Versuchen kann man es, sich John Lennon als 70-Jährigen vorzustellen, mit Hängebäckchen, Tränensäcken und ergrautem Indianerhaar. Vielleicht hätten er und Yoko eine Love and Peace University gegründet oder wären in Sachen Klimaschutz aktiv. Vielleicht würde er heute dem Dalai Lama Konkurrenz machen, als Dauergast auf den Podien dieser Welt. Aber nein, es geht nicht, die Fantasie streikt bereits im Ansatz. Der heilige John ist einer jener Helden der Popkultur, die ewig jung bleiben werden. Sein Tod vor 30 Jahren hat den Prozess der Ikonisierung abrupt zum Stillstand und damit zur Vollendung gebracht.

Paul McCartney, dem alten Kumpel und Dauerkonkurrenten, ist das zweifelhafte Glück vorbehalten, bis ins hohe Alter über die Lande zu ziehen und Beatles-Messen zu zelebrieren, John Lennon hingegen bleibt dieser seltsam jugendliche Typ mit der Nickelbrille, ein Posterboy, großer Bruder und Ersatzguru. Mit den Schüssen des geistig verwirrten Fans Mark Chapman, am 8. Dezember 1980 auf den Stufen des New Yorker Dakota Building abgefeuert, ging nicht einfach eine Ära zu Ende, sie öffneten der Mystifizierung eines gewöhnlichen Sterblichen Tür und Tor. Denn so will es das Gesetz: Wer früher stirbt, ist länger tot. Entsprechend schwer ist es, ihn nachträglich wieder zum Leben zu erwecken.

Wer war John Lennon? Der Mann, der Imagine schrieb, aber was ist da sonst noch? Give Peace a Chance wurde zur Lagerfeuerhymne, doch erinnert sich jemand an die Details der Lennonschen Weltmission? Es sind die Schmuckschubereditionen und Prachtausgaben, die das Bild bestimmen, Gedenkfetische in Form neuer Coffeetable-Erzeugnisse, die mit dem Versprechen, den wahren John zu zeigen, Fotostrecken voller lachender Beatles und kreischender Teenager aufwärmen. Noch einmal sollen wir das Poesiealbum der Sechziger aufblättern, die Klassikermaschine läuft, kommende Woche landet punktgenau ein Film über Lennon in den Kinos, und die Witwe hat auch noch mal zugeschlagen.

Wer nun aber die größte Lennon-Wiederveröffentlichungsoffensive aller Zeiten dazu nutzt, sich beispielsweise sein digital restauriertes Spätwerk in geballter Form zu Gemüte zu führen, macht eine überraschende Entdeckung. Fremd ist er uns geworden, dieser Lennon. Die Musik: mit Ausnahme der Handvoll Hits zerfasert, ausufernd und ohne Pointe. Die forcierten Hippieglaubensbekenntnisse bei gleichzeitiger Defätistenattitüde: schwer erträglich. Yokos tremolierender Weltverbesserungssopran: zum Davonlaufen. Das Album mit Coverversionen früher Rock-’n’-Roll-Titel, das Lennon nach den Torturen der Beatles-Jahre eine verlorene Unschuld zurückgeben sollte: auf geradezu groteske Weise misslungen. Man könnte auf die ketzerische Idee kommen, das Werk selbst habe die Zeiten nicht annähernd so gut überstanden wie das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben.

Der Befund ist auch deshalb erstaunlich, weil es Lennon selbst war, der an der Schwelle zu den Siebzigern ein Leben nach dem Ruhm ins Auge fasste. Während Ringo und George trotz einiger Achtungserfolge die Scheidungskinder der Beatles-Familie blieben und Paul sich bald auf die Rolle des Nachlassverwalters besann, gab John, furios vorauseilend wie immer, den Bilderstürmer. »I don’t believe in Kennedy, I don’t believe in Buddha, I don’t believe in Mantra, I don’t believe in Gita, I don’t believe in Yoga, I don’t believe in kings« – gnadenloser als im Song God ist den Götzen der Sechziger nie abgeschworen worden. Auch an Elvis, Bob Dylan und die Beatles wollte John Lennon nicht mehr glauben, genützt hat es ihm nichts. Der Lennon-Kult, ein tragischer Fall nachgetragener Liebe: Je verbissener er seinen Fans davonlief, desto hartnäckiger blieben sie ihm auf den Fersen.