Selbst Experten rieben sich die Augen, als das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche neue Daten vorstellte : Fast 443.000 junge Menschen haben sich in diesem Jahr an deutschen Hochschulen eingeschrieben, die Studentenzahl sprang auf insgesamt 2,2 Millionen – ein sensationeller Allzeitrekord. Satte 46 Prozent eines Altersjahrgangs haben sich 2010 für ein Studium entschieden. Der Anteil der Studienanfänger liegt damit deutlich über der politisch gesteckten Zielmarke von 40 Prozent – erst zum zweiten Mal in der Geschichte. Sollte sich die Studienanfängerquote in den kommenden Jahren auch nur annähernd auf diesem Niveau halten, bestünde sogar die Chance, dass die Bundesrepublik, lange für ihren Akademikermangel gescholten, zum internationalen Mittelfeld aufschließen könnte. Im Hinblick auf den befürchteten Fachkräftemangel wäre dies eine Verheißung zur rechten Zeit.

Über alle Fächer verteilt stieg die Zahl der Erstsemester um vier Prozent. Frappierend ist die gegensätzliche Entwicklung in den alten und neuen Bundesländern: Während der Westen durchweg Zuwächse verzeichnet, ist die Zahl der Erstsemester im Osten fast überall eingebrochen. Nur Thüringen konnte die Einschreibezahlen leicht steigern. Doch diese Rückgänge sind keine schlechte Nachricht, im Gegenteil: Sie fallen weniger deutlich aus, als es die Ost-Bildungspolitiker wegen des Geburtenschwunds in ihren Ländern nach der Wende befürchten mussten.

Der demografische Effekt schlägt nicht voll durch, weil mittlerweile etwa in Sachsen-Anhalt jeder dritte Studienanfänger aus dem Westen stammt. Die bei den Osthochschulen umstrittene PR-Kampagne »Studieren in Fernost« scheint zu funktionieren. Von Bund und Ländern mit einem Millionenbudget ausgestattet, soll sie West-Abiturienten zum Beispiel über poppige Onlinefilmchen oder studiVZ-Aktionen in den Osten locken. Allerdings dürfte die wirksamste Werbung für die im Westen lange so unbeliebten Osthochschulen etwas anderes sein, nämlich die wegen Überfüllung geschlossenen Hörsäle im Westen.

Die positiven Nachrichten haben auch eine Kehrseite: Der gerade erst verlängerte Hochschulpakt 2020 ist schon jetzt hoffnungslos unterfinanziert. Diese Vereinbarung zwischen Bund und Ländern sollte vorsorgen für den Ansturm der letzten starken Jahrgänge im Westen, die nun an die Hochschulen strömen. Zusätzlich verstärkt wird das Gedränge durch die auf zwölf Jahre verkürzte Schulzeit in den meisten Bundesländern. Sie führt nach und nach zu doppelten Abiturjahrgängen. 275.000 zusätzliche Studienanfängerplätze sollten das Problem lindern. Doch die neueste, im Oktober vorgestellte Hochrechnung des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie geht bereits von 440.000 benötigten Plätzen aus. Und das war noch vor der Veröffentlichung der aktuellen Rekordwerte des Statistischen Bundesamts.

Offenbar ist die Begeisterung für ein Studium unter jungen Leuten noch größer, als die Forscher es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten. Die Abiturienten glauben den Beteuerungen, Deutschlands Zukunft liege in der Bildung. Diese große Chance für das Bildungssystem wäre vertan, sollten die Hoffnungen der Schulabgänger enttäuscht werden. Denn es droht ein weiterer Engpass: Die für Juli 2011 geplante Aussetzung der Wehrpflicht dürfte einmalig zusätzliche 50.000 Studienanfänger an die Hochschulen bringen.

Dieser Effekt wurde bislang noch in keiner Prognose berücksichtigt. Deshalb muss die Bildungspolitik bereits in den kommenden Wochen auf die absehbaren Herausforderungen reagieren. Um Notlagen zu vermeiden, muss der Hochschulpakt möglichst rasch der Wirklichkeit angepasst werden. Die Bereitschaft dazu beteuern alle Seiten, zuletzt hat auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) angekündigt, den Pakt für diesen Fall weiterentwickeln zu wollen.