Religionsfreiheit"Der Islam ist eine deutsche Religion"

Tariq Ramadan über die Kunst, zugleich Muslim und Europäer zu sein von 

Muslimischer Intellektueller: Tariq Ramadan in Oxford

Muslimischer Intellektueller: Tariq Ramadan in Oxford  |  © Jean Sebastien Evrard/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Professor Ramadan, in Europa macht sich eine Stimmung gegen den Islam breit. Minarette, Burkas und Kopftücher werden verboten. Deutschland debattiert über integrationsunwillige Muslime. Warum diese Zuspitzung?

Tariq Ramadan : Unsere westlichen Gesellschaften sind verunsichert durch die Globalisierung. Auch die Einwanderungsströme gehören dazu. Aber entscheidend ist das Sichtbarwerden des Fremden. Darum erregen sich die Leute über Moscheebauten, Minarette, Kopftücher, andere Hautfarben, Sprachen und Gerüche in ihren Vierteln. Wenn gegen die angebliche Islamisierung der Städte protestiert wird, geht es um die Sichtbarkeit einer fremden Religion, die dazugehören will. Das ist neu. Solange das Fremde nicht dazugehört, kann man leichter damit leben.

Anzeige

ZEIT : Seit Jahren leben wir mit der Terrordrohung im Namen des Islams.

Ramadan : Gewalt im Namen der Religion vergiftet die Debatte. Wir Muslime können die Augen nicht davor verschließen, dass dies die Wahrnehmung des Islams beeinflusst. Doch handelt die Islam-Debatte von unserer europäischen Identität. Sie ist hochpolitisch: Auf dem ganzen Kontinent bilden sich Parteien, deren Wahlerfolg davon abhängt, Misstrauen zu schüren. Sie füttern das Gefühl der Verunsicherung, man könne nicht mehr Deutscher oder Niederländer sein wegen dieser Einwanderer.

ZEIT: Der deutsche Präsident hat gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Er wurde angegriffen, auch aus dem eigenen Lager.

Ramadan : Diese Identitätsfragen übersteigen die Bindungskraft der politischen Lager. Sie können heute Menschen auf der Linken finden, die sehr scharf gegen den Multikulturalismus polemisieren, und auf der Rechten gibt es welche, die einer pluralistischen Gesellschaft offen gegenüberstehen. Ihr Präsident hat etwas Offensichtliches festgestellt: Wenn es Millionen von Muslimen in Deutschland gibt, ist der Islam natürlich auch eine deutsche Religion. Der Islam ist eine europäische Religion, er ist ein Teil von Europas Geschichte und Gegenwart. Er ist nicht das ganz andere, er ist für Europa nichts Äußerliches mehr, bei sieben Millionen Muslimen in Frankreich, drei Millionen in England, vier in Deutschland.

ZEIT : Ebendies macht vielen Angst. Wie kommt man vom Hiersein zum Dazugehören?

Ramadan : Es hilft nicht, wenn sich die Haltung breitmacht: Was auch immer diese Leute tun, sie können nicht zu uns gehören, denn ihre Werte sind nicht die unseren, ihre religiösen Dogmen und Praktiken sind anders. Den Muslimen sage ich: Ein Bürger zu sein bedeutet nicht nur, die Gesetze zu achten und die Sprache zu sprechen. Ich muss loyal zu meinem Land stehen, weil ich das Beste für es will. Nur so wird die Wahrnehmung eines unlösbaren Konflikts zwischen Muslimsein und Europäertum verschwinden.

ZEIT: Zweifeln nicht auch viele Muslime, ob man zugleich Muslim und Europäer sein kann?

Ramadan : Die erste Generation von Muslimen war ungebildet, sie waren Arbeiter und wussten wenig über ihren Glauben. Die heutige dritte Generation stellt endlich Fragen, das ist gut. Unsere Eltern sagten, ein Muslim zu sein heißt so zu sein wie wir. Und die Gesellschaft hat signalisiert: So wirst du nie einer von uns. Das Neue entwickelt sich durch diesen Konflikt. Vor 25 Jahren wurde ernsthaft gefragt, ob es in Ordnung ist, als Muslim auf Dauer unter Ungläubigen zu leben. Das ist vorbei. Ich sage jungen Muslimen: Du bist ein Westler, du gehörst zu diesem Land, engagiere dich dafür.

