Das Geheimnis des leitenden Angestellten Felix Magath hat immer darin bestanden, dass er ein untrügliches Gespür für Arschlöcher besitzt. Die Frage war niemals die nach dem Ob, sondern die nach dem Wo. Wo sind die Arschlöcher, sind sie schon auf dem Fußballplatz und wenn ja: wie viele? Das hat mit einem Vorfall zu tun, der 24 Jahre zurückliegt. Damals, als Magath noch für den Hamburger Sportverein spielte, zog er sich eine böse Verletzung zu, die seine Karriere als Fußballprofi beendete. In einem Trainingsspiel verweigerte ihm ein Mitspieler den Ball, vermasselte aber danach die Torchance. Magath wurde so wütend, dass er versuchte, ihm in den Hintern zu treten. Aber er traf den Hintern nicht, sein Zorn ging ins Leere. Dabei zog er sich im Knie ein Schleudertrauma zu, der Knorpel wurde beschädigt, Ende, aus. Seit diesem Tag spielen die Arschlöcher, die ihm den Erfolg stehlen, eine Schlüsselrolle in Magaths Leben. Das muss man wissen, bevor man ihn trifft, damit man ihm die richtigen Fragen stellt. Die nach seiner Beziehung zu Menschen, die sich ihm entgegenstellen.

Es ist der 15. Oktober, ein Freitag. Der Fußballtrainer Felix Magath lässt sich auf ein erstes Gespräch mit der ZEIT ein. Es soll um seine Autorität gegenüber der Mannschaft des FC Schalke 04 gehen, die seit Wochen katastrophal spielt. Düsseldorf, Königsallee. Ein teures Hotel. Hier mietete er sich ein, als er im vergangenen Jahr Cheftrainer geworden war. Später ist er in ein Apartment im schicken Düsseldorf-Oberkassel gezogen.

Als Magath im Hotel eintrifft, sieht er so aus, als habe er heute noch nicht viel gelacht. Er versucht eine Lockerungsübung. Die aufwendige Renovierung des Hotels, sagt er, sei bestimmt auch mit seinem Geld bezahlt worden. Er lächelt in die weite, leere Runde des Speisesaals. Felix Magath kann einen Stuhl anlächeln, einen Blumenkübel, aber sobald man sein Lächeln erwidert, schaut er weg. Magath setzt sich an einen Tisch und bestellt einen grünen Tee. Er sagt sehr lange nichts.

Herr Magath, man behauptet über Sie, dass Sie ein harter Trainer seien. Sehen Sie das auch so?

»Die Frage ist, was hart bedeutet. Ist es hart, wenn ich von einem Sportler verlange, dass er ins Schwitzen kommt? Dass er sich anstrengen muss? Dass er trainieren muss, bis er nicht mehr kann? Ist das wirklich hart? Oder ist das nicht normal für einen Spieler? Ist das nicht ein unbedingtes Muss, wenn man will, dass die Leistungsfähigkeit des Spielers steigt? Muss man so jemanden nicht an seine Grenzen führen? Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich als Spieler mehr trainiert habe, als es meine Spieler heute tun.«

Inwiefern mehr trainiert?

»Konditionsarbeit, auch in der Häufigkeit.«

Dann sind nicht Sie härter geworden, sondern die Zeiten weicher.

»Mag sein.«

Wenn es Sie schon in den achtziger Jahren als Trainer gegeben hätte, dann hätte man nicht gesagt: ein harter Hund? Sondern: ein ganz normaler Mann?

»Wäre ich nach Branko Zebec gekommen, meinem damaligen Trainer beim HSV, dann hätte man über den harten Hund, den man heute in mir sehen will, ganz sicher gesagt: Was für ein Weichei.«

Seltsam. Magath redet die ganze Zeit mit einer Straßenbahnhaltestelle draußen vor dem Fenster. Er fixiert die Haltestelle, damit er einen nicht anschauen muss. Nur einmal äugt er herüber und schüttelt unwillig den Kopf. Das ist der Punkt, an dem die Frage nach seinem Vater auftaucht. Ob sein Trainer Zebec wie ein Vater für ihn war? Ein Ersatzvater? Nein, dieses Thema will er nicht. Er guckt so beleidigt, als habe er in letzter Sekunde eine Falle bemerkt. Der Vater, ein Soldat der US Army aus Puerto Rico, ging zurück in seine Heimat, als Felix Magath ein Jahr alt war. Magath wuchs ohne ihn auf. Mit 15 Jahren schrieb er ihm Briefe, der Kontakt zu ihm riss danach nicht mehr ab. Einmal im Jahr besucht Magath den Vater auf dessen Mangofarm in Puerto Rico, zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern, die in München wohnen.

Herr Magath, Sie sind zum FC Schalke geholt worden, damit Sie den Club zum Deutschen Meister machen. Was muss passieren, damit das geschieht?

»Man braucht einen stabilen Verein.«

Sie sind inzwischen der Verein: Vorstandssprecher, Manager und Trainer in einer Person.

»Nein, ich bin nicht der Verein. Ich glaube, ich bin stabiler als der Verein. Im Verein ist viel Emotion. Kein Verein ist gleich, jeder hat eine andere Philosophie.«

Was ist denn die Schalker Philosophie?

»Die Schalker Philosophie ist schwer zu erfassen.«

Am 9. Juni 2009, einem Dienstag, sitzt ein Dachdeckermeister, der für die Dächer zu alt geworden ist und auch ein bisschen zu rund, zu Hause in Gelsenkirchen an seinem Computer, weil er etwas auf dem Herzen hat, das keinen Aufschub verträgt. An dem Brief, der perfekt sein muss, hat er viele Abende gearbeitet. Ganze Sätze hat er umgestoßen, neu geformt, wieder und wieder. Seine Frau, eine arbeitslose Fleischverkäuferin, hat ihm geholfen.

