Aus den grauen Wolken zwischen Piz Tasna und Futschölpass fällt eiskalter Regen. Der Archäologiestudent Daniel Möckli ist froh, wenigstens im Trockenen arbeiten zu können, beschützt vom Steindach, das ein riesiger Felsbrocken über die Grabungsstelle spannt. Mit der Kelle kratzt er vorsichtig schwarzen Staub weg. Es ist die Holzkohle eines Feuers, das vor 7500 Jahren hier glimmte und alpine Jäger wärmte. Von deren Mahl in der Steinzeit finden sich noch verbrannte Knochen. Vermutlich die Gebeine einer Gämse. Oder die Überreste einer Steinbock-Keule.

Auch in den Schichten darüber sind die Forscher fündig geworden. Keramikreste kamen zutage und die Bruchstücke einer Bronzenadel. Ganz oben fand sich zwischen den Steinen die Kartusche eines Gaskochers. "Eine fantastische Fundstelle", sagt der Grabungsleiter Thomas Reitmaier von der Universität Zürich. "Ein Quadratmeter Boden birgt die Reste aller Wirtschaftsweisen, die es in den Alpen gegeben hat: steinzeitliche Jäger, Alphirten aus der Bronzezeit, moderne Freizeitjäger."

Und weil wenige Meter daneben sogar mehr als 10.000 Jahre alte Zivilisationsreste liegen, lässt sich an diesem Ort im Schweizer Kanton Graubünden das Leben der Älpler bis heute verfolgen; und zwar von jenem Nullpunkt an, als nach der letzten Eiszeit die schmelzenden Gletscher den Lebensraum für unsere Vorfahren freigegeben hatten.

"Ein Mekka der alpinen Archäologie", urteilt Reitmaier. Andernorts hat das raue Bergklima fast alle menschlichen Spuren getilgt. Die Beweislage ist auch deshalb dürftig, weil der prähistorische Berggänger immer möglichst wenig mitnahm, wenn er auf 2000 Meter aufstieg oder noch höher ging – so wie es Hirten, Jäger, Alpinisten genauso heute tun. Daher ist wenig bekannt über vergangene Lebensweisen in den Alpen, etwa über die Anfänge der Viehwirtschaft. In Österreich und Frankreich sind einige wenige Spuren aufgetaucht, die man sich als Überbleibsel der ersten Alphütten vorstellen kann – aber gerade bei den Schweizern, deren Identität und Mythen so sehr mit dem Gebirge verbunden sind, gab es bisher keine handfesten Zeugnisse vom ersten Alp-Öhi.

Ausgerechnet der gebürtige Österreicher Thomas Reitmaier arbeitet daran, diese helvetische Scharte auszuwetzen. Seit drei Jahren durchkämmt er mit seiner Archäologentruppe das abgelegene Silvretta-Gebiet zwischen dem Schweizer Unterengadin und den österreichischen Regionen Montafon und Paznaun systematisch nach prähistorischen Stätten: "Mich reizt es, diese Region am Rand zu untersuchen, weil es da noch viele weiße Flecken gibt." Allerdings war die Silvretta früher weniger isoliert als heute, vermutet Reitmaier. Denn das warm-trockene Unterengadin bietet Bauern ein ausgezeichnetes Klima und war über alte Hochpässe mit der Bodenseeregion und Norditalien vernetzt. Noch im 17. Jahrhundert lag die Kornkammer Graubündens im Unterengadin.

Dort stießen Archäologen schon um 1960 oberhalb des Dorfes Ramosch auf Anbauterrassen für Getreide. Sie waren vor rund 4000 Jahren angelegt worden. In den Siedlungsresten ihrer bronzezeitlichen Erbauer fanden sich die Knochen von Weidevieh: von Schafen, Ziegen, Kühen. Diese Hochlandbauern müssten auch eine Alp bewirtschaftet und dafür eine Hütte errichtet haben, dachte sich Reitmaier, als er das Silvretta-Projekt auf die Beine stellte.

Tatsächlich wurde er fündig. Im vergangenen Jahr stieß er auf die älteste Alphütte der Schweiz. Nach 2800 Jahren Sturm, Frost und Lawinenniedergängen waren von der Blockhütte auf einem Steinfundament allerdings nur die verstreuten Brocken der Grundmauern übrig geblieben. Und die waren auch noch von Vegetation überwuchert. "Wir konnten die Reste zunächst kaum erkennen", sagt Reitmaier.