ChinaGottes zweiter Sohn

Es war einer der blutigsten Bürgerkriege der Weltgeschichte: Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte die christliche Taiping-Bewegung, die Macht in China an sich zu reißen. von Martin Herzog

21. August 1860, Fort Taku: Nach 15 Jahren Gemetzel versiegt das Kriegsglück der Taiping

21. August 1860, Fort Taku: Nach 15 Jahren Gemetzel versiegt das Kriegsglück der Taiping  |  © Felice Beato/Getty Images

Christen sind heute in China eine bestenfalls geduldete Minderheit. Mitte des 19. Jahrhunderts allerdings standen sie kurz davor, die Macht in dem Riesenreich zu übernehmen. Doch die große christlich-chinesische Revolution, die mit den Fieberträumen eines Provinzgelehrten begann, endete in einem Desaster von unvorstellbaren Ausmaßen – in Aufstand und Krieg. Am Ende zählte man 20 Millionen Tote, vielleicht waren es auch 30 oder sogar 50 Millionen, genau weiß das niemand. Sicher ist nur: Es war eine der größten Erhebungen, einer der blutigsten Bürgerkriege der Weltgeschichte.

Der Taiping-Aufstand. Um ein Haar hätte er die morsche Mandschu-Dynastie hinweggefegt. Es war ein Aufstand des Glaubens, ein später Kreuzzug, ein Heiliger Krieg. Getragen wurde er von einer bizarren Gruppe christlich inspirierter Fundamentalisten unter ihrem Anführer Hong Xiuquan (Hong Tschiu-tschuan), die von 1850 an gegen die »dämonischen Tataren« kämpfte und dabei erstaunlich erfolgreich war. Zeitweise besetzten die Taiping ein Drittel des chinesischen Territoriums. Ihr Ziel war die Errichtung des »Taiping Tianguo«, eines christlichen »Himmelreichs des vollkommenen Friedens«. Ihr religiöses Rüstzeug erhielten sie durch protestantische Missionare, angeführt von einem deutschen Erweckungsprediger.

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Die frommen Revolutionäre tauchten zu einer Zeit auf, da China bereits unter heftigem Druck stand, von innen wie von außen. Es krachte im Gebälk des Riesenreiches.

Traditionell begriff es sich als Zentrum des Universums, die Welt draußen bestand nur aus tributpflichtigen Vasallen. Das ungebrochene Selbstverständnis der Herrscher auf dem Drachenthron indes stand Mitte des 19. Jahrhunderts in schrillem Gegensatz zu den wahren Machtverhältnissen im ostasiatischen Raum.

In zwei Opiumkriegen zwang Großbritannien Peking seinen Willen auf. Durch den massenhaften Tee- und Seidenimport aus China war die britische Handelsbilanz in Schieflage geraten. Um das Defizit auszugleichen, nötigten die Engländer China, die Droge aus ihrer Kolonie Indien einzuführen und das kurz zuvor erlassene Opiumverbot aufzuheben. Zudem verleibte sich das Empire den Hafen Hongkong ein; China musste sich der Freihandelspolitik der Kolonialmächte öffnen.

Währenddessen ließen bürokratische Misswirtschaft und schlechte Ernten bei gleichzeitiger Bevölkerungsexplosion die eigene Wirtschaft fast zusammenbrechen. Chinas verkrusteter Verwaltungsapparat wurde mit der Situation nicht fertig. Vor allem deshalb, weil am Ort nichts entschieden werden durfte. Nachrichten nach und aus Peking brauchten Wochen, manchmal Monate, dennoch weigerte man sich dort, das Straßennetz des Reiches zu modernisieren oder gar Eisenbahnen zu bauen. Zudem blieben die Verkehrswege unsicher, überall lauerten Banditen.

Die Obrigkeit war ungeliebt. Die mandschurischen Herrscher der Qing-Dynastie wurden von vielen als Besatzungsmacht empfunden. Sie gehörten nicht zu den einheimischen Han-Chinesen, sondern stammten von einem Volk aus dem Norden Chinas her, der Mandschurei. Zwar war es ihnen gelungen, sich durch ein ausgeklügeltes Herrschaftssystem seit zwei Jahrhunderten an der Macht zu halten, doch die Unzufriedenheit wuchs. 

Für zusätzliche Unruhe sorgten die zahllosen Prediger der Erweckungsbewegung, die in dieser Zeit durch die Provinzen Chinas zogen. Im Kielwasser westlicher Händler strömten sie ins Reich der Mitte und verkündigten das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt. Vor der Wiederkunft des Herrn wollten sie noch möglichst viele Seelen retten.