Mit dem Datum des Briefes gibt er sich besondere Mühe. 9.6.2009, zweimal die 9. Kompliziert. Die 9 ist in Gelsenkirchen eine unmögliche Zahl, weil im Jahr 1909 der Fußballverein Borussia Dortmund gegründet wurde, der verhasste Rivale aus der Nachbarschaft. Eine Zahl, die für Dortmund gut ist, muss für Schalke schlecht sein, das liegt in der Natur der Sache. Deswegen schreibt der Dachdecker 8 + 1. Juni in die Datumszeile, danach das Jahr 2008 + 1. Das sieht gut aus. Das wird der Mann, der den Brief lesen soll, als Bekenntnis verstehen.

 

Der Dachdecker steckt den Brief in einen Umschlag, läuft hinunter durch das Treppenhaus, in dem der Geruch von Erbsensuppe und Kohlrouladen hängt. Er nimmt die Straßenbahn 302, steigt an der Haltestelle vor der Arena aus, läuft noch ein paar Minuten, betritt die Geschäftsstelle des Fußballvereins, legt seinen Brief auf den Tresen der Rezeption und sagt: »Hier ist was für Felix.« Der Brief verschwindet in Magaths Fach.

»Sehr geehrter Herr Magath (oder Felix)«, so geht es los, »mein Name ist Wilhelm Plenkers. Besser bekannt als Trompeten-Willy.« Im Stadion steht er immer in der Nordkurve, Block N3, und bläst zur Attacke. Mit der amerikanischen Südstaatenmelodie fing er an, stieg aber schnell auf Stücke um, für die man auch nach fünf Bechern Bier noch Luft hat. Trompeten-Willy kann keine Noten lesen, er schreibt Zahlen auf einen Bogen Papier. Vor vielen Jahren, als seine Trompete nicht mehr mitmachte, lief er zu Rudi Assauer, dem früheren Manager des Vereins, dem Mann mit der Zigarre. Assauer gab ihm Geld für eine neue Trompete und wollte keine Rechnung sehen.

Als Assauer ihn zu Hause anrief, dachte Trompeten-Willy, einer dieser Stimmen-Imitatoren, die neuerdings im Radio auftreten, wolle ihn reinlegen. Trompeten-Willy legte auf. Dann klingelte das Telefon ein zweites Mal, und die rauchige Stimme sagte: »Hier ist Assauer. Wenn du noch einmal auflegst, Willy, kommst du nicht mehr ins Stadion.«

Willy fragte entgeistert: »Rudi?«

»Kommst du mit deiner Trompete?« fragte Assauer.

»Natürlich komme ich mit meiner Trompete«, krähte Willy, »natürlich komme ich.« Er war außer sich vor Glück und verpasste kein Heimspiel mehr.

Aber jetzt hat Magath das Sagen. Jede Menge Co-Trainer und Assistenten hat er mitgebracht, den Pressesprecher ausgetauscht, der alte Präsident des Clubs ist auch verschwunden. »Es liegt mir am Herzen zu helfen«, schreibt ihm Trompeten-Willy, »ich schreibe Sie an, weil Sie nun der Macher sind. Ich könnte mich sehr gut einbringen. Lohn möchte ich keinen, nur eine Aufwandsentschädigung, wenn es möglich ist.« Er will einen kleinen Job. Seinen Lebenslauf fügt er hinzu: 800 bis 1000 Spiele live gesehen, vier Kinder, alle lieben Schalke.

Trompeten-Willy grüßt am Schluss des Briefes mit »Glückauf« und wartet. Wenn das Telefon klingelt, hofft er, dass Magath dran ist. Aber Magath ruft nicht an. Er schreibt nicht. Er bleibt stumm.

»Er muss mich kennen«, glaubt Trompeten-Willy, ihn, den hohen Ton des Samstagnachmittags. Wenn Schalke verlor und die anderen in der Fankurve frotzelten, es habe an den verrutschten Melodien gelegen, dann konnte es passieren, dass sich Trompeten-Willy fragte: »Habe ich zuerst scheiße gespielt und dann die?« Er weiß, dass er die Dinge zu persönlich nimmt.

Dann endlich lief ihm Magath über den Weg, zufällig, am Bahnhof. Magath steckte in einem Anzug, hatte es eilig und wurde begleitet von anderen Männern in Anzügen. Über dem Arm trugen sie diese Taschen, in denen Anzüge faltenfrei bleiben. Trompeten-Willy stieg von seinem Fahrrad und beeilte sich zu rufen: »Tach, die Herren.« – »Tach, Herr Trompeter.« Trompeten-Willy konnte nicht sehen, ob Magath gesprochen hatte, die Männer schauten ihn nicht an. »Herr Trompeter«, einer von denen kannte ihn also. Aber keiner drehte sich nach ihm um.

Herr Magath, Sie haben beim FC Schalke einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Anderthalb Jahre sind vorbei. Der Verein ist im Tabellenkeller.

»Ich hätte keinen Vierjahresvertrag unterschrieben, wenn ich damit gerechnet hätte, im ersten Jahr Meister zu werden.«

Schalke wartet seit 52 Jahren auf die Meisterschaft. Der Verein hatte Not und suchte einen Erlöser.

»Der Verein hatte Not, nicht ich, richtig.«

Sie sind dort mächtiger als jeder Ihrer Vorgänger. Aus der Not des Vereins wurde Ihr Machtgewinn.

»Das ist ja fürchterlich mit meiner Macht.«

Wie ist es wirklich?

