DigitalisierungIm virtuellen Lesesaal

Noch ein Jahr, dann soll die Deutsche Digitale Bibliothek starten. Ein überzeugendes Konzept, wie sie funktionieren soll, fehlt noch. von 

Alt und neu - Computer in der New York Public Library

Alt und neu - Computer in der New York Public Library  |  © Spencer Platt/Getty Images

Da gibt es diesen Traum: dass man in allen Büchern, die je in deutscher Sprache erschienen sind, nach Begriffen suchen kann, so einfach wie mit Google im Netz. Man gibt ein Wort in ein Suchfeld ein, lässt sich die besten Treffer dazu anzeigen und kann dann postwendend in dem jeweiligen Buch auf jener Seite lesen, auf der die gesuchten Begriffe vorkommen.

Nun soll dieser Traum wahr werden. Im vergangenen Jahr beschlossen Bund und Länder die Einrichtung einer Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) , am Dienstag dieser Woche hat sich ihr »Kompetenznetzwerk« in Berlin konstituiert, Ende 2011 soll die erste Version online gehen. Eines Tages dann, so der Plan, sollen die digitalen Bestände aus 30.000 Bibliotheken, Archiven und Museen der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Anzeige

»Wer die Zahl 30.000 erfunden hat, weiß ich auch nicht«, sagt Norbert Zimmermann, stellvertretender Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz , bei der das Büro der DDB Unterschlupf finden wird. Aber er weiß, dass das Büro ab Januar eine Menge zu tun haben wird: Vor allem gilt es, eine Bestandsaufnahme zu machen, was denn nun bei diesen vielen Institutionen alles schon digital vorhanden ist. Es müssen technische Fragen geklärt werden, damit die an vielen Stellen gespeicherten Dokumente auf einer einheitlichen Benutzeroberfläche präsentiert werden können. Dafür ist das Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur (FIZ) in Karlsruhe zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme zuständig. Und es wartet ein Dickicht von rechtlichen Fragen, schließlich wollen manche Institutionen mit ihren »Digitalisaten« auch Geld verdienen.

Die wichtigsten Verbündeten des Projekts sind die großen wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland. Fast alle stehen dem digitalen Traum sehr positiv gegenüberdie größten Bücherfans sind auch die größten Anhänger der Scan-Projekte . Die Bibliotheksdirektoren haben in den vergangenen Jahren feststellen können, dass jeder Digitalisierungsschritt nicht weniger, sondern mehr Menschen in ihre Büchertempel getrieben hat. Das mag paradox klingen. Aber wenn ein Buch leichter zu finden ist, dann wird es auch öfter gelesen. Und die Bibliothek ist immer weniger ein bloßer Aufbewahrungsort für Bücher. Gerade die durchs Internet sozialisierten Studenten schätzen sie als Ort der Muße, der Begegnung, der gemeinsamen Arbeit.

Milan Bulaty ist Direktor des vor einem Jahr in Berlin eröffneten schicken Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums , der Bibliothek der Humboldt-Universität. Er lacht, wenn er davon erzählt, dass manche Politiker den Neubau für zu groß gehalten hatten. Die erwarteten Nutzerzahlen wurden weit übertroffen, die Studierenden müssen Parkscheiben auf ihren Platz legen, wenn sie ihn verlassen – wer länger als eine Stunde wegbleibt, dessen Sachen werden abgeräumt. »Wir hätten eine doppelt so große Bibliothek bauen können, auch die wäre ständig voll«, sagt Bulaty.

Wie Bulaty ist auch Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek in Leipzig, ein Fan der Digitalisierung. Im wunderschön renovierten Gebäude der zweitältesten deutschen Bibliothek ist er Herr über 5,4 Millionen Bücher – und freut sich über jedes, das er digital präsentieren kann. »Ich habe gerade wieder Dankesmails aus Amerika bekommen«, erzählt er – seltene Drucke werden weltweit zugänglich, und die Bibliothek kann sie wegschließen. Das schont den kostbaren Bestand.

