier einmal ablichten.

Heute haben Porträtfotos mit dem Naschmarkt im Hintergrund den gegenteiligen Effekt. Nun strömt schickes Volk hierher, ein durchgestylter Imbissladen reiht sich an den nächsten, bis Mitternacht kracht es in dieser Partyzone. Batterien von Heizstrahlern bringen auch bei winterlichen Temperaturen das gut gelaunte Publikum zum Dampfen. Der Platz für neue Marktunternehmer ist knapp geworden, die Ablösesummen für die begehrten Stände haben Millionenhöhe erreicht. Der Naschmarkt ist jetzt der Ballermann der Bobos von Wien. Wollte man heute ein Mordinstrument ersinnen, das zum Naschmarkt passt, es wäre wohl am besten, es mit vergiftetem Sushi zu versuchen. Die Fischhäppchen sind, so wie sie dort angeboten werden, ohnehin oft schon lebensgefährlich.

Turmübungen

Die keifenden Bassena-Weiber und die insistierenden Blicke in verkommene Mietskasernen gehören in Der Kaiser schickt Soldaten aus der Vergangenheit an. In der vorletzten, der 18. ottan -Folge aus dem Jahr 1983, erschaffen Patzak und Zenker ein Spätwerk, das von der schrillen Modernität der Achtziger geprägt ist. Statt düsterer Brauntöne dominiert neonfarbener Klamauk. Jede Kameraeinstellung ein Gag, jeder Figur ihre schräge Marotte.

Längst hat Polizeipräsident Pilch der Cäsaren-Wahn erfasst, sein Lieblingsfeind, der Kaffeeautomat, wird mit der Dienstwaffe erledigt. Major Kottan, vom Dienst suspendiert, fristet eine Existenz als Privatdetektiv. Ein Mord passiert, doch der dient nur mehr dazu, den Titel der Serie zu rechtfertigen. Die kriminalistische Arbeit ist einer skurrilen Nummern-Revue gewichen.

Gleichzeitig wuchs Wien vor dem Kameraauge zu einer Metropole heran. Der Südbahnhof, Stadtautobahnen und die Weite der Donauufer wurden in großzügigen Bildern gezeigt, bedrohlich ragten die vier Gasometer-Türme auf. Damals dienten die Klinker-Ungetüme in Wien-Simmering als Kulisse für einen Gefängnisausbruch. Ein Jahr nach dem Dreh wurden die denkmalgeschützten Monumente außer Betrieb genommen. In den Neunzigern machte sich die Subkultur in den ausgeweideten Türmen breit, das Party-Volk gab sich später legendären Techno-Raves hin. Bis schließlich ehrgeizige Stadtplaner die Industriedenkmäler im Simmeringer Brachland für sich entdeckten. Von 1999 an verwandelten die Architekten Wilhelm Holzbauer, Jean Nouvel, Coop Himmelb(l)au und Manfred Wehdorn je einen der rostroten Zylinder in schicke Wohntempel. Ein eigener U-Bahn-Anschluss, Sportanlagen, eine Shopping-Mall und das obligate Kino-Entertainment-Center sollten die urbane Schickeria an den Rand der Stadt locken. Schließlich war hier ein internationales Vorzeigeprojekt geplant: Wiens Leuchttürme des modernen Wohnbaus! 2001 wurden die ersten Mieter willkommen geheißen, Werner Faymann, damals Wohnbaustadtrat, meinte bei der Eröffnungsfeier, hier habe sich »Baukunst mit moderner Architektur zu einem Kunstwerk vereint.« So stand es auch in teuren Werbebroschüren zu lesen.

Knapp ein Jahrzehnt nach der Eröffnung ist die Euphorie verebbt, aus dem einstigen Stolz der Bauherren ein Sorgenkind geworden. Mehr als ein Drittel der Geschäftsflächen der Shopping-Mall stehen mangels Kunden leer, stattdessen tummeln sich Jugendbanden in den verwaisten Gängen. Immer wieder kam es zu Schlägereien, die Zahl der Einbrüche stieg. Ein Bewohner kündigte in diesem Frühjahr sogar die Gründung einer Bürgerwehr an. Wehrhaft, trotzig verschließt sich das Wohnghetto auch seiner Umgebung. Eingekeilt zwischen Autobahnen und Zufahrtsstraßen, umgeben von gesichtslosen Industriebauten, führen die 1500 Bewohner ein Inseldasein. Selbst die Mitglieder der Gasometer Community, eines Internetforums, das bei seinem Start als interaktive Online-WG angepriesen wurde, haben sich nicht mehr allzu viel zu sagen. Der letzte virtuelle Bassena-Tratsch ist schon drei Monate her.