»Ich bin abhängig, weil ich abhängig bin von sportlichen Ergebnissen. Da interessiert es nicht, ob ich Vorstand bin oder sonst was. Allein die Ergebnisse entscheiden über meine Macht.«

Der Arbeitsvertrag, den Magath unterschrieb, macht aus ihm einen sehr reichen Mann. Rund sechs Millionen Euro Gehalt im Jahr. 24 Millionen Euro in vier Jahren. Man kann das für ungewöhnlich halten, wenn man weiß, dass ein Trainer in der Bundesliga normalerweise nicht mehr als zwei Millionen Euro verdient. Und dass Magath, als er noch den VfL Wolfsburg trainierte, auf fast 2,5 Millionen Euro kam. Noch ungewöhnlicher ist dieses Gehalt aber, wenn man weiß, dass der FC Schalke 236 Millionen Euro Schulden hat. Gäbe es die 90.000 Mitglieder nicht, von denen viele treu ins Stadion gehen und dem Verein Dauerkarten abkaufen, wäre die finanzielle Lage dramatisch. Ein Trainer, der den Fans nichts zu sagen hat, ist deswegen auch ein wirtschaftliches Risiko. Mit Magath wurde das Risiko chronisch. »Wir könnten ihn nicht so einfach entlassen, auch wenn wir wollten. Wir müssten ihm dann den restlichen Vertrag auszahlen, im schlimmsten Fall 15 Millionen Euro. Dann wären wir finanziell am Ende. Wir müssten uns etwas einfallen lassen. Oder hoffen, dass er von alleine geht.« Das sagen mehrere Funktionäre des Vereins schon im Oktober, als sich die große Krise um Magath erst andeutet.

Bedenklich wird die Lage, wenn ein Trainer anfängt, über seine unvorsichtigen Geldgeber zu spotten. Im August dieses Jahres sagte Magath der Süddeutschen Zeitung, er »verdiene immer zu wenig«, auch in Schalke. Seitdem verachten ihn leitende Funktionäre im Verein. Zynisch klingen Magaths Sprüche, wenn man weiß, in welcher Not sich die Stadt befindet, in der er sein Geld verdient. Die Arbeitslosenquote ist höher als in den meisten westdeutschen Städten, 13 Prozent. Ein Nothaushalt wurde verhängt. Im Rathaus empfängt der sozialdemokratische Oberbürgermeister Frank Baranowski keinen hohen Besuch, weil er sich für die lausigen Räume schämt. Als Magath nach Schalke kam, schrieb ihm Baranowski einen Brief und schlug ihm vor, einander kennenzulernen. Baranowski fuhr zur Geschäftsstelle des Vereins, und als Magath den Raum betrat, folgte ihm der Finanzvorstand des Clubs. Baranowski hoffte auf ein paar freundliche Worte, aber Magath war sofort beim Geld. 20 Millionen Euro. Der Verein brauche 20 Millionen. Die Banken wollten dem FC Schalke keinen Kredit mehr geben. Ob die Stadt etwas tun werde?

Baranowski fuhr heim und überlegte. Die Stadt noch weiter in die Schulden treiben, damit ein Fußballverein Millionengehälter zahlen kann? Den Irrsinn unterstützen? Baranowski macht sich nicht viel aus Fußball, er betrachtet die Sache nüchtern. Aber riskieren, dass der Verein die Lizenz verliert? Zwangsabstieg in die vierte Liga? Mit diesem Stadion, das fast 62.000 Zuschauer aufnimmt, an diesem einmaligen Ort? Es gibt hier Tausende Menschen, die in jeder Mittagspause über Schalke reden. Brandt wird Bundeskanzler, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel, und alle reden über Schalke.

 

Muss man Magath helfen, um das Wochenende der Menschen zu retten? Nächtelang ließ den Bürgermeister das Dilemma nicht ruhen, dann sagte er zu. Einverstanden, 20 Millionen. Die Gelsenkirchener Stadtwerke übernahmen Anteile an der Betriebsgesellschaft des Stadions.

Später lud der Bürgermeister Magath ein, um ihm die Stadt von einer unbekannten Seite zu zeigen, nicht nur die tristen Ecken. Aber Magath wollte nicht. Als es in der letzten Bundesligasaison danach aussah, als könne Schalke vielleicht deutscher Meister werden, rief das Büro des Bürgermeisters Magaths Büro an. Wollen wir nicht frühzeitig einen Autokorso planen? Auch davon wollte Magath nichts hören. Da wusste der Bürgermeister, dass dieser Fremde ein Fremder bleiben wollte. Die Gefühle der Menschen erreichen Felix Magath nicht, und wenn sie ihn doch erreichen sollten, dann berühren sie ihn nicht.

Was ist das, fragt der Bürgermeister, wenn Menschen nach einem verlorenen Fußballspiel weinen? Worum weinen sie? »Ich kann es mir selbst nicht erklären«, sagt Baranowski. Ist es Liebe? »Ja, ich glaube schon. Tief empfundene Zuneigung.« Aber wen lieben die Fans, wenn sie nicht den Trainer lieben, nicht die Mannschaft, nicht das Stadion?

»Es ist das Gefühl, dabei zu sein. Ein Wir-Gefühl. Nein, das ist mir zu platt. Da ist so etwas wie Liebe. Um Bestätigung geht es, um Anerkennung, Aufstieg. Der Welt zeigen, dass diese Stadt ganz oben mitspielen kann. Dass man es schaffen kann aus eigener Kraft. Und wenn diese Hoffnung zerstört wird, ist die Enttäuschung gewaltig.«

Wer sich mit dem FC Schalke und seinem leitenden Angestellten Felix Magath beschäftigt, stößt auf ein schwieriges Verhältnis, das Verhältnis von Liebe und Macht. Von Beginn an will Magath die Liebe nicht erwidern, er kann nur trösten durch kleine Erfolge. Er könnte auch versöhnen durch einen großen Triumph. Auch eine erkaltete Liebe ist jeder Zeit neu zu entfachen. Ein Fan ist ein wechselwarmer Liebhaber, leicht zu verführen. Ein 4:0 gegen Werder Bremen, der Einzug ins Achtelfinale der Champions League, und vieles ist gut, was vorher schlecht zu sein schien. Ein 0:5 gegen Kaiserslautern, und die Liebe wird verschattet durch Trübsinn. Ein Fan ist ein Gefangener seiner Illusionen, er hat sich selber ins Gefängnis gebracht. Unentwegt hofft er auf die Meisterschaft, und deswegen ist er auf romantische Weise korrupt. Er lässt sich bestechen von den Momenten, die ihm die Träume wahr erscheinen lassen. Ein Mensch, der die Macht über die Träume der Fans erringt, ist ein Zauberer, ein Hexer, unter Umständen ein Geliebter wider Willen. Er kann böse sein und wird dennoch für seine Erfolge geliebt. Versteigt er sich aber zu dem Glauben, dass die Macht des Erfolgs auf die Kraft der Zuneigung nicht angewiesen ist, dann liegt darin seine größte Täuschung.