Schon heute gibt es das Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke , eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sammlung von Büchern, die per Scanner abgelichtet und ins Netz gestellt worden sind. Die über die Website www.zvdd.de zugängliche Sammlung erfasst derzeit allerdings gerade mal 142.338 Werke – dabei hat allein die Bayerische Staatsbibliothek schon 400.000 Digitalisate ins Netz gestellt. Der Bücherfreund kann nicht in den Büchern selbst suchen, sondern nur in bibliografischen Angaben wie Titel, Sachgebiet und Autor.

Leserkommentare
  1. Die Digitalisierung ist nützlich und notwendig, denn 80% der Bibliotheksbestände werden sich aufgrund von Säurefraß selbst vernichten. Dennoch muss man bei Überlegungen zur Langzeitarchivierung bedenken, dass die Lesbarkeit der Digitalisate für die Zukunft nicht sicher ist. (Wer hat noch Disketten?)Es muss also parallel eine materialle Langzeitarchivierung stattfinden, und das geht wohl nur auf Microfiche. Die ganze virtuelle Welt ist vorbei, sobald jemand den Stecker zieht.

    • Banause
    • 03. Dezember 2010 10:16 Uhr

    Danke sehr, Herr Drösser, für den informativen und anregenden Artikel.

    Mich berauscht dieser Artikel. Ich bin einer der durch das Internet sozialisierten Studenten. Wikileaks hat auf eine brisante Art und Weise gezeigt, wie das digitale Informationszeitalter unsere Gesellschaft verändern kann.

    Wenn man sich dann mal die so oft erwähnte Wissensgesellschaft durch solche Möglichkeiten vorstellt, ist das Atemberaubend. Ein E-Book und eine universale Auswahl an Büchern in einer digitalen Bibliothek. Was für Potentiale hier stecken, die Menschen sich bilden zu lassen ... wow!

    Urheberrecht ist natürlich ein kritischer Punkt. Ich sehe die Debatte da erst am Anfang. Es ist ja auch schließlich für Studenten möglich, ausgewählte Literatur online einzusehen und als pdf-Dateien runterzuladen.

    Es muss ein System geben, um auf diesem Wege das lebenslange Lernen zu verbessern.

    Ich bin der Meinung, dass der industrielle Sektor essentiell für den Wohlstand ist. Wenn Wissen frei verfügbar ist, steigt die Konkurrenz und es kommt nicht mehr darauf an, wer etwas herstellen kann, sondern wie er es herstellen kann.

    Ein Zusammenhang zwischen Wachstum und frei verfügbaren Wissen?

    Ein Wissen generierender Prozess, an dem sich alle beteiligen können und ihr Input geben - nicht aus Profitinteresse, sondern des Fortschritts wegen -, ist ein große Chance. Das sollte man aber in Verbund mit einer sozialen Marktwirtschaft sehen.

  2. Redaktion

    Das Disketten-Argument zieht nicht so richtig, weil gute digitale Repositorien erstens redundant sind (es gibt mehr als eine physische Version einer Datei) und zweitens ständig auf neue Datenträger umkopiert werden. Wenn man dazu ein offenes und nicht komprimiertes Dateiformat benutzt (TIFF z.B.), dann ist auf sehr lange Sicht das Übrerleben der Datei gewährleistet.

    Sie haben aber Recht, dass man für die Langzeitarchivierung auch nicht-digitale Medien nutzen sollte. Zunehmend wird in den Bibliotheken doppelte Arbeit gespart, und die digitalen Bilder werden zusätzlich auf Mikrofilm ausgegeben.

    Eine Leserempfehlung
  3. Beim Thema Digitalisierung ist von Anfang an viel zuviel Ideologie im Spiel. Für manche ist es gar eine Art Ersatzvision für den gescheiterten Sozialismus.

    Und wie meist bei diesen Visionen werden die kleinen, konkreten Details unterschätzt.

