»Hier, falls ihr Europäer noch größere Probleme bekommt«, sagt Pascal Marthine Tayou und überreicht mit breitem Grinsen eine Münze. Sie sieht einem Euro ähnlich, aber es ist ein Afro – die imaginäre Gemeinschaftswährung Afrikas. Der Künstler aus Kamerun verschenkt solche Geldstücke gerne an seine Freunde in Berlin, Paris und Brüssel. Ein Hinweis darauf, dass ausgerechnet die Währungen Afrikas in diesen Tagen stabiler sind als der Euro.

Tayou hätte seine Afro auch gleich an die europäischen Regierungschefs austeilen sollen, die sich diese Woche zum dritten EU-Afrika-Gipfel im libyschen Tripolis versammelten – es hätte zum neuen Afrika-Bild gepasst. Die Europäische Kommission beschrieb den Kontinent kürzlich als eine Weltregion, die sich »in einem nie da gewesenen Tempo« wandelt. Just im historischen Jahr 2010, in dem zahlreiche afrikanische Staaten das fünfzigste Jubiläum ihrer Unabhängigkeit feiern, wirken afrikanische Unternehmer, Banker und Investoren so zuversichtlich wie seit der Aufbruchszeit nach dem Ende der Kolonialherrschaft nicht mehr. Das liegt nicht nur an der in diesem Jahr erstmals in Afrika ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft , die das Selbstwertgefühl der Afrikaner gestärkt hat. Es liegt an einem wirtschaftlichen Aufschwung, der auch nüchterne Beobachter aus dem Westen verblüfft.

Lions on the move betitelte der amerikanische Beratungskonzern McKinsey seine jüngste Afrika-Analyse: »Die Löwen brechen auf« – eine Anspielung auf die asiatischen Tigerstaaten. 27 der 30 größten Volkswirtschaften Afrikas haben seit der Jahrtausendwende kräftig aufgeholt, zwischen 2000 und 2008 lagen die Wachstumsraten bei fünf bis zehn Prozent pro Jahr und haben sich damit im Vergleich zu den davorliegenden Jahrzehnten verdoppelt. Das Bruttoinlandsprodukt des Kontinents – 1,6 Billionen US-Dollar – sei höher als das Russlands oder Brasiliens, stellt McKinsey fest. Die Experten nennen zwei Ursachen für den »schnelleren ökonomischen Pulsschlag«: bessere Regierungsführung und wirtschaftliche Reformen. Dazu zählen sie den Abbau der Schulden und Haushaltsdefizite, die Eindämmung der Inflation, die Privatisierung von Staatsunternehmen, die Liberalisierung des Handels und die Senkung der Unternehmenssteuern: »Afrikanische Regierungen verfolgen zunehmend eine Politik, die die Märkte stärkt.« In keiner anderen Entwicklungsregion könne man derzeit größere Gewinne erzielen, urteilt McKinsey. »Global operierende Unternehmer und Investoren können es sich nicht leisten, dies zu ignorieren.«

Zwischen Dakar und Daressalam, zwischen Kairo und Kapstadt geht es endlich aufwärts, weil die freie Marktwirtschaft auf dem Vormarsch ist. So lautet die Kernthese der Gutachter. Aber ist das nicht ein Strohfeuer, das durch hohe Rohstoffpreise genährt wird, fragen Skeptiker. Sie sprechen vom »Fluch der Ressourcen« und verweisen exemplarisch auf ein ölreiches Land wie Angola, das in Petrodollar schwimmt und im vergangenen Jahrzehnt weltweite Wachstumsrekorde von bis zu 25 Prozent per annum aufstellte, während sich die Lage der armen Bevölkerungsmehrheit kaum verbessert hat. Kein Zweifel, der Boom im Energiesektor und die steigende Nachfrage nach Platin, Gold, Kupfer, Uran oder Coltan haben dem Aufschwung in Afrika geholfen. Im Zuge der globalen Krise 2008/09 sind allerdings die Rohstoffpreise abgestürzt, und die Folgen waren auch in Johannesburg, Lagos oder Luanda deutlich zu spüren. Doch sie wurden zum Erstaunen der Außenwelt zügiger überwunden als andernorts; die Ökonomen führen das auf die vor der Krise vorgenommenen Strukturreformen zurück. So fiel zum Beispiel das Wachstum in Nigeria laut Weltbank nur von 6,4 Prozent im Jahr 2007 auf 5,6 Prozent im Desasterjahr 2009.

Es gibt einen weiteren Grund für Afrikas Erfolg: neue Partner. An erster Stelle steht China , das sein Handelsvolumen mit dem Kontinent innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten von einer Milliarde Dollar (1992) auf 106,8 Milliarden Dollar (2008) verhundertfacht hat. Mittlerweile sind 2000 Firmen aus dem Reich der Mitte in Afrika aktiv, und die Zahl der chinesisch-afrikanischen Projekte ist auf 8000 angewachsen. Aber auch Brasilien, Indien, Russland, arabische Staaten und kleinere Schwellenländer wie die Türkei oder Malaysia haben Afrika entdeckt. Und aus dem Süden erobern beinahe unbemerkt die Südafrikaner mit ihren Bergbaumultis, Banken und Brauereien, Supermarktketten, Telefonkonzernen und Fernsehkanälen den Kontinent. Die Wirtschaftseliten Afrikas suchen ihrerseits die Kooperation mit den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China).