ZEIT : Zu wenige Muslime vertreten das offen.

Ramadan : Wir haben zwei Problemgruppen: die kleine Minderheit von Ultrakonservativen, die so genannten Salafiten, und schließlich diejenigen, die Gewalt religiös rechtfertigen. Ich kämpfe gegen beide. Diese Gruppen profitieren allerdings davon, wenn gesagt wird, der Islam könne nicht integriert werden. Ihre Führer können dann den jungen Leuten sagen: Wir haben es doch immer gesagt, die wollen euch nicht, die werden euch nie akzeptieren, weil ihr Muslime seid! Die radikalen Islamisten benutzen so den Diskurs der Islamophoben, um junge Leute zu rekrutieren. Es gibt also eine objektive Allianz zwischen Islamhassern und extremistischen Muslimen. Und dann haben Letztere immer irgendwelche Verse aus dem Koran zur Hand, in denen negativ über Christen oder Juden gesprochen wird. Und schon scheint die Ablehnung des Westens eine unabänderliche historische Tradition zu sein, seit den Tagen des Propheten. Das ist Geschichtsklitterei. Die Muslime müssen aufhören, die westlichen Gesellschaften für alle Übel verantwortlich zu machen. Kompromittieren wir unsere Religion, wenn wir uns verwestlichen? Ich sage, dass es keinen Glauben ohne Entwicklung gibt.

Leserkommentare
  1. haben doch eine Gemeinsamkeit,Grundlage ihrer Religion ist der auch schon von ihnen angesprochene Koran .
    Dieses schreiben (Eine Art Grundgesetz des Islam )aber,räumt besonders Männern ganz besondere Rechte ein .
    Inwiefern ist das mit dem Europäischen Rechtsstaat Kompatibel?

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Tengri
    • 04. Dezember 2010 17:49 Uhr

    Gute Frage.
    Die Türkei ist ein laizistischer Staat. Ist das mit dem Koran kompatibel?
    Sind die Tora oder das alte Testament mit der europäischen Auffassung eines Rechtsstaats kompatibel?

    welche (praktikbelen) Lösungsvorschläge haben sie?

    • hthswa
    • 05. Dezember 2010 21:56 Uhr

    http://de.wikipedia.org/w...

    Abschnitt Positionen
    """Tariq Ramadan setzt sich für die da'wa ein, die islamische Mission in Europa. Ihr Ziel sei, dass die Europäer den Islam freiwillig annähmen, ohne jedoch ihre Sprache oder Sitten ablegen zu sollen, solange diese mit der Scharia vereinbar seien. Ramadan wendet sich dagegen, die Europäer arabisieren oder turkisieren zu wollen. Auch wendet er sich gegen die Auffassung, dass Europäer als Harbis keinerlei Rechte hätten."""
    _____________________________________________________________

    Tariq Ramadan toleriert also uns Europäer, solange unsere Gesetze mit der Scharia vereinbar sind.

    Das bedeutet: Sind unsere Gesetze nicht mit der Scharia vereinbar, so sind diese Gesetze ungültig.

    Und ich Thor dachte bisher genau umgekehrt.

    Kommt jetzt Multi-Kulti intensiv auf uns zu?

    Welchen Weg schlägt die ZEIT ein?

    Gruß
    hthswa

    • RobJir
    • 06. Dezember 2010 1:44 Uhr

    Doch wird der Mensch immer aufgeklärter.

    Hier ein paar Bibelverse:

    Zur Strafe für die Erbsünde beauftragt Gott, den Mann, über die Frau zu Herrschen! (Gen.3,1-24)

    Frauen sollen in der Versammlung schweigen, es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden. (1 Kor 14:34)

    Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. (Eph. 5,24)

    Deswegen denke ich aber noch lange nicht, dass Christen von vornherein chauvinistisch und frauenfeindlich wären...

