Vor hundert Jahren hätte man uns vermutlich alle als Neurastheniker eingestuft, als nervenmüde Zeitgenossen, gefangen in einem wahnhaften Aktionismus, der uns ständig vorwärtspeitscht – und uns doch nie bei uns selbst ankommen lässt. Statt in unserer jeweiligen Handlung aufzugehen und im besten Falle den Flow, den Rausch des konzentrierten Schaffens erleben zu können, fühlen wir uns fahrig, fremdgesteuert und irgendwie nur halb anwesend. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind nicht nur die Ruhe zum Denken und zum konzentrierten Arbeiten, sondern auch die Wertschätzung unseres Lebens.

»Wir beobachten, dass im Online-Zeitalter viele Menschen die Fähigkeit verlernt haben, geistig und seelisch offline zu gehen, also abzuschalten«, sagt Götz Mundle , Ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, in denen Erkrankungen wie Sucht, Burn-out und Depressionen behandelt werden. Die meisten seiner Patienten bemerkten gar nicht, wie stressig das ständige Kommunizieren sei. »Wir wissen, dass wir bei einem Bürojob körperlichen Ausgleich benötigen, daher gehen viele ins Fitnessstudio. Den wenigsten ist aber bewusst, dass auch die Informationsflut geistig verarbeitet werden muss«, sagt Mundle. Das Problem seiner Patienten sei es nicht, Höchstleistungen zu erbringen. »Im Gegenteil, das Problem ist, abzuschalten und nichts zu tun.«

Es ist schon erstaunlich: Mit unserem Körper gehen wir längst pfleglicher und klüger um als mit unserem Geist. Unzählige Diätratgeber lehren uns, beim Essen Maß zu halten, wir machen Frühjahrs- und Herbstkuren und achten auf den body-mass-Index. Doch all das, was in Bezug auf das Essen Common Sense ist, scheint im Umgang mit Informationen nicht zu gelten. Dort frönen wir häufig einer ungezügelten Völlerei, überreizen unser Denkorgan mit zu vielen, falschen oder unwichtigen Informationen und kommen kaum auf den Gedanken, dass unser Gehirn dies alles ja verdauen muss und dass es – wie jedes Organ – Zeiten der Regeneration braucht.

»Auf die Balance kommt es an«, sagt Ernst Pöppel. »Menschen brauchen immer beides: den Austausch mit anderen Menschen, aber auch den Bezug zu sich selbst, die innere Autonomie«. Und gerade an Gelegenheiten, sich selbst zu begegnen, fehle es heute vielen Menschen. »Stille ist essenziell, um sich konzentrieren zu können. Sie nimmt den Druck von uns, der durch den Lärm von außen entsteht.« Der Kommunikationsterror, dem wir permanent ausgesetzt seien, sei geradezu Gift. Pöppel sagt deshalb gerne: »Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.«

Der Hirnforscher hat seine Erfahrungen im Andechser Isolationsbunker nicht vergessen. »Ich habe daraus gelernt, dass ich es einmal im Jahr brauche, mich von der Welt zurückzuziehen.« Dann reist er einige Wochen in den Schwarzwald und geht dort täglich drei bis vier Stunden spazieren. »Muße hat für mich viel mit Gehen zu tun«, sagt Pöppel. »Der Physiker Hermann von Helmholtz sagte einmal, er könne überhaupt nur im Gehen denken. Ich erlebe das ähnlich: Im Gehen kommen mir die besten Ideen.«

Dass schon der Anblick von Wiesen und Bäumen einen erholsamen Effekt hat, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen. Im Gegensatz zu einer städtischen Umgebung wird unser Gehirn in der Natur nicht ständig mit neuen Reizen bombardiert und kann sich auf einer Almwiese oder beim Blick aufs Meer besonders gut regenerieren. Wie der amerikanische Psychologe Marc Berman demonstriert hat, muss man dazu nicht einmal ins Gebirge oder an den Strand fahren; um den entspannenden Effekt zu erzielen, reicht ein Spaziergang durch einen Park.

Berman stattete an der University of Michigan Studenten mit GPS-Empfängern aus und ermunterte sie zu einem Spaziergang; die einen promenierten durch ein Arboretum, die anderen durch die Stadt. Beide Gruppen wurden psychologischen Tests unterzogen. Ergebnis: Wer durch die Stadt geschlendert war, war tendenziell schlechter gelaunt, geistig weniger leistungsfähig und unaufmerksamer als diejenigen Studenten, die sich unter Bäumen entspannt hatten. Ein zweites Experiment brachte noch Erstaunlicheres zutage: Schon das Betrachten eines Naturpanoramas auf einem Foto wirkte sich vorteilhafter auf den Geisteszustand aus als das Betrachten einer Straßenszene.