Magath hatte vor dem traditionslosen VfL Wolfsburg so wenig Respekt, dass er eines Tages auf die Idee kam, die Farbe des Vereins auszuwechseln. Er spürte die Symbolik nicht, ihn störte das hässliche Grün.

Als Felix Magath im Mai 2009 mit dem VfL Wolfsburg deutscher Meister wurde, hatte er jeden Spieler an die Grenzen getrieben. Einmal bestellte Magath einen Spieler, der auf dem Platz nichts von seinen Fähigkeiten gezeigt hatte, in die Trainerkabine. Der Spieler stand vor ihm und wartete, aber Magath rührte sich nicht. Er schaute die ganze Zeit auf seine Tasse mit grünem Tee und schwieg. Der Spieler war erleichtert, dass ein Fernseher lief, so konnte sein Blick in eine Ecke flüchten. Nach endlosen Minuten des Schweigens lief der Spieler verstört davon.

Das Schweigen ist Magaths Waffe. Er schweigt Spieler an, die sich seinen Anweisungen widersetzen. Das ist eine Strafe, weil sie auf seinen Rat angewiesen sind. Er schweigt Journalisten an, wenn sie ihm die falschen Fragen stellen. Das ist eine Strafe, weil sie auf seinen Kommentar angewiesen sind.

»Er ist zu allen Spielern gleich«, sagt ein Ehemaliger, »und zwar zu allen gleich schlecht.« Die jungen Talente, die in der Fremde nicht viel mit ihrem Leben anzufangen wissen und sich nach Führung sehnen, verehren Magath. Sie blühen auf, gieren nach seinem Kommando. Sobald sein Spielsystem funktioniert, himmeln sie ihn an wie eine Vorstadtbande ihren Anführer. In einer Zeit, in der Lehrer und Eltern Mühe haben, sich durchzusetzen, kann Magath eine Autorität erzeugen, die keine Beschränkungen zulässt.

Marcel Schäfer, ein wichtiger Spieler des VfL Wolfsburg, der in Magath seinen »größten Förderer« sieht, hat noch nie einen Trainer erlebt, der »so sehr alles dem Erfolg unterordnet wie er«. Schäfer spürte sofort, wie Magaths Laune umschlug, wenn er mit ihm Schafskopf spielte und Magath nicht gewann. Der giftige Blick, die Wut auf die Welt. Auf Reisen saßen sie manchmal im Speisewagen der Bahn und spielten Karten. Magath ist ein ausgezeichneter Schafskopfspieler, und wenn er an der Seite eines unfähigen Partners verlor, musste der sich was anhören. »Da hat man sich gehütet, einen Fehler zu machen«, sagt Schäfer. Und es ging ja um nichts.

»Ich habe es mir unter Magath immer schlimm vorgestellt«, erzählte ein junger Fußballspieler, der neu in die Wolfsburger Mannschaft kam, »aber es war noch schlimmer, als ich dachte.« 

Noch immer sprechen sie von jenem Julitag 2008 im schweizerischen Thun, als Magath nach dem Mittagessen verkündete: Heute kein Training, heute ein Ausflug mit Kaffee und Kuchen. Magath empfahl, Trainingssachen anzuziehen, man wisse ja nie. Als die Spieler glaubten, sie würden gleich in die Seilbahn steigen, erklärte ihnen Magath, dass sie den Berg hochlaufen würden, bis zur Gipfelstation auf 2362 Metern Höhe. Nicht gehen, laufen. Sie liefen zweieinhalb Stunden lang, nur bergauf. Auch Magath rannte mit, am Ende der Gruppe. Der Stürmer Grafite brach kurz vor dem Ziel zusammen und wurde auf einer Trage ins Tal gebracht. Anderen Spielern liefen Tränen aus den Augen, als sie an der Berghütte eintrafen, wo es endlich Kaffee und Kuchen gab. »Man merkte immer«, sagt Schäfer, »Magaths unbedingten Siegeswillen. Das hat sich auf uns übertragen.« Ein anderer meint: »Wir Spieler hatten ein gemeinsames Feindbild. Das verbindet.«

Magaths Autorität ist wie eine Schlinge. In Wolfsburg hatte er ein Seil um die Mannschaft gespannt, das sich zuzog. Höchstleistung. Kurz vor dem Ende der Saison 2009, als die Meisterschaft näher rückte, wollten all seine folgsamen Schüler unbedingt den Titel, und dann geschah etwas Seltsames. Nicht mehr seinetwegen sehnten sie sich nach dem Triumph, nicht aus Dankbarkeit für seinen Drill. Sondern um ihrer selbst willen. Damit sie ihn endlich überwinden konnten. Als er schließlich zum FC Schalke wechselte, weinte ihm in Wolfsburg niemand nach. Das Seil erschlaffte, die Mannschaft purzelte auseinander und verlor sich wieder im Mittelmaß. Es war, als sei Wolfsburg niemals Meister geworden. Die Schlinge hatte gewirkt, der Mann mit der Schlinge war weitergezogen.

Vieles davon würde kaum jemand offen sagen, meist aus Angst vor Magath. 21 Gespräche mit Sportlern und Funktionären, Aktiven und Ehemaligen, die Magath erlebt haben, sind für diesen Artikel geführt worden, und fast niemand möchte seinen Namen in der Zeitung lesen.