    • rho
    • 04. Dezember 2010 17:37 Uhr

    Es gibt keine deutschen Religionen, sondern Religionen die in Deutschland vertreten sind und ggfs. hier wichtige Praegungen erfuhren (z.b. durch Luther).

    23 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Diese semantische Unschärfe scheint mir eine gezielte Provokation zu sein. Herr Lau ist alles andere als ein Anfänger.

    sein Motiv war, Ihre Formulierung ist präziser als die des Professors.

  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie differenziert und sachlich. Danke, die Redaktion/mk

    50 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mag sein. Aber auch Religionen sind Wandel ausgesetzt, denn sie sind nicht starre Kopfgebilde, sondern Interpretationen, die sich generationsmäßig abwandeln. Warum trauen wir den Muslimen nicht zu, das fertig zu bringen? Die Bibel ist nicht minder frauenfeindlich, herrisch, homophob, brutal und verachtend, und trotz allem hat sich eine liberale, aufgeklärte europäische Gesellschaft herausgebildet.

    Ich denke, das ist auch im Islam möglich.

    • evelote
    • 04. Dezember 2010 17:40 Uhr

    Die Ansichten in diesem Interview sind leider wunschdenken und entbehren der Realitaet. Tatsache ist wohl, dass sich die Grenzen oder Ablehnungen verstaerken. Grund dafuer ist in erster Linie der radikale Islamismus mit dem verbundenen Terrorismus. Leider, leider wird von Muselmanen in DL zuwenig Stellung gegen den Terrorismus genommen. Die Bedrohungen sind real und verursachen Unbehagen. Wem will man das verdenken. In einer ""vorterroristischen Zeit"" hat sich niemand um andere Religionen gekuemmert. Deutsche sind zu ueberwiegender Mehrheit tolerant und nicht auslaenderfeindlich. Eher schon "gleichgueltig" so nach dem Motto, "glaub was du willst". Muselmane mit deutscher Staatsanghoerigkeit sind ja auch keine Auslaender.

    24 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Durchaus lesenswert was Tariq Ramadan als Intellektueller so mitteilt. Ich hätte nur wenige Einwände die ich jetzt aus Bequemlichkeit nicht darstelle. Aber er formuliert eben Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche.
    Genau !

    • u.t.
    • 04. Dezember 2010 18:49 Uhr

    die Klientel schon an ihrer bewusst gewählten Wortwahl.

    Also, @evelote, warum titulieren Sie Menschen mit dem herabsetzenden "Muselmanen".

    Und spielen Sie nicht den Scheinheiligen. Sie wollen beleidigen.

    • NDM
    • 05. Dezember 2010 15:52 Uhr

    "Tatsache ist wohl, dass sich die Grenzen oder Ablehnungen verstaerken. Grund dafuer ist in erster Linie der radikale Islamismus mit dem verbundenen Terrorismus. Leider, leider wird von Muselmanen in DL zuwenig Stellung gegen den Terrorismus genommen."

    Eine Ablehnende Haltung gegenüber den Terrorismus sollte man als gegeben voraussetzen können. Entsprechende Stellungnahmen gab es jedoch von vielen Seiten. Sogar in einigen fundamentalistischen Milieus.

    Stellen Sie es sich einmal spiegelbildlich vor. Müsste nicht die Tatsache, dass Sie Deutscher sind, dazu führen, dass Sie täglich mit Nazis gleichgesetzt werden und sich demzufolge sehr häufig vom deutschen Nationalismus distanzieren? Vermutlich kann man an Ihren alltäglichen Aussagen erkennen, dass Sie nicht zu den Mordlüsternen "Volksgenossen" gehören, demzufolge werden Sie auch nicht täglich mit einem Nazivorwurf belästigt.

    Ein großes Problem bezüglich des gewaltbefürwortenden Islamismus ist jenes, dass die Mehrheit überhaupt nicht weiß, welchen Partikularströmungen(idR Salafismus) des Islam der Terrorismus denn tatsächlich zuzuordnen ist. Der Mensch denkt in Kategorien und Vorurteilen. Dies hat zur Folge, dass, wenn man nicht besser informiert ist, zunächst einmal alle Moslems Terroristen sind - und alle Deutschen Nazis. Dem kann man *nur* mit Information begegnen.

