Sie gehören zu den Guten. Peter Leppelt und Wulf Bolte lieben Technik, sie sind Freunde des Fortschritts. Ihre schicken Büros in einem edel renovierten Hannoveraner Hinterhaus hätten um die Jahrtausendwende erwarten lassen, sie seien die Inhaber einer hochgejazzten Dotcom-Firma. Ebenso ihre Berufe: Leppelt, 33, ist Informatiker, Bolte, 30, Kommunikationsdesigner. Doch die beiden erfinden keine neuen Internetdienste, sozialen Netzwerke oder iPhone-Apps. Sie sind auf der Höhe der Zeit: Sie beraten zunehmend verwirrte und irritierte Privatmenschen darin, wie sie sich gegen den wachsenden Datenhunger von Wirtschaftsunternehmen, staatlichen Stellen und Netzkriminellen wehren können.

»In den kommenden Jahren wird die Hilfe, die wir anbieten, so normal werden wie eine Steuerberatung«, sagt Peter Leppelt. Allerdings versucht der Steuerberater in der Regel nicht, seinem Klienten alle Feinheiten des Steuerrechts nahezubringen. Anders Leppelt und Bolte: Sie wollen schon, dass ihre Kunden wenigstens so einigermaßen verstehen, was die digitale Umzingelung für sie bedeutet. Denn nur Wissen, sagen sie, erlaube in der Welt von Google und Facebook, von Smartphones und netzgestützten Navigationsgeräten, von funkenden Autos und sendender Kleidung noch einen halbwegs souveränen Umgang mit den eigenen Daten. Wer die Dienste ihrer Firma Praemandatum (auf Deutsch: Steckbrief) nutzt, bucht daher immer auch eine Art Technologieseminar.

So etwas kann nerven. Die meisten Anwender wollen Technik nur benutzen, nicht verstehen. So geht es eigentlich auch meiner 19-jährigen Tochter Charlotte und mir, als wir uns in die Beratung begeben. Wir haben allerdings beide das Gefühl, nicht mehr einschätzen zu können, wer unsere privaten Daten zu welchen Zwecken sammelt und interpretiert. Charlottes Laptop soll als Versuchsobjekt für die Umrüstungsmaßnahmen herhalten, die die Experten möglicherweise vorschlagen werden. Eine Erstberatung für Datenverunsicherte ist kostenlos; wenn man sich für die konkrete Sicherheitsüberholung entscheidet, zahlt man je nach Aufwand zwischen 300 und 500 Euro.

Selbst wer Google meidet, landet in den Schleppnetzen des Konzerns

Schon die lange Checkliste mit Fragen dazu, welche elektronischen Geräte wir verwenden und welche Internetdienste wir nutzen (alle Antworten werden übrigens handschriftlich notiert, der Bogen bleibt beim Ratsuchenden), führt uns drastisch vor Augen, wie viele Facetten des Lebens inzwischen online stattfinden oder von Computern erfasst werden. Fährt man zum Beispiel (wie ich es tue) mit dem Auto zur Arbeit, hat man mindestens drei Möglichkeiten, elektronische Spuren zu hinterlassen: Auf der Autobahn scannt das bundesweit installierte Mautsystem Nummernschilder – alle Nummernschilder, nicht etwa nur die der mautpflichtigen Lkw. Hat das Kraftfahrzeug darüber hinaus ein Navigationssystem mit Rücksendekanal, dann lädt das Gerät Kartenmaterial und Staumeldungen aus dem Netz herunter – das ist komfortabel. Zugleich weiß aber der Anbieter dieses Dienstes auch bis auf ein paar Meter genau, wo der entsprechende Wagen sich gerade befindet.

In Zukunft werden Autos zudem immer häufiger mit »Car to car«-Kommunikation ausgestattet sein – ein Vorläufer sind jene praktischen Abstandssensoren, die beim Rückwärtsfahren mit wildem Gepiepse darauf hinweisen, dass man sich einem Hindernis nähert. Nicht lange, und sie werden auch mit Ampeln kommunizieren, damit man nachts nicht mehr an einer leeren Kreuzung warten muss. Das grundsätzliche Problem dabei: Immer häufiger sind Kleingeräte – Mobiltelefone, Armbanduhren oder eben die Bordcomputer von Autos – in der Lage, miteinander spontane nutzerunabhängige Netzwerke zu bilden. Normalmenschen wie wir, die nicht über technisches Spezialwissen verfügen, verstehen weder, wie diese Netzwerke funktionieren, noch bemerken sie sie überhaupt – und haben deshalb auch keinerlei Kontrolle darüber, welches Gerät welche Daten an welche Firmen oder andere Geräte überträgt. Beim Neuwagenkauf wird man kaum je auf diese Nachteile hingewiesen – und eine Deaktivierung der »Car to car«-Funktion muss man sich geradezu ertrotzen, weil der nette Verkäufer überhaupt nicht versteht, was man um Himmels willen dagegen haben könnte. Ist doch so praktisch! Aber diese Diskussion übernehmen Leppelt und Bolte gern für ihre Kunden. Bei »Privatsphärenwunsch« raten sie ansonsten zur Benutzung von Land- und Bundesstraßen und zur Verwendung nicht vernetzter Navigationsgeräte, die mit CDs funktionieren.