Der ehemalige Spieler Sebastian Deisler, der an Depressionen litt und beim FC Bayern unter dem Trainer Magath, sagte im letzten Jahr: »Er misstraute den Spielern. Er schürte Angst, damit sie sich den Arsch aufrissen. Für einen Trainer, der in Zeiträumen von ein bis zwei Jahren denkt, ist das, was Magath gemacht hat, vollkommen richtig. Ein Spieler, der fünf oder zehn Jahre dabei sein will, kann darunter leiden.«

Während eines Trainingslagers, als die Spieler an einem Ende des Tisches im Speisesaal saßen und ihre Suppe löffelten, hörten sie den Trainer am anderen Tischende über Arschlöcher sprechen. Sie ahnten, dass sie gemeint waren.

Erfahrene Spieler, die es in der Mannschaft zu Autorität gebracht haben, werden von Magath schnell verstoßen, verhöhnt, verkauft. Ein Spieler, der Führungsstärke zeigt, muss damit rechnen, dass er für Magath zur Bedrohung wird, sobald er es wagt, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Marcelo Bordon, früher Chef der Abwehrspieler beim FC Schalke, durfte nicht bleiben. Er war eine Zeit lang Kapitän der Mannschaft, Spieler vertrauten sich ihm an. Die offizielle Begründung, seinen Vertrag nicht zu verlängern, war: Er verdient zu viel. Christoph Metzelder wurde gekauft. Und auch der Neue musste erleben, wie sich Magath über ihn, der Startschwierigkeiten hatte, in einer Pressekonferenz lustig machte.

Die größte Angst vor Magath haben die Physiotherapeuten. Das sind jene Menschen, die Magath gelegentlich sagen müssen, dass ein Profi wegen einer Verletzung besser nicht spielen sollte. »Für Magath beginnt eine Verletzung aber erst bei einem Wadenbeinbruch«, sagt einer, der Magath kennt.

Magaths Welt besteht aus Verehrern und Verrätern. Es ist eine Welt ohne Kontinente, mit einem riesengroßen Südpol und einem riesengroßen Nordpol. Ein Mensch, der ihm ausgesetzt ist und sich seiner Meinung nicht anschließt, ist ein Widersacher, im Zweifel ein Arschloch. Magath hält den Kompromiss nicht aus, weil seine Wahrheit nicht teilbar ist. Im Teilen sieht er den Verzicht aufs Ganze.

 

Felix Magath wuchs bei der Mutter in Aschaffenburg auf, als Einzelkind. Sie arbeitete in einer Fabrik, er war zu Hause oft allein. Und nie war Geld da. Das hat er sich später, als Spieler und Trainer, im Überfluss geholt. Aber er blieb auf Deutschlands Fußballplätzen allein. Es gibt heute niemanden in der Bundesliga, der Magath als seinen Freund bezeichnen würde. Das Einzelkind hat sich durchgekämpft und sich selber mit Pokalen beschenkt. Der Erfolg ist aber ein fataler Schiedsrichter. Wer großen Erfolg hat, kann sich einreden, er habe die reine Lehre gefunden. Im Misserfolg versteinert er vor Unglück.

Wolfgang Magath, das ist sein Geburtsname. Erst mit 15, als er seinen Vater fand, der sich früh davongemacht hatte, wollte er Felix heißen. Felix. Der Glückliche. Der Vorname des Vaters.

Als Spieler des HSV erschien Magath öfter zu spät zum Training, trank danach Bier, trieb sich abends in Kneipen herum. Er rauchte, seine Kondition war nicht die beste. Dann wurde der hartleibige Jugoslawe Zebec sein Trainer, der die Spieler »trocken hielt«, wie er das nannte. Kein Tropfen Wasser während des Trainings. Ausdauer, Disziplin, Härte. Und der Spieler Magath erlebte seine ruhmreichste Zeit. Zebec tat mit Magath das, was Magath heute mit seinen Spielern tut: Menschen in eine Form zwingen. Der alte Zebec ist in Wahrheit nie gestorben. Er ist zurückgekehrt, um sich beim FC Schalke zu beweisen.

Es ist der 18. November, ein Donnerstag. Der FC Schalke hat von 12 Bundesligaspielen die Hälfte verloren. Felix Magath kommt gerade vom Training in ein Restaurant in der Nähe des Stadions.

Herr Magath, was verlangen Sie von Ihren Spielern?

»Ein Spieler, der ein siebenstelliges Jahresgehalt kriegt, muss seinem Verein Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Es ist eine meiner Hauptaufgaben, die Dinge zurechtzurücken, in Richtung Realität. So arbeite ich. Wenn es überall in den Medien heißt, dass ein Spieler wieder super war, dann hört er das natürlich lieber, als wenn einer sagt: Du kannst nichts.«

Das sagen Sie manchmal: »Du kannst nichts«?

»Selbstverständlich. Manchmal muss ich überzeichnen. Das mache ich natürlich. Wenn die Medien übertreiben, steuere ich dagegen. Wenn einer gut wegkommt, picke ich die Fehler heraus.«

Und wenn einer schlecht wegkommt, loben Sie ihn?

»Wenn es etwas zu loben gäbe: ja.«

Sobald die Medien jemanden vernichten, suchen Sie nach einem Lob?

»Ich suche nicht nach einem Lob, ich versuche, einen Spieler zu stabilisieren. Ich lasse ihn dann aber mit der Situation alleine, weil ich der Meinung bin, dass jeder da durch muss.«

Machen auch Sie Fehler?

»Natürlich mache ich Fehler.«

Welche Fehler haben Sie in dieser Saison gemacht?

»Wenn wir nicht gewinnen, muss ich ja was verkehrt gemacht haben. Ich habe nie behauptet, dass ich unfehlbar bin.«

Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern, der Sie vor fast vier Jahren trotz großer sportlicher Erfolge entlassen hatte, hat Sie öffentlich kritisiert. Fußball sei heute keine One-Man-Show mehr.

