Der Mann, der Irland neu aufbauen will, hat erschreckend gute Laune. Gerade hat Eamon Gilmore von seiner Kindheit auf einer Farm in der Grafschaft Galway im Westen der Insel erzählt. Es gab, berichtet der Sozialdemokrat, damals ein Gemeinschaftserlebnis, das ihn bis heute prägt. Zur Erntezeit kam eine Dreschmaschine ins Dorf, und in Windeseile mussten die Bauernfamilien die Ährenbündel heranschaffen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. "Alle haben sich dabei geholfen, keine Familie hätte das allein geschafft. Zusammen haben wir die Ernte maximiert." An meitheal , sagt Gilmore, laute die gälische Bezeichnung für dieses Zusammenstehen. An meitheal ist heute auch die Botschaft des studierten Psychologen, der nach den angekündigten Neuwahlen der erste Labour-Premierminister der Insel werden möchte.

An meitheal wird jetzt also das irische Yes we can, oder wie? Gilmore lacht, das Rotweinglas in seiner Hand wackelt. "Es steckt etwas davon drin, ja!", antwortet er. Der 55-Jährige mit dem Seitenscheitel und der randlosen Brille wirkt eher wie ein Schuldirektor als wie einer, der sein Land aus der größten Wirtschaftskrise seiner Geschichte führen soll. Gilmores Labour Party würden laut Umfragen derzeit fast 30 Prozent der Iren ihre Stimme geben; in einer Koalitionsregierung würde ihm ein Führungsposten zufallen.

In einer Buchhandlung in Dublins Shoppingviertel stellte Gilmore dieser Tage sein neues Buch vor, eine Textsammlung über "Menschen, die mich inspiriert haben". Furchtbar viele Zuhörer sind nicht gekommen. Draußen schieben sich tütenbeladene Einkäufer fröhlich durch die vorweihnachtlich glitzernden Gassen rund um die Grafton Street. Louis Vuitton, hört man, mache dieses Jahr gute Geschäfte, und der Juwelier um die Ecke bietet dutzendweise Armbanduhren für mehrere durchschnittliche Monatsgehälter im Schaufenster an. Sieht so ein Land aus, das derart pleite ist, dass es auf den Finanzmärkten keine Kredite mehr bekommt?

Tja, sagt Gilmore, die Iren fänden eben schnell das Vertrauen zu sich und ihrem Land zurück. Der Optimismus, den der Mann versprüht, klingt trotz des Wahlkampfauftakts aufrichtig. Doch sind die gebeutelten Iren aus kontinentaleuropäischer Sicht vor allem ein Problem, eben weil sie gegenüber ihren Euro-Partnern in den vergangenen Jahren alles andere als an meitheal praktiziert haben. Im keltischen Boom nach der Euro-Einführung haben die Iren viel mehr verbraucht , als sie geerntet haben. Die Banken der Insel warfen seit den neunziger Jahren mit Krediten für Häuser, Autos und Luxusgüter nur so um sich, und die Bevölkerung griff gierig zu. Eine Bekannte von ihm, erzählt ein Parlamentsabgeordneter, habe für ihre Familie eine Ferienwohnung in Portugal kaufen wollen. Als sie mit dem Bankmitarbeiter die Finanzierung habe besprechen wollen, habe der gefragt, warum sie denn nicht gleich zwei nehmen wolle. Die Vermietung der einen könne den Kredit der anderen bedienen. "Die Sache endete in einem Desaster", sagt der Abgeordnete. So wie seiner Bekannten erging es vielen.