DIE ZEIT: Herr Schleicher, Sie gelten als Erfinder der Pisa-Studie. Vor 15 Jahren haben Sie für die OECD, die Denkfabrik der Industrieländer, das Konzept dieses weltumspannenden Schülertests entwickelt. Hat Sie die Karriere der Studie überrascht?

Andreas Schleicher: Ja, es fing ja ganz klein an. Die Bildungsminister der OECD-Staaten wollten herausfinden, was in der Bildungspolitik überhaupt machbar ist, und sich deshalb gegenseitig in die Karten schauen. Mein erstes Konzept war recht schlank, doch letztlich entschied man sich für einen umfassenderen Test.

ZEIT : OECD heißt auf Deutsch Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ist nicht der enge Blick auf die ökonomische Verwertbarkeit der Bildung ein Geburtsfehler der Pisa-Studie?

Schleicher : Den gibt es ja gar nicht. Wie gesagt, ging die Initiative von den Bildungsministern aus, und die bezahlen auch die Studie. Die OECD ist nur der Dienstleister für die Koordination. Entwickelt und durchgeführt wiederum wird die Studie von Bildungsforschern, nicht von Ökonomen.

ZEIT : Aber Sie betonen doch regelmäßig den ökonomischen Nutzen guter Bildung.

Schleicher: Den gibt es auch. Die OECD nutzt natürlich die Ergebnisse der Pisa-Studie für ökonomische Betrachtungen. Aber die Studie selbst ist nicht auf die ökonomische Verwertbarkeit der Bildung angelegt.

ZEIT: Ist es nicht verwegen, Bildung standardisiert zu messen? Bildung ist doch eine höchst individuelle, vielschichtige Angelegenheit.

Schleicher: Natürlich muss man sich stets der Grenzen bewusst sein, wenn man Teilfähigkeiten testet. Pisa misst, was es misst. Wie gut die Schüler etwa ihre Muttersprache, die Mathematik und die Naturwissenschaften beherrschen.

ZEIT : Ist der Fokus nicht zu eng?

Schleicher: Letztlich müssen wir uns fragen, ob die Leistungen, welche die Schüler im Pisa-Test erbringen, relevant für ihren weiteren Werdegang sind.

ZEIT: Und, sind sie das?

Schleicher: Ja. Die Pisa-Schüler des Jahres 2000 sind inzwischen Mitte zwanzig. Untersuchungen in Australien, Dänemark und Kanada haben gezeigt, dass die Ergebnisse im Pisa-Test eine hohe Prognosekraft für den Erfolg im Berufseinstieg und an der Universität haben, die die Prognosekraft von Schulnoten weit übertrifft.

ZEIT: Wer kontrolliert eigentlich Pisa? Ist da nicht eine Testindustrie entstanden, die für Außenstehende kaum durchschaubar ist?

Schleicher: Nein. Politisch werden wir von den Ministern kontrolliert, die wissenschaftliche Kontrolle gewährleisten wir durch Transparenz. Sowie wir neue Methoden entwickelt haben, stellen wir sie ins Netz, und Hunderte Forscher auf der ganzen Welt üben ihre Kritik. Dieses crowd sourcing ist nebenbei viel effizienter, als wenn wir hier hundert Leute zusätzlich einstellen würden. Eingeschränkt ist die Transparenz nur in Deutschland; es ist das einzige Land, das die Pisa-Daten nicht ins Netz stellt.

ZEIT : Weshalb?

Schleicher : Ich weiß es nicht. Vielleicht fürchten einige Kultusminister um ihre Interpretationshoheit. Dabei wäre es doch viel besser – und in anderen Staaten geschieht das –, dass sich jeder Forscher, der Interesse hat, seinen eigenen Reim auf die Daten machen kann.