Auch Deutschland konnte vom afrikanischen Aufschwung profitieren. Im ersten Halbjahr 2010 wuchs der deutsch-afrikanische Handel um 25,4 Prozent. Die bisher dominierenden EU-Handelspartner England und Frankreich fallen hingegen allmählich zurück. »Europa hat die Krone als wichtigster Investor verloren«, kommentiert das südafrikanische Fachblatt Africa Investor. In der jüngsten Ausgabe listet die Zeitschrift die hundert wichtigsten Infrastrukturprojekte auf, an denen viele der neuen Partner über Joint Ventures beteiligt sind: Tiefseehäfen in Kamerun und Guinea-Bissau, die Benguela-Eisenbahn in Angola, die Ölpipeline vom Tschad an den Atlantik, Staudämme im Sudan und in Äthiopien , Raffinerien in Nigeria, Windkraftwerke in Kenia, der größte Solarpark der Welt in Südafrikas Halbwüste .

 

Gleichzeitig findet eine regelrechte Revolution in der Informations- und Kommunikationstechnologie statt. Seit Juli verbindet Seacom, ein unterseeisches Glasfaserkabelsystem, den Süden und Osten Afrikas mit Europa und Asien. Das Konsortium ist übrigens zu 75 Prozent in der Hand afrikanischer Anleger. Ihr Erdteil wird mit der Welt vernetzt, die schnellen Breitbandverbindungen sparen Kosten und erhöhen die Konkurrenzfähigkeit. Nirgendwo breitet sich das Internet so rasant aus wie in Afrika, nirgendwo nimmt die Zahl der Nutzer von Mobiltelefonen so schnell zu – heute besitzen 350 Millionen Afrikaner ein Handy.

Man kann den Aufschwung auch an anderen Indikatoren ablesen, an der zunehmenden Autodichte und den infernalischen Verkehrsstaus in den Metropolen, an den modernen Shopping-Malls, Bankpalästen und Finanzdienstleistern oder an den Investmentfonds, die mit Bau- und Agrarland zocken und höchste Renditen verheißen. Das rasche Wachstum löst dabei bedenkliche Entwicklungen aus, mancherorts greift der Raubtierkapitalismus um sich – die Versuchungen der Korruption und Selbstbereicherung wachsen, das Millionenheer der Armen wird noch weiter an den Rand gedrängt.

Dennoch wächst aus der Mitte der Gesellschaften eine Kraft, die der eigentliche Motor des Fortschritts ist: die neue Mittelschicht. Sie werde sich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln und 128 Millionen Haushalte umfassen, prognostiziert McKinsey. Geht man von einem durchschnittlich vierköpfigen Haushalt aus, ist die Schätzung des indischen Entwicklungsökonomen Vijay Mahajan durchaus realistisch. Er hat hochgerechnet, dass in Afrika bis zu eine halbe Milliarde Bürger zur Mittelschicht aufsteigen könnten. Diese zukünftigen Konsumenten entsprechen nicht mehr dem Klischee vom hilflosen, bettelarmen Afrikaner. Es sind selbstbewusste Bürger, die Arbeit haben, überwiegend in Großstädten leben, Wohnungen kaufen, Mittelklassewagen fahren und in die Ausbildung ihrer Kinder investieren – wie die Mittelschichtbürger in aller Welt.

Afrika hat enormes Potenzial; es verfüge über fast vierzig Prozent der Rohstoffe, Agrargüter, Wasservorräte und Energiereserven der Welt, schätzt das renommierte Londoner Institut Chatham House. Doch bei allem Optimismus sollte man nicht vergessen, dass sich die 53 Länder der Afrikanischen Union in höchst unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Das Spektrum reicht vom prosperierenden Musterland Botsuana über erfolgreiche Reformstaaten wie Ghana oder Mosambik bis zu den Nachkriegsruinen Sierra Leone und Liberia, die in der Armutsfalle gefangen bleiben. Der potenziell reiche Kongo erweist sich als unregierbar, im Sudan schwelt ein Bürgerkrieg, Simbabwe zerstört sich selbst, und der Jubilar Somalia konnte seinen 50. Geburtstag nicht feiern, denn dieser Staat existiert nicht mehr. Afropessimisten verweisen gerne auf diese scheinbar aussichtslosen Fälle. Oder sie deuten, wie der südafrikanische Politikwissenschaftler Greg Mills, die Zeichen des Umbruchs ganz anders: Die Zahl der Mobiltelefone nehme zu, weil vielerorts die Festnetze zusammengebrochen seien, und die wachsende Zahl von Dieselgeneratoren beweise nicht wachsenden Wohlstand, sondern nur, dass die öffentlichen Stromnetze versagten.

In vielen Bereichen ist Afrika nach wie vor das Schlusslicht der Welt, von A wie Analphabetenrate bis Z wie Zahnarztdichte. Zwei von drei Afrikanern gehen immer noch hungrig schlafen, schreibt Greg Mills in seinem neuen Buch Warum Afrika arm ist. Es fehle weiterhin an guter Regierungsführung, Transparenz, Rechtssicherheit. Die Transportkosten seien zu hoch, und die Infrastruktur sei in mancher Region schlechter als am Ende der Kolonialära.

Dennoch gilt Afrika heute nicht mehr als »hoffnungsloser Erdteil«, wie es vor zehn Jahren noch der Economist schrieb. Beim EU-Afrika-Gipfel in Tripolis wurde wenig über Entwicklungshilfe und Geldgeschenke geredet und mehr über Wachstum und Investitionen. Devise: Die beste Methode, um die Armut zu überwinden, ist die Erweckung der eigenen Wirtschaftskräfte. Sie könnten sich entfalten, wenn die Idee von Südafrikas Präsident Jacob Zuma und dem britischen Premier David Cameron verwirklicht wird: eine subsaharische Freihandelszone, die 26 Länder umfasst. Bislang entfallen nur zehn Prozent des afrikanischen Handels auf die eigenen Region. Die Afrikaner müssten schleunigst den Protektionismus abbauen. Dann könnte irgendwann auch die Vision von der neuen Währung wahr werden, dem Afro.