»Ich wäre verrückt, wenn ich alles zur Kenntnis nähme, was veröffentlicht wird.«

Immerhin hat sich Hoeneß geäußert.

»Mir ist das egal. Ich habe mich eher gefreut, als ich den Kommentar aus München gehört habe.«

Wieso gefreut?

»Ist doch klar. Das zeigt, wie in München die Vorstellungen sind.«

Eine nachträgliche Bestätigung für Sie?

»Ich hätte sie nicht gebraucht.«

Sind Sie 2007 im Zorn aus München weggegangen?

»Nein, ich war zufrieden. Das wird mir zwar nicht abgenommen, aber ich hätte mein Leben gar nicht so führen können, wenn ich nachtragend wäre. Ich bin vier- oder fünfmal entlassen worden.«

Hat schon jemand in Schalke Ihre Entlassung gefordert?

»Nein, niemand. Das wäre für den Club auch schwierig. Anschließend.«

Von Anfang an spielt Magath mit dem Wissen, dass sich der FC Schalke ihm unterworfen hat. »Der Weg zu Magath«, sagt ein Vereinsfunktionär, »führt Schritt für Schritt in die Abhängigkeit und dann in die Demütigung.« Im Juli dieses Jahres holte er Horst Heldt, bis dahin Sportdirektor beim VfB Stuttgart, zum FC Schalke, als neues Mitglied des Vorstandes. Aber als Magath aufbrach, um Spieler zu kaufen, einen nach dem anderen, durfte Heldt nicht mitfahren. In Stuttgart war Heldt ein Mann mit Ausstrahlung. In Schalke ist er zum Zuschauer geworden.

Felix Magaths Macht in Schalke erwuchs aus einer Unordnung. Im März 2009 war von der Führung des Clubs nichts mehr übrig. Ein Trainer auf Abruf. Ein Manager auf Abruf. Ein Präsident auf Abruf. Das waren die Tage, als der ehemalige Torhüter Oliver Kahn bei einem Fleischfabrikanten in Rheda-Wiedenbrück vorfuhr, Clemens Tönnies, Chef im Aufsichtsrat des FC Schalke. Und Reporter der Bild -Zeitung warfen ihren Ticker mit News aus Ostwestfalen an: Wird Kahn der neue starke Mann in Schalke?

 

Aber Kahn sagte ab. Wer dann? Der Fleischfabrikant musste einen Retter finden, um sich selbst zu retten. Magath. So einer könnte die Fans zufriedenstellen. Ohne die Fans kann in Schalke kein ortsfremder Herrscher überleben. Die Fans haben eigene Gebäude auf dem Gelände des Vereins, die Fans haben einen eigenen Mann im Aufsichtsrat, die Fans sind lauter und eigenwilliger als in anderen deutschen Fußballvereinen. Sie sind eine wogende, leidenschaftliche Macht. Sie verstehen sich als das Volk in einer wilden Schalker Demokratie.

Felix Magath ist auf das Volk nicht mehr gut zu sprechen, seit es ihm auf der Hauptversammlung im vergangenen Mai ins Wort fiel. Magath wollte einen einzigartigen Ermächtigungsparagrafen durchsetzen, der es ihm gestattet hätte, Spieler zu kaufen und zu verkaufen, ohne den Eilausschuss des Aufsichtsrates noch fragen zu müssen. Aber das Volk spielte nicht mit, es wurde abgestimmt, die Satzungsänderung ging nicht durch. Und als Magath verkündete, er werde Christoph Metzelder zum FC Schalke holen, der früher in Dortmund spielte, beim verabscheuten Konkurrenten, kam er nur bis zur ersten Silbe des Namens Metzelder. Magath ertrank in Buhrufen. Er hatte sich mit dem Volk, dem er vorstehen sollte, nie beschäftigt. Er verstand nicht, dass die Liebe Hass hervorbringen kann, sobald sie verraten wird. Felix Magath, 57 Jahre alt, zum zweiten Mal verheiratet, sechs Kinder aus zwei Ehen, saß da wie ein unaufgeklärter Depp.

Aber er ließ sich nicht aufhalten. Er brauchte den Ermächtigungsparagrafen überhaupt nicht. Er kaufte Spieler, und die Aufsichtsräte erfuhren davon aus der Zeitung.

Im August dieses Jahres erreicht Rolf Rojek ein Anruf auf dem Handy. Magaths Pressesprecher ist dran, das Telefonat dauert keine drei Minuten. Rojek müsse seinen Posten als Fanbeauftragter räumen, sagt der Anrufer, Vorstandsbeschluss. Rojek habe zu viele Funktionen, einerseits Mitglied im Aufsichtsrat, andererseits Fanfunktionär. Rojek weiß nicht, was er antworten soll. Seit 22 Jahren ist er Beauftragter der Fans. Vielleicht liegt es daran, dass er Magath kritisiert hat. Aber das hatte Rojek immer getan, bei jedem Trainer. So ist die Schalker Demokratie.

Der 56-jährige Rojek steht an der Spitze einer verzweigten Sippe, den vom Verein unabhängigen Fanverband leitet er nach wie vor. Den konnte ihm Magath nicht nehmen. Zur Sippe zählt seine Frau Gudrun, für Tickets zuständig, die Tochter Susanne, Buchhaltung, die Tochter Melanie, Internet, alle beim Verband fest angestellt. Acht Abteilungsleiter, vier Auszubildende, 24 ehrenamtliche Bezirksleiter, die Fanclubs in ganz Deutschland betreuen. In Rojeks Büro stehen sie alle mit ihren Namensschildern in einem Setzkasten. Als Schlümpfe.

