Sonia Gandhi ist Führerin der regierenden Kongresspartei und damit die mächtigste Person Indiens. Ihr Wort hat Gewicht. Wenn sie nun davon spricht, dass der Preis für Indiens schnellen Wachstum ein "schrumpfendes moralisches Universum" sei, dann wird sie gehört.

Im Boomland Indien brodelt es. Unter der glitzernden Oberfläche von zuletzt fast neun Prozent Wirtschaftswachstum steigt die Unruhe, verschärfen sich die politischen Konflikte. Minister und Provinzchefs müssen gehen. Der Oberste Gerichtshof wendet sich gegen den Premierminister. Der Rechnungshof sieht im Staatsbudget eine Lücke von vielen Milliarden Rupien. Und die Times of India, Indiens größte englischsprachige Zeitung, schreibt dazu, dass die Kongresspartei "in Sachen Korruption verwundbar bleibt".

Das hatte es bisher nicht gegeben in der Geschichte der indischen Wirtschaftsreformen, die das Land in den vergangenen 20 Jahren von Grund auf verwandelt haben. So ging bisher die Sage. Doch plötzlich zeigt sich, was viele Jahre nur verborgen geblieben war: "Geldgier und Bestechlichkeit nehmen zu", sagt Gandhi. Sie weiß genau, wovon sie redet und welche Gefahr dies für die politische Stabilität bedeutet. Schon einmal fiel in Indien eine Regierung der Korruption zum Opfer. Vor der Zeit der Reformen. Es war die Regierung ihres verstorbenen Ehemannes Rajiv Gandhi. Der einstige Premierminister stürzte 1989 über einen Bestechungsskandal um Waffenlieferungen. Zwei Jahre später ermordete ihn ein tamilischer Attentäter.

Die Chronik des jüngsten Skandals: Am Anfang ging es laut indischem Rechnungshof um umgerechnet 30 Milliarden Euro vergeudeter Staatseinnahmen. Die Regierung verschenkte sie bei der regelwidrigen Vergabe von Mobilfunklizenzen. Weder in Indien noch etwa in China waren bislang solche Summen im Spiel. 30 Milliarden Euro entsprechen dem Sechsfachen des Gesundheitsbudgets in einem Land, in dem jährlich zwei Millionen Kinder aufgrund mangelnder Gesundheitsvorsorge sterben. Mit anderen Worten: Die Veruntreuung von Steuergeldern tötet. Das wusste auch der Oberste Gerichtshof und bezeichnete die Angelegenheit in einem außergewöhnlichen Schreiben an den Premierminister als "sehr, sehr ernst".

Der schwarze Peter ging zunächst an Andimuthu Raja, der vor Kurzem als Minister für Kommunikation und Informationstechnologie zurücktreten musste. Raja, ein Rechtsanwalt aus der Kaste der Unberührbaren, vertrat die im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu regierende DMK-Partei im Kabinett. Für Sonia Gandhi war er einer ihrer wichtigsten Koalitionspartner – und genoss deshalb lange Zeit Narrenfreiheit.

Anfang 2008 hatte Raja 122 neue Mobilfunklizenzen erteilt. Der Rechnungshof fand heraus, dass 85 von 122 Lizenzen illegal vergeben worden waren, weil die Firmen Dokumente gefälscht und so die Regeln nicht eingehalten hatten. Zudem hatte niemand die Dokumente überprüft. Schlimmer noch: Rajas Ministerium hatte die Lizenzen zu Preisen von 2001 verkauft. Wer eine bekam, dem war es ein Leichtes, anschließend Aktienanteile seiner Firma illegal, aber teuer zu verkaufen. Allein damit nahmen die profitierenden Firmen laut Rechnungshof umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro ein. Die aus dem Aktienverkauf erzielten Gewinne waren ein klarer Beweis für den in Wahrheit viel höheren Wert der Lizenzen. Zu den Käufern zählten auch der russische Telekom-Konzern Sistema und die norwegische Telenor-Gruppe.

Doch nicht nur die Politiker trugen Schuld, auch die Firmen, die sich auf die regelwidrige Lizenzvergabe einließen und dafür möglicherweise hohe Bestechungsgelder zahlten. Unter Korruptionsverdacht stehen nun große Namen der neuen indischen Privatwirtschaft wie zum Beispiel Reliance, Indiens zweitgrößter Mobilfunkkonzern, der dem Milliardär Anil Ambani gehört.

Die neuen Wachstumsbranchen galten bisher als sauber

Erstmals gerät damit eine neue Vorzeigebranche des Wirtschaftswunderlands Indien in den Verdacht der Vetternwirtschaft. Dass Bürokraten und Unternehmer in den alten staatsnahen Industrien wie Waffenhandel, Bergbau und Lebensmittelhandel mauscheln, war in Indien immer ein offenes Geheimnis. Doch in den jungen Branchen Software und Telekommunikation, die erst nach den Reformen der neunziger Jahre groß wurden, sollte das anders sein. Auch deshalb ist Indien gerade auf das Mobilfunkgeschäft stolz: Mit über 650 Millionen Nutzern ist das Land nach Kundenzahlen der zweitgrößte Mobilfunkmarkt der Welt. Jeden Monat kommen 16 Millionen Nutzer dazu, bis 2015 sollen es insgesamt 1,1 Milliarden sein. Das hat neben Sistema und Telenor viele andere ausländische Konzerne wie Vodafone, Docomo und die deutsche Allianz verleitet, ins indische Mobilfunkgeschäft zu investieren. Doch nun warnen indische Analysten, dass weitere Auslandsinvestitionen nach den neuen Enthüllungen unwahrscheinlich sind.