Eine buddhistische Stele nahe eines zerstörten Tempels: Während der stalinistischen Säuberungen in den dreißiger Jahren wurden viele Lamas verschleppt und getötet, buddhistische Tempel geschliffen © Mirco Lomoth

Dann sehe ich plötzlich ein rostiges Metallplättchen, durchbohrt und an einer Seite abgebrochen. Es liegt auf dem Sand, zwischen vertrockneten Gräsern, als hätte es erst kürzlich jemand hier fallen lassen. Eher unspektakulär. Ich stecke dennoch eine lila Flagge in den Boden. Wir sollen alles markieren, was uns ungewöhnlich erscheint, hat Joan gesagt. Sie ist Archäologin und meist in den kalifornischen Wüsten Sonora und Mojave unterwegs, 63 Jahre alt, die Weste vollgestopft mit Kompass, GPS-Gerät, Feldbuch, auf dem Kopf ein khakifarbener Wüstenhut mit Nackenschutz. Auf ihr Kommando suchen wir die Steppe ab: 14 Leute in langer Reihe, alle fünf Meter einer. Stundenlang laufen wir mit gesenkten Köpfen umher, starren auf den Boden. Zikaden springen zirpend davon, manchmal flüchtet eine Eidechse.

Archäologische Oberflächenbegehung nennt sich so etwas. Die amerikanische Organisation Earthwatch verkauft das Erlebnis an jeden, der bereit ist, dafür zu zahlen, ein ärztliches Attest vorlegt und vor der Abreise ein 39-seitiges »Expeditionsbriefing« durcharbeitet. Das Prinzip: Touristen unterstützen in ihrem Urlaub Forschungsprojekte mit Geld und Arbeitszeit und bekommen dafür Einblicke geboten, die sonst nur erfahrenen Wissenschaftlern vergönnt sind. Earthwatch leitet Expeditionen auf der ganzen Welt – Amazonasdelfine schützen in Peru, Singvögelpopulationen beobachten in den Rocky Mountains, Klimaveränderungen untersuchen am Rande der Arktis. Wer sich für Archäologie interessiert, kann in der mongolischen Steppe nach Überbleibseln der Vergangenheit fahnden.

Suchen. Stehen bleiben. Fokussieren. Bücken. Markieren. Weitersuchen. Wir kommen nur langsam voran, so viel liegt herum. Der Boden ist übersäht mit Splittern aus hellblauem Chalzedon, ockerfarbenem Jaspis, Quarzit und Achat, Reste von der Arbeit an Steinwerkzeugen, hergestellt vor Tausenden von Jahren. Wahrscheinlich, sagt Joan, hatten Jäger hier ihr Lager aufgeschlagen, auf einer Anhöhe zwischen zwei längst ausgetrockneten Flussbetten.

Wir sind die erste Gruppe, die im Ikh-Nartiin-Chuluu-Naturschutzgebiet nach Zeugnissen vergangener Kulturen sucht, im Südosten der Mongolei, auf halbem Wege zwischen Ulan Bator und der chinesischen Grenze. 660 Quadratkilometer Steppe, eine großartige, karge Landschaft, weite Ebenen mit gelbem Gras. Felsen ragen hervor wie Trümmerhaufen, schichten sich auf zu massiven Steinwelten. Touristen gibt es hier fast keine, nur etwa 20 Nomadenfamilien, die das ganze Jahr über Ziegen hüten. Im Winter schützen die hohen Berge ihre Herden vor Wind und Schnee. Ikh Nartiin Chuluu bedeutet »große Steine mit reichlich Sonne« auf Chalcha-Mongolisch, der Sprache der mongolischen Nomaden.

Anfangs dachten wir, in dieser menschenfeindlichen Landschaft könnte nicht viel zu finden sein. Biologen des Zoos von Denver und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften erforschen hier schon seit Jahren Wildtiere, vor allem seltene Argali-Schafe, Sibirische Steinböcke und Mönchsgeier. Sie haben Ranger engagiert, um ein Forschungscamp zu errichten. Und immer wieder berichteten sie von Grabmälern und Steinwerkzeugen, die sie zufällig auf ihren Exkursionen fanden. Tatsächlich stellen wir bald fest, dass die Landschaft vielerorts von einer dichten Kulturpatina überzogen ist. Menschen haben hier seit Jahrtausenden gejagt und Tiere gehütet, Krieger waren auf der Durchreise. Nach und nach sollen Earthwatch-Teams wie wir eine ganze archäologische Landkarte von Ikh Nartiin Chuluu erstellen, um die kulturellen Ressourcen besser schützen zu können und den Park auch für Touristen interessanter zu machen.