Leserkommentare
  1. ....ich fänds auch mal toll wenn man so einen artikel über den Bürgerkrieg Maos gegen die Kuomintang machen würde...

    • marxo
    • 05. Dezember 2010 11:39 Uhr

    Und bei so einem Artikel kann man keine Quellen oder Bücher zum Thema angeben? Schade...

    Eine Leserempfehlung
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    z.B.:
    - Shih, Vincent Y.C. 1967 The Taiping Ideology. Its Sources, Interpretations, and Influences. Seattle/London: University of Washington Press.
    -Spence, Jonathan D. 1996 God’s Chinese Son. The Taiping Heavenly Kingdom of Hong Xiuquan. New York/London: W.W. Norton & Company.

  2. z.B.:
    - Shih, Vincent Y.C. 1967 The Taiping Ideology. Its Sources, Interpretations, and Influences. Seattle/London: University of Washington Press.
    -Spence, Jonathan D. 1996 God’s Chinese Son. The Taiping Heavenly Kingdom of Hong Xiuquan. New York/London: W.W. Norton & Company.

    Antwort auf "Quellen"
  3. Es gab einmal ein Medium,das seine Informationen von
    einem tibetanischen Mönch erhalten hatte.Es handelt sich um Alice
    Bailey.Die Informationen waren so einflußreich,dass sie die höchsten
    und mächtigsten Kreise der Erde beeinflußten.Eigentlich alle
    großen Strömungen des vergangenen Jahrhunderts sind aus diesen
    "Inspirationen" hervorgegangen.Der Kommunismus und seine
    Verbreitung in Rußland und China.Das NS Regime mit seiner
    anfänglichen Unterstützung durch die Wallstreet etc und
    der Neoliberalismus ebenfalls von z.B Chicago forciert.
    Quellen diesbzüglich könnte ich nennen.
    Was der Kommunismus im Positiven bewirkt hat da gibt
    es sicher viel zu berichten.Es gibt aber auch das " Schwarzbuch
    des Kommunismus" wo aufgezählt wird was der Kommunismus
    in der Sowjetunion und vor allem in China für immense
    Menschenopfer gefordert hat.Abgesehen von der fehlenden
    Freiheit und Demokratie.
    Der Nationalsozialismus ist wohl weitgehend bekannt.
    Die Rolle der USA dabei tabu.
    Die Folgen des Neoliberalismus haben wir in der Wirtschaftskrise
    erlebt und diese wurden auch teilweise begriffen.

    Was wäre passiert,wenn man einen dieser Gedanken wirklich
    zu Ende gedacht hätte,bevor man solche Ideen auf die Menschen
    ausläßt ?

    Gesunder Menschenverstand kann uns vor vielem bewahren
    vor allem vor einem dritten Weltkrieg gegen China.
    Das Wichtigste wäre,wenn die Machthaber zum Beispiel im Sinne
    Selbsterkenntnis,Menschenerkenntnis und Gotteserkenntnis ihren
    gesunden Menschenverstand gebrauchen würden.

  4. Wäre Hong Xiuquan Mohammedaner gewesen, hätte der Kommentarbereich jetzt schon 120 Seiten.

    Anm: Bitte bemühen Sie sich um einen artikelbezogenen, konstruktiven Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/lv

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber der offiziell als General des Qing Kaisers in chinesischer Uniform posierende britische Kommandeur Gordon, der den Aufstand niederschlug, wurde später im sudanesischen Khartoum von den siegreichen Truppen des Mahdi - kein "Sohn des Himmels", aber immerhin die Reinkarnation des 7.(?) Imams - hingerichtet

    • kuhnepz
    • 06. Dezember 2010 18:35 Uhr

    Ach so, das ist das gleiche: islamische Aufständische gegen die britische Kolonialmacht richten einen britischen Kommandeur hin (das haben übrigens christliche Amerikaner zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges auch gemacht), und christliche Fundamentalisten ermorden 20 oder mehr Millionen Chinesen, die sich ihnen nicht anschließen wollen. Hauptsache man hat etwas, was man gegen den Islam anführen kann.

    • kuhnepz
    • 06. Dezember 2010 18:46 Uhr

    "Wäre Hong Xiuquan Mohammedaner gewesen, hätte der Kommentarbereich jetzt schon 120 Seiten"
    Das ist der entscheidende Satz in all diesen Kommentaren. "Wir" - die christliche Tradition, in der wir stehen - haben nie etwas wirklich Schlimmes gemacht, und es gibt auch keine Gefahr, dass das je passieren könnte. Zu den Abkömmlingen dieser Tradition, mit der sie die Welt beglückt hat, gehören zwar auch Nationalsozialismus und Kommunismus, aber die zählt der brave Christ und Islamhasser von vornherein zu den anderen. Heute hat er das Glück, dass man den Islamismus (den er mit dem Islam verwechselt, während man natürlich nicht den Taiping-Fundamentalismus mit dem Christentum verwechseln darf), nur schwer mit der christlichen Tradition in Verbindung bringen kann.