    So auch in diesem Artikel. Daß die Deutsche Digitale Bibliothek sich auch in die "Europaeana" integrieren sollte, wird mit keinem Wort erwähnt. Der nächste Artikel wird uns dann wieder von diesem Projekt künden. Im Moment aber hat die "Europeana" nach ihrem katastrophalen Start keinen guten Ruf. Die technischen und semantischen Parameter sind bis heuten nicht sauber und praktikabel definiert. In ähnlich trübem Fahrwasser dümpelt das deutsche Projekt. Und wenn man hört, daß sich die Berliner das Thema gesichert haben, die doch bei Digitalisierung chronisch Lieferprobleme haben, dann weiß man, daß hier wieder nur Schaum durch die Medien gepreßt wird.

    Eine Leserempfehlung
  4. Leider ist eine "materielle" Langzeitarchivierung völlig unrealistisch, schon vom Umfang her, selbst wenn die meisten Bücher noch ein paar Hundert oder sogar Tausende von Jahren irgendwo herumliegen werden.

    Ein grosser Teil der Daten, vor allem in der Forschung, wird nämlich schon lange nicht mehr gedruckt, z.B. DNA-Sequenzen oder astronomische Bilder.

    Deshalb ist es um so wichtiger, dass diese Daten in offenen oder zumindest gut dokumentierten Formaten auf mehreren Servern sicher abgespeichert werden.

    2 Leserempfehlungen
  5. Gerade sehe ich mir ein paar um 1840 publizierte Artikel im ZVDD (http://www.zvdd.de/) an. Das ist toll, aber ich muss doch gleich meinen Kopf schütteln: es ist ein Krampf, mit dieser Benutzer-Oberfläche zu arbeiten. Ich kann keine Artikel oder Bücher herunterladen, sondern muss mich einzeln duch die Seiten klicken um dann jede Seite einzeln abzuspeichern (als JPGs!). Das ginge sicher einfacher. Wieso müssen die Deutschen, wie üblich, alles komplizierter als nötig machen.... ???

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...sondern noch ganz am Anfang stehen wir hier. Natürlich wäre es sehr viel komfortabler, sofort im Volltext zu suchen und sich die entsprechenden Seiten gleich auszudrucken oder als PDF zu speichern. Aber scannen (wie in diesem Fall) bedeutet erst einmal, die Vorlage als Bild zu digitalisieren. Wie im Artikel bereits angemerkt werden die von Google eingescannten Dokumente ja bereits mit der entsprechenden Software bearbeitet um statt des Bildes auch den Text erfassen zu können. Das ist natürlich etwas zeitaufwändiger, aber nur Geduld :-)

    Die Vorstellung, in Zukunft in solchen Archiven gezielt nach Informationen zu suchen die vorher schwer oder gar nicht zu erhalten waren ist faszinierend. Nicht nur Studenten und Professoren werden sich dafür begeistern können, davon bin ich überzeugt. :o)

    • oooo
    • 04. Dezember 2010 13:46 Uhr

    Was genau ist dort alt, und was ist neu? ;)

  6. ...sondern noch ganz am Anfang stehen wir hier. Natürlich wäre es sehr viel komfortabler, sofort im Volltext zu suchen und sich die entsprechenden Seiten gleich auszudrucken oder als PDF zu speichern. Aber scannen (wie in diesem Fall) bedeutet erst einmal, die Vorlage als Bild zu digitalisieren. Wie im Artikel bereits angemerkt werden die von Google eingescannten Dokumente ja bereits mit der entsprechenden Software bearbeitet um statt des Bildes auch den Text erfassen zu können. Das ist natürlich etwas zeitaufwändiger, aber nur Geduld :-)

    Die Vorstellung, in Zukunft in solchen Archiven gezielt nach Informationen zu suchen die vorher schwer oder gar nicht zu erhalten waren ist faszinierend. Nicht nur Studenten und Professoren werden sich dafür begeistern können, davon bin ich überzeugt. :o)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service