Die Schlümpfe sind in der Lage, durch wenige Anrufe Leute zu beschaffen, die nachts um zwei aufstehen würden, um die Eingänge des Stadions zu bewachen. »Wir sind doch keine Revoluzzer«, sagt Rojek, »wir lieben den Verein. Du kannst einem Fan alles erklären, auch die Erhöhung der Kartenpreise. Aber du musst mit ihm reden, du musst dich ihm stellen.«

Udo Lattek ließ sich, als er noch Trainer war, bei Rojek oft blicken, Jörg Berger, Huub Stevens, Jupp Heynckes. Assauer tauchte mit wechselnden Begleiterinnen auf und stellte eine blutjunge Zahnarzthelferin als »Teilzeitfreundin« vor. Magath erschien fast nie, einmal zu einem Arbeitsgespräch. Er brachte seinen Pressesprecher mit.

Rolf Rojek war beeindruckt von Felix Magath. Die Klarheit der Gedanken. Der unbeeinflussbare Blick, so gerade wie ein tödlicher Pass. Rolf Rojek wusste plötzlich nicht mehr, ob er diesen Mann duzen könne. Dabei duzt er jeden Besucher sofort, den thüringischen Verkehrsminister genauso wie jenen Thronfolger aus irgendeinem längst vergessenen Königshaus, den Rojek mit den Worten begrüßte: »Hömma, hast du so blaues Blut wie wir?« Aber als Magath ihm gegenübersaß, brachte es Rojek nur auf ein anstrengendes Wechselspiel zwischen den Worten »Trainer« und »du«.

Rolf Rojek sagt: »Jeder will hier die Meisterschale haben, aber nicht um jeden Preis. Schalke ist unser Familienersatz.«

Er könnte die Fans gegen Magath aufbringen, die Schlümpfe aktivieren, aber er zögert. Er will abwarten. Es ist Mitte November, es sind ja noch fünf Bundesligaspiele bis zur Winterpause.

Herr Magath, wird in Schalke Kritik an Ihrer Arbeit laut?

»Wissen Sie, was ich höre, wenn ich beispielsweise auf dem Weg zum Mannschaftsbus bin? Da sagen mir ganz normale Leute: ›Klasse, weiter, so Herr Magath. Lassen Sie sich nicht unterkriegen. Ziehen Sie den Millionären die Beine lang.‹ Nur diese Stimmen höre ich.«

Schlafen Sie nachts gut?

»Wenn ich nicht schlafen kann, gehe ich noch mal zum Fernseher und zappe.«

Dann sind Sie offenbar kein guter Schläfer.

»Nein, das bin ich nie gewesen. Nach Spielen sowieso nicht.«

Dann schlafen Sie die ganze Nacht nicht?

»Schwierig. Schwierig.«

Und der Tag danach?

»Ist anstrengend. Vor allem, wenn man verloren hat. Aber ich schlafe auch nach Siegen nicht gut.«

Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Spieler?

»Es gibt eine Spielergeneration beim VfL Wolfsburg, die jetzt über mich sagt: Er hat uns den Meistertitel gebracht. Ich habe in den achtziger Jahren in einer der weltbesten Mannschaften gespielt, beim HSV. Es gibt verschiedene Wege zum Erfolg, aber ich kenne nur meinen. Dem Spieler, der bereit ist mitzugehen, zeige ich den Weg. Einen Spieler, der dazu nicht bereit ist, will ich nicht.«

Gründet Vertrauen auf Sympathie?

»Nein. Auf Glaubwürdigkeit.«

Fachliche Glaubwürdigkeit?

»Auf Glaubwürdigkeit. Niemandem etwas vormachen. Ich bin nicht derjenige, der in die Fankurve geht. Man sollte zeigen, wofür man steht. Ich sage jedem, dass ich kein Fan des FC Schalke sein kann. Ich kann auch kein Fan des HSV sein, das geht nicht. Ich bleibe nicht ewig. Ich werde wieder gehen. Ich will mir hier kein Denkmal setzen. Ich will die Meisterschaft.«

Würden Sie Meister, dann brauchten Sie sich kein Denkmal zu setzen. Es würde Ihnen von den Fans gebaut.

»Das stimmt. Aber da würde ich auch nicht jedes Jahr hinpilgern.«

Die Menschen würden Sie vielleicht jetzt schon lieben, wenn Sie ihnen das Gefühl gäben, Sie seien ein Anhänger ihres Vereins.

»Klar. Aber das ist nicht der Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ich will Erfolg.«

 

Waren Sie selber Fußballfan, als Sie klein waren?

»Nein.«

Keine Wimpel in Ihrem Kinderzimmer in Aschaffenburg?

»Keine Wimpel, nichts dergleichen. Ich hatte einen Nachbarn, der Fußballspieler war. Ernst Kreuz. Er spielte für Viktoria Aschaffenburg, später für Eintracht Frankfurt, am Ende für den HSV. Draußen, wenn er im Training aufs Tor schoss, habe ich die Bälle geholt, die das Tor verfehlten.«

Sind Sie nun ein harter Trainer?

»Ich bin naiv, ich glaube, dass sich das Gute durchsetzt. Hart ist unsere Welt, unser Geschäft ist hart. Ich lasse die Spieler die Härte der Welt spüren. Dabei bin ich im Grunde ein ganz lieber Kerl, der liebste überhaupt. Ich bin zu gut für diese Welt.«

In der letzten Novemberwoche steht Felix Magath am Ende eines gefährlichen Weges. Er kann jetzt scheitern. Wenn es geschieht, müsste er hoffen, dass ein anderer Club noch einen Trainer haben möchte, der dann als ein Gestriger gelten würde.

Als der FC Schalke vor Wochen gegen Borussia Dortmund hoch verlor, klangen die »Magath raus«-Rufe im Stadion noch verhalten. Mit einem Mal, nach der 0:5-Niederlage gegen Kaiserslautern, steigern sie sich zu einem Schlachtruf der Verzweifelten. Als das Desaster vorüber ist, flüchtet Magath nach München. Der Fleischfabrikant Tönnies, der Magath zum FC Schalke geholt hat, will ihn zur Rede stellen, aber Magath weicht ihm aus. Zum ersten Mal in seiner Schalker Zeit drückt er sich vor der Konfrontation.