Schöner Scheitern

Schöner Scheitern

Viele der Orte, an denen der Kriminalbeamte Kottan einem Täter auf die Schliche zu kommen trachtet, liegen im urbanen Niemandsland. An ihnen war die Entwicklung der Stadt zu einer modernen Metropole vorübergegangen, ohne Spuren zu hinterlassen. 1982, als die achte Folge So long Kottan gedreht wurde, verkehrten auf den Stadtbahnbögen an der Spittelauer Lände noch die roten Züge der Donaukanallinie, die ein wenig wie rollende Schuhschachteln aussahen. 1901 war das Verkehrsbauwerk, von Oberbaurat Otto Wagner entworfen, von damals noch dampfbetriebenen Lokomotiven erstmals befahren worden. Mit Ausnahme der Elektrifizierung der Stadtbahn hatte sich an dem Backstein-Viadukt seitdem wenig verändert. Es durchschnitt eine Brache, eingezwängt zwischen dem schmutzigbraunen Kanal und einer Hauptverkehrsstraße.

Kottan, der sich in dieser Episode bereits mitten in der Metamorphose zu einem absurden Helden befindet, führt der Weg zu einem zwielichtigen Ladenbesitzer, der in einem der Bögen Knöpfe verkauft. Großspurig verkündet das Geschäftsschild »Bijouterie«. Jedes Mal, wenn ein Stadtbahnzug über den Köpfen vorbeirattert, erzittert die vollgerammelte Bude. Plötzlich fallen Schüsse, der Polizist wirft sich auf den Boden und kriecht durch die zersplitterte Tür ins Freie, um den Schützen zu fassen. Vergeblich, der hat sich längst in Luft aufgelöst. Verdrossen liegt er mit dem Gesicht voran auf dem staubigen Zufahrtsweg und lässt seinen Blick über die tristen Wohnblöcke am anderen Kanalufer schweifen. Es ist ein Bild, das die ganze Resignation, die in diesem Augenblick der Vergeblichkeit liegt, in fahlen Farben malt.

Just an diesem Ort im Nirgendwo wollte die Stadt Wien zehn Jahre später ein ehrgeiziges Prestigeprojekt verwirklichen, nachdem eine neue U-Bahntrasse das mittlerweile denkmalgeschützte Verkehrsbauwerk seiner Funktion beraubt hatte. Ein »identitätstiftendes prägnantes Bauwerk« sollte entstehen, frohlockte der verantwortliche Stadtrat, das Areal sollte zu einem »rundum lebendigen Flussraum«, mehr, zu einer »multifunktionellen Veranstaltungszone« aufgewertet werden. Weder mit Worten noch mit Ressourcen wurde gespart. Zaha Hadid, die gefeierte Baukünstlerin aus London, lieferte einen Entwurf im Stil des expressiven Dekonstruktivismus, der zu ihrem Markenzeichen geworden war. Das Modell der scheinbar schwebenden, ineinander verschachtelten Gebäuderiegel wurde bestaunt, man erwartete sich ein kleines Weltwunder der Urbanität am träge vorbeiplätschernden Kanal. Schließlich wurde eine Kompromissvariante, von der sich die Architektin sofort distanzierte, um stolze zehn Millionen Euro realisiert. Um die Kosten einigermaßen in den Griff zu kriegen, wurden an allen Ecken billige Ersatzmaterialien eingesetzt. Die 34 Wohnungen mit den eigenwilligen, schiefwinkeligen Grundrissen, ursprünglich als Luxusdomizil mit River View gedacht, erwiesen sich als unverkäuflich. Zwei Jahre nach dem Erstbezug verließen die letzten Kurzzeitmieter das Wunderhaus. Der Bauträger ging bankrott. Die üddeutsche Zeitung nannte es den »stummen Zeugen eines verlorenen Kampfes gegen die Trivialität« und fragte, ob die Wiener, betört vom berühmten Namen der Architektin, hier nicht »allzu großer Mythengläubigkeit« erlegen seien.

Die schicke Schnöseltruppe, die Papas Geld durchbringt, wurde, anders als prophezeit, nie heimisch hier. Immer wieder blitzten neue Nutzungskonzepte auf. Keines überlebte die Ankündigung. Einmal wurde sogar überlegt, Obdachlose in dem Geisterhaus einzuquartieren. Mittlerweile werden rund 15 Quadratmeter große Einzelzimmer hauptsächlich an amerikanische Studenten vermietet, die für ein paar Monate in Wien leben.

Der Radweg entlang des Donaukanals, der unterhalb des Gebäudes vorbeiführt, wurde unlängst durch ein Kunstprojekt aufgehübscht. Begegnen einander dort zwei Radler, aktivieren sie LED-Piktogramme, die veranschaulichen sollen, wie große Fische die kleinen fressen. So sieht Wien im Wandel aus. Eine Kottan-Regel gilt allerdings weiterhin: »Inschpektor gibt’s kan!«