Felix Magath im Spätherbst 2010 © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Das Geheimnis des leitenden Angestellten Felix Magath hat immer darin bestanden, dass er ein untrügliches Gespür für Arschlöcher besitzt. Die Frage war niemals die nach dem Ob, sondern die nach dem Wo. Wo sind die Arschlöcher, sind sie schon auf dem Fußballplatz und wenn ja: wie viele? Das hat mit einem Vorfall zu tun, der 24 Jahre zurückliegt. Damals, als Magath noch für den Hamburger Sportverein spielte, zog er sich eine böse Verletzung zu, die seine Karriere als Fußballprofi beendete. In einem Trainingsspiel verweigerte ihm ein Mitspieler den Ball, vermasselte aber danach die Torchance. Magath wurde so wütend, dass er versuchte, ihm in den Hintern zu treten. Aber er traf den Hintern nicht, sein Zorn ging ins Leere. Dabei zog er sich im Knie ein Schleudertrauma zu, der Knorpel wurde beschädigt, Ende, aus. Seit diesem Tag spielen die Arschlöcher, die ihm den Erfolg stehlen, eine Schlüsselrolle in Magaths Leben. Das muss man wissen, bevor man ihn trifft, damit man ihm die richtigen Fragen stellt. Die nach seiner Beziehung zu Menschen, die sich ihm entgegenstellen.

Es ist der 15. Oktober, ein Freitag. Der Fußballtrainer Felix Magath lässt sich auf ein erstes Gespräch mit der ZEIT ein. Es soll um seine Autorität gegenüber der Mannschaft des FC Schalke 04 gehen, die seit Wochen katastrophal spielt. Düsseldorf, Königsallee. Ein teures Hotel. Hier mietete er sich ein, als er im vergangenen Jahr Cheftrainer geworden war. Später ist er in ein Apartment im schicken Düsseldorf-Oberkassel gezogen.

Als Magath im Hotel eintrifft, sieht er so aus, als habe er heute noch nicht viel gelacht. Er versucht eine Lockerungsübung. Die aufwendige Renovierung des Hotels, sagt er, sei bestimmt auch mit seinem Geld bezahlt worden. Er lächelt in die weite, leere Runde des Speisesaals. Felix Magath kann einen Stuhl anlächeln, einen Blumenkübel, aber sobald man sein Lächeln erwidert, schaut er weg. Magath setzt sich an einen Tisch und bestellt einen grünen Tee. Er sagt sehr lange nichts.

Herr Magath, man behauptet über Sie, dass Sie ein harter Trainer seien. Sehen Sie das auch so?

»Die Frage ist, was hart bedeutet. Ist es hart, wenn ich von einem Sportler verlange, dass er ins Schwitzen kommt? Dass er sich anstrengen muss? Dass er trainieren muss, bis er nicht mehr kann? Ist das wirklich hart? Oder ist das nicht normal für einen Spieler? Ist das nicht ein unbedingtes Muss, wenn man will, dass die Leistungsfähigkeit des Spielers steigt? Muss man so jemanden nicht an seine Grenzen führen? Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich als Spieler mehr trainiert habe, als es meine Spieler heute tun.«

Inwiefern mehr trainiert?

»Konditionsarbeit, auch in der Häufigkeit.«

Dann sind nicht Sie härter geworden, sondern die Zeiten weicher.

»Mag sein.«

Wenn es Sie schon in den achtziger Jahren als Trainer gegeben hätte, dann hätte man nicht gesagt: ein harter Hund? Sondern: ein ganz normaler Mann?

»Wäre ich nach Branko Zebec gekommen, meinem damaligen Trainer beim HSV, dann hätte man über den harten Hund, den man heute in mir sehen will, ganz sicher gesagt: Was für ein Weichei.«

Seltsam. Magath redet die ganze Zeit mit einer Straßenbahnhaltestelle draußen vor dem Fenster. Er fixiert die Haltestelle, damit er einen nicht anschauen muss. Nur einmal äugt er herüber und schüttelt unwillig den Kopf. Das ist der Punkt, an dem die Frage nach seinem Vater auftaucht. Ob sein Trainer Zebec wie ein Vater für ihn war? Ein Ersatzvater? Nein, dieses Thema will er nicht. Er guckt so beleidigt, als habe er in letzter Sekunde eine Falle bemerkt. Der Vater, ein Soldat der US Army aus Puerto Rico, ging zurück in seine Heimat, als Felix Magath ein Jahr alt war. Magath wuchs ohne ihn auf. Mit 15 Jahren schrieb er ihm Briefe, der Kontakt zu ihm riss danach nicht mehr ab. Einmal im Jahr besucht Magath den Vater auf dessen Mangofarm in Puerto Rico, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern, die in München wohnen.

Herr Magath, Sie sind zum FC Schalke geholt worden, damit Sie den Club zum Deutschen Meister machen. Was muss passieren, damit das geschieht?

»Man braucht einen stabilen Verein.«

Sie sind inzwischen der Verein: Vorstandssprecher, Manager und Trainer in einer Person.

»Nein, ich bin nicht der Verein. Ich glaube, ich bin stabiler als der Verein. Im Verein ist viel Emotion. Kein Verein ist gleich, jeder hat eine andere Philosophie.«

Was ist denn die Schalker Philosophie?

»Die Schalker Philosophie ist schwer zu erfassen.«

Am 9. Juni 2009, einem Dienstag, sitzt ein Dachdeckermeister, der für die Dächer zu alt geworden ist und auch ein bisschen zu rund, zu Hause in Gelsenkirchen an seinem Computer, weil er etwas auf dem Herzen hat, das keinen Aufschub verträgt. An dem Brief, der perfekt sein muss, hat er viele Abende gearbeitet. Ganze Sätze hat er umgestoßen, neu geformt, wieder und wieder. Seine Frau, eine arbeitslose Fleischverkäuferin, hat ihm geholfen.

Mit dem Datum des Briefes gibt er sich besondere Mühe. 9.6.2009, zweimal die 9. Kompliziert. Die 9 ist in Gelsenkirchen eine unmögliche Zahl, weil im Jahr 1909 der Fußballverein Borussia Dortmund gegründet wurde, der verhasste Rivale aus der Nachbarschaft. Eine Zahl, die für Dortmund gut ist, muss für Schalke schlecht sein, das liegt in der Natur der Sache. Deswegen schreibt der Dachdecker 8 + 1. Juni in die Datumszeile, danach das Jahr 2008 + 1. Das sieht gut aus. Das wird der Mann, der den Brief lesen soll, als Bekenntnis verstehen.