Felix Magath taumelt. Und plötzlich trauen sich Ehemalige, die bisher still waren, öffentlich über ihn zu reden: Olaf Thon, ein früherer Nationalspieler, kritisiert Magaths Personalpolitik in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Rudi Assauer sagt: »Hier brennt der Baum.«

Von einem Plan B ist die Rede, drei Tage nach dem verlorenen Spiel, am Dienstag dieser Woche. Wer könnte kommen, wenn Magath gehen muss? Im Gespräch ist Christian Gross, bis vor kurzem noch Cheftrainer des VfB Stuttgart. Mit Gross hat Horst Heldt aus dem Vorstand des FC Schalke gut zusammengearbeitet, als er noch in Stuttgart war. Und Gross besitzt Autorität. Der Fleischfabrikant, der die Geschicke des FC Schalke bestimmt, braucht wieder einen Retter.

Mehr als sonst achtet Felix Magath seit Wochen darauf, dass aus seinem Führungskreis nichts mehr nach außen dringt. Wie bei einer Aktiengesellschaft kann jedes Gerücht aus dem Vorstand eine brisante Information enthalten. Deswegen ist es Magath wichtig, die Indiskretionen zu stoppen, die Quellen der wabernden Geschichten zu verstopfen. Magath hat einem Unterhaltungsprogramm den Ton abgedreht.

Als Rudi Assauer noch Manager des Clubs war, saß er oft in seinem großen Eckzimmer und hielt Hof. Einmal, während eines Interviews mit der ZEIT , klopfte sein Finanzvorstand an die Tür, steckte seinen Kopf ins Zimmer, und Assauer sagte: »Das ist Schnusi, der macht bei uns die Kasse.« War Assauer nicht anwesend, lästerten alle über ihn, einen Anlass gab es immer. Aber wenn er in den Raum trat, fragte jeder: »Rudi, was meinst du dazu?«

Die Geschichte des Fußballs ist eine Geschichte der Patriarchen, und die Schalker Demokratie ist nicht das Ergebnis einer Volksbewegung, sondern eine brodelnde Mischung aus Anarchie und Oligarchie, ein bisschen wie in Russland.

Louis van Gaal, der Trainer des FC Bayern, versucht sich als Alleinherrscher, viele Trainer haben es früher so gemacht, Magath ist keine Ausnahme. Trotzdem ist etwas anders bei ihm. Er hat so sanfte Insignien, den Tee, die modischen Brillen, die zurückgenommene Stimme. Er kläfft nicht in Mikrofone, er hat sich in der Öffentlichkeit im Griff. Er herrscht, aber er ist kein Patriarch, denn das Volk kümmert ihn nicht.

Oft stand Rudi Assauer vor der Fensterfront in seinem Büro und musterte die Nachwuchsspieler draußen auf dem Trainingsplatz. Von jedem 15-Jährigen wusste er, ob die Eltern noch zusammenlebten oder sich getrennt hatten, ob es in der Schule Ärger gab und der Großvater noch ins Stadion ging.

Felix Magath kann das nicht wissen, weil er selten im Büro arbeitet. Er führt die Geschäfte meist von unterwegs, er telefoniert im Auto, im Restaurant, im Fernsehstudio. Assauers natürlicher Ort war der Fensterplatz am Ernst-Kuzorra-Weg 1, Magaths natürlicher Ort ist das Separée einer beliebigen Hotellobby. Assauer brauchte einen unermüdlichen Blick, Magath braucht unermüdliche Akkus für sein Handy.

Aber was bleibt, wenn ein Verein geführt wird wie ein Dax-Unternehmen? Wenn er zusammengestrichen wird auf einen Tabellenplatz und eine Jahresbilanz?

Als Schalke 1958 zum letzten Mal deutscher Meister wurde, pinselte ein Schlachter in Gelsenkirchen seine Schweine blau-weiß an und trieb sie durch die Straßen. Die Kirchenglocken begannen zu läuten, und eine Stadt verliebte sich in sich selbst.

Es gibt Eltern, die ihr Neugeborenes zuerst beim FC Schalke anmelden, danach beim Einwohneramt.

Es gibt einen Fan in Oberammergau, der zu jedem Spiel in Deutschland auf dem Moped fährt.

Es gibt einen Soziologieprofessor, der seine Katze Schalke taufte.

Es gibt gegnerische Fans, die über den FC Schalke behaupten: »Wer bei denen auf der Ehrentribüne sitzt, darf woanders gar nicht ins Stadion.«

Es gab einen Präsidenten, der seine Krampfaderkliniken in den Ruin trieb und sich danach auf die Bahamas absetzte.

Es gibt einen Pfarrer, der in der Arena eine Kapelle einrichtete und sich vor Anfragen nach Heiratsterminen nicht retten kann.

Es gab Vereinssitzungen, auf denen sich Funktionäre mit Fäusten schlugen.

Das alles kann man für Wahnsinn halten, aber es ist der ganz gewöhnliche Wahnsinn der Daily Soap Schalke 04.

Der Aufsichtsrat schreibt am Mittwoch dieser Woche eine neue Folge, das große Thema: Magath.

Beim Fototermin mit der ZEIT, zwei Wochen zuvor, war es kalt in der Arena, aber Magath stand da, vollkommen unbewegt, heiter wie im Karibikurlaub. Fotografen bewundern ihn dafür. Die meisten Menschen zappeln vor der Kamera ungeschickt herum, Magath kann sein Lächeln einfrieren.

Plötzlich rief er herüber: »Wissen Sie, was ein Mundloch ist?« Er zeigte auf das große Loch im Bauch des Stadions, durch das die Zuschauer auf die Ränge gelangen.

»Das Mundloch«, rief Magath, »kannten Sie das?«

Nein, nur das Wort Arschloch.

»Arschlöcher«, antwortete Magath, »kenne ich einige.«

Danach kam der Pressesprecher angelaufen und bat darum, das Zitat mit dem Arschloch zu streichen.