    • arinari
    • 04. Dezember 2010 17:45 Uhr

    H. Ramadan spricht aus, wie sich der Islam entwicklen müßte.. eine seltene Stimme. Nur erlebt man zu selten, dass schon eine Bewegung der islam. Befreiung unterwegs ist. Eine theoretisches Gespräch, welches nur die Zukunft und die Wünsche bzgl. des Islams beschreibt.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Tariq Ramadan gehoert z. Zt. zu dem Rinnsal, der einen aufgeklaerten Islam praktiziert. Im Vergleich zum Strom konservativ bis fundamentalistischer Koran-Ausleger und zum traegen Meer der rueckwaertsgewandten, traditionsverhafteten Bevoelkerungsmassen.

    Aber vielleicht besteht ja langfristig Hoffnung.

    • Tengri
    • 04. Dezember 2010 17:49 Uhr

    Gute Frage.
    Die Türkei ist ein laizistischer Staat. Ist das mit dem Koran kompatibel?
    Sind die Tora oder das alte Testament mit der europäischen Auffassung eines Rechtsstaats kompatibel?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierten Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag

    Sie sind ein ganz gewitztes Kerlchen. Kommen mit dem AT und dem GG. Wollen Sie ernsthaft dem AT für den Deutschen den gleichen Stellenwert wie dem Koran für den Mohammedaner als Handlungsgrundlage im täglichen Leben zuweisen?

    • 04. Dezember 2010 19:20 Uhr

    Um Ihnen mal den Unterschied klar zu machen:
    http://www.youtube.com/wa...

    • Guofu
    • 04. Dezember 2010 17:50 Uhr

    Der Islam ist eine Religion in Deutschland, aber der Islam ist keine "deutsche Religion".So einfach ist das.
    Das Christum ist auch eine Religion in China, zumal heute 100 Millionen Chinesen Christen sind.Aber das Christum ist keine "chinesische Religion", weil eine größere chinesische christliche Gemeinschaft in China erst seit der Neuzeit existiert.Dabei sind die allermeisten Christen in China Chinesen, die allermeisten Muslime in Deutschland sind ausländische Einwanderer.Von den 4 Millionen Muslimen in Deutschland sind nur ca. eine Million Menschen deutsche Staatsbürger, die wiederum meistens türkische Einwanderer sind.

    27 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xl
    • 06. Dezember 2010 12:00 Uhr

    Ihnen ist vermutlich klar, daß somit das Christentum ebenfalls keine Deutsche (oder auch Europäische) Religion ist? Wenn überhaupt könnte man den Protestantismus als Deutsch bezeichnen, wobei es natürlich den Deutschen Nationalstaat zu Luthers Zeiten auch noch nicht gab.

  3. über die schiene des gebildeten muslim, an die herzen der europäer zu kommen.

    23 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Tariq Ramadan ist in Rotterdam nicht länger als Integrationsadviseur erwünscht.
    Im August 2009 kündigte die Stadt Rotterdam darum die Vereinbarung auf, nach der er als Integrationsadviseur tätig war.

    Der Grund war, daß Ramadan wöchentlich ein Diskussionsprogramm auf dem Iranischen Sender Press TV präsentiert, der durch das umstrittene Regime in Teheran finanziert wird.

    „Weil Ramadan selbst Gegenstand der Diskussion geworden ist, kann er unmöglich länger Leitung geben an den Dialog in dieser Stadt.”
    Im April 2009 ließ Bürgermeister Ahmed Aboutaleb (von marokkanischer Herkunft) sein Unbehagen durchblicken bei einer Ratssitzung: „Wir können diese Konstruktion aussitzen, aber mein Tip ist: nicht noch einmal.”

    http://www.nrc.nl/binnenl...

    ikke1000 sagt:
    Er wurde bestimmt nicht von seinem Posten als Integrationsadviseur entbunden, weil er den Dialog auf ebendiesem iranischen Fernsehsender positiv in einer für uns Europäer gewünschten Richtung beeinflusst hat.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Allianz | Feminismus | Glaube | Islam | Kopftuch | Koran
Service