Wenn die Euro-Zone auseinanderfällt, dann deshalb, weil Deutschland sich zu wenig für ihre Rettung engagiert hat. Umgekehrt gilt aber auch: Wird sie gerettet, dann ist das Deutschland zu verdanken. Die deutsche Staatskunst befindet sich vor der größten Herausforderung seit den friedlichen Revolutionen und der Wiedervereinigung vor 20 Jahren. Bisher hat die politische Führung von Europas Zentralmacht diese Herausforderung nicht angenommen, aber den Deutschen bleiben ja noch ein paar Wochen, um ihr Können unter Beweis zu stellen. Danach könnte es zu spät sein.

Wir befinden uns schon im zweiten Akt der Euro-Zonen-Krise. Der erste Akt der griechischen Tragödie wurde dramatisch, weil sich die Bundeskanzlerin wie Hamlet verhielt: Sie zögerte im Frühjahr zu lange, als deutsche Medien und die Öffentlichkeit sich vehement gegen die Rettung der verschwenderischen Griechen aussprachen und die Besorgnis laut wurde, das Bundesverfassungsgericht könne den Milliardenkredit für verfassungswidrig erklären. In dramatischen Verhandlungen wurde im Mai dieses Jahres dann doch ein großer europäischer Rettungsschirm aufgespannt. Im Herbst entschloss sich die deutsche Regierung zu einem noch nachdrücklicheren Vorgehen. Sie schnappte sich Nicolas Sarkozys Frankreich und verkündete im Oktober, man müsse die mit der Umschuldung überforderten Staaten der Euro-Zone mit langfristig wirksamen Bestimmungen unterstützen und gleichzeitig disziplinieren.

Als Teil dieser deutschen Therapie müssten Investoren sich bei schwachen Staatsanleihen auf Verluste einstellen. Langfristig gedacht, ist das durchaus richtig. In den letzten Jahren sind mehrere Länder vom Rand der Euro-Zone unter anderem deshalb in einen solchen Schlamassel geraten, weil die Kredite zu billig waren – es überstieg die Vorstellungskraft der Märkte, dass ein Staat der Euro-Zone zahlungsunfähig werden könnte.

Zunächst einmal schreckte die Ankündigung Investoren davon ab, weitere riskante Staatsanleihen zu kaufen. Forderungsverzicht? Nein danke. Das deutsche Vorgehen beschleunigte also den in Irland begonnenen zweiten Akt des Dramas. Nouriel Roubinis Wirtschaftsberatung prognostizierte für Portugal: »In den kommenden Tagen und Wochen werden die Märkte einem ähnlichen Muster folgen wie im Fall von Griechenland und Irland: Abstreiten, noch mehr Abstreiten, Verwirrung in der EU, Panik auf den Märkten, Rettungspaket.« Doch noch immer findet sich genügend Geld für die Rettung Portugals.

Richtig heiß wird es mit Spanien werden. Laut Anleihemarkt-Insidern hofft die spanische Regierung, sich bis Ende Dezember fast neun Milliarden Euro leihen zu können, nächstes Jahr vielleicht 90 Milliarden. Falls der Markt das Verleihen zu sehr verteuert, wird der nächste Notfall Spanien heißen. Dann wären wir beim dritten Akt angelangt. Der deutsche Hamlet müsste sich entscheiden. Sein oder Nichtsein, das wäre dann die Frage.

Da Wähler, Medien und Verfassungsgericht in Deutschland es nicht zulassen werden, dass die Mai-Bescherung sich in größerem Maßstab wiederholt, gibt es nur zwei Wege. Die Euro-Zone könnte auseinanderfallen, eine Art Club Med an der Peripherie und ein um Deutschland konzentrierter nordeuropäischer Kern würden sich in unterschiedlichen Währungsgebieten wiederfinden. Die meisten Deutschen halten einen solchen Kollaps der Euro-Zone für undenkbar. Das erinnert an Morgensterns berühmtes Gedicht von Palmström, der an einer für Kraftfahrzeuge gesperrten Straße überfahren wird und zu dem Schluss kommt, dass er gar nicht überfahren wurde, »weil nicht sein kann, was nicht sein darf«. Aber Palmström wurde wirklich überfahren – und die Euro-Zone kann wirklich auseinanderbrechen.