    • Kargner
    • 05. Dezember 2010 15:12 Uhr

    Sehr interessanter Artikel!

    Eine Leserempfehlung
    • mhmmmm
    • 05. Dezember 2010 15:38 Uhr

    leider sagt mir Wikipedia folgendes zum verwendeten Foto, was im Nachhinein die meine Begeisterung über die Information über mir ein bis dahin völlig unbekanntes thema schmälert:

    This photograph was taken by Felice Beato on the morning of 21 August 1860, shortly after the fort was attacked and captured by Anglo-French forces in one of the key battles of the Second Opium War.

    2 Leserempfehlungen
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    • dojon
    • 15. Dezember 2010 14:34 Uhr

    Bravo. Leider ist ihre Entdeckung symptomatisch für die Nachrichtenqualität auch in den Meiden der Elite.

    • fgt
    • 05. Dezember 2010 16:17 Uhr

    ...Und das Grund warum China heutzutage Christen unter schwere beobachtung stellt, und nur staatlich sanktionierte Kirchen toleriert.
    Die Erinnerung an die Taiping-Rebellion ist noch zu frisch. Die Gefahr, die vom religiösen Fanatismus ausgeht, insbesondere wenn sozialer Frieden nur sehr wackelig auf den Beinen ist, ist heute um so höher.

    Wer einen gut inszenierten Film über die Taiping rebellion ansehen möchte, dem würde ich "The Warlords" empfelen.

    http://www.youtube.com/wa...

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    • reven
    • 05. Dezember 2010 19:57 Uhr

    Bei der Machtübernahme der Kommunisten 1949 gab es in ganz China nur ca. 700.000 chinesische Christen, obwohl die Christen seit der Mitte des 19.Jahrhunderts intensiv in China missioniert hatten. Ab 1950 wurde die Religionsfreiheit der Christen massiv eingeschränkt und endete mit der Massenverfolgung der chinesischen Christen in der Kulturrevolution, wobei alle religiösen Aktivitäten der Christen eingestellt werden mussten.
    Ab 1980 dann wird das Christentum in China wieder legalisiert.Die Kirchen stehen natürlich unter strenger staatlicher Kontrolle und Beobachtung.
    Trotzdem ist es den Christen in China seither gelungen, die Anzahl der Christen in China auf über 100 Millionen Menschen zu vergrößern.
    Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die Kommunistische Partei Chinas, die einst die Ausrottung des Christenstums in China zum Ziel gesetzt hat, so einen Aufschwung des Christentums erst ermöglicht, indem sie der alten Gesellschaftsordnung und Wertordnung Chinas den Garaus gemacht hat.

    • fgt
    • 05. Dezember 2010 22:32 Uhr

    "Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die Kommunistische Partei Chinas, die einst die Ausrottung des Christenstums in China zum Ziel gesetzt hat"

    Wärend der Kulturrevolution wurden alle religiösen und 'überkommenen' Praktiken verdammt und verboten. Das Christentum an sich wurde bei der Auslöschung nicht besonders priorisiert, bedenke man doch letztendlich, dass die Kulturrevolution zum großen Teil auch auf die ideologischen Grundideen der 4. Mai Bewegung und der literarischen Werke Lu Xuns beruhen (Ein neuer chinesischer Menschentypus und eine neue Kultur für ein nationales Wiedererstarken usw).

    Dabei wurden jedoch jahrelang, auch wärend der Kulturrevolution, ironischerweise die Taiping-Rebellen Ideologisch verklärt und glorifiziert, da ihr "Aufstand der Armen und Entrechteten" der kommunistischen Weltrevolutionsideologie gut in den Kram passte.

    Erst jetzt, nach Dengs Reformen, werden die Taiping in den Medien Chinas kritischer betrachtet. Doch man kann, trotz des Blutvergießens die die Taiping verursachten (und auch trotz ihrer gefährlichen subversiven Implikationen), immer noch viele Symphatien für sie in den zeitgenössischen Filme und Fernsehserien erkennen - der Beobachtung zum trotz.

    Letztendlich entspricht dieser Umgang so ziemlich den typisch chinesichen Verhaltensmuster seit Jahrtausenden, wie im Falle des Konfuzianismus: Ideologie (als Volksopium) ja, jedoch vermischt mit einer entgegengesetzten Praxis in Regierungsdingen (Legalismus, in diesem Fall).

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