Woody Allen ist so berühmt, dass er offenbar jeden Schauspieler kriegen kann, und sei er noch so berühmt. Das Geheimnis besteht aber darin, dass er die bekannten Namen dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen. Er scheint die Gabe zu besitzen, das Eigentümliche an ihnen zur Geltung zu bringen. Das gilt auch für den grandiosen neuen Film Ich sehe den Mann deiner Träume .

Anthony Hopkins zum Beispiel spielt ja sonst eher den Charakter des unheimlich stillen und tiefen Wassers (man erinnere sich nur an den undurchdringlichen Butler in dem Film Was vom Tage übrig blieb). Hier scheut er sich nicht, durchsichtig bis auf den Grund zu sein, und dieser Grund ist nicht sehr tief. Hopkins heißt Alfie und ist ein älterer Mann, der sich weigert, das in der Ferne sichtbare Ende beherzt ins Auge zu fassen. Er setzt auf den Zauber des Anfangs, trimmt sich am Trainer, trommelt sich wie ein Pennäler auf den brettharten Bauch und strahlt, als wäre er nicht gescheit. Aber sein Strahlen hat etwas Trauriges, und zwischendurch werden seine Augen ganz blicklos, als wäre in ihnen schon die Stumpfheit des Alters, das er nicht wahrhaben will.

Er kündigt die Ehe mit Helena auf und wirft sich einem Callgirl an den beträchtlichen Busen. Geld genug hat er, und so kauft er ihr ein monströses Apartment mit Glasfront zur Themse (wir befinden uns im heutigen London). Das macht sie so geil, dass sie ihn zu Boden ziehen will, er aber guckt auf die Uhr und sagt: "noch drei Minuten". Viagra braucht seine Zeit. Die Sexbombe wird von Lucy Punch bis zur Karikatur gespielt, und der Einzige, der nicht kapiert, dass sie ihn ruinieren und mit einem Fitness-Burschen betrügen wird, ist der arme Alfie.

Seine arme Gattin Helena ist nach einem Selbstmordversuch auf gutem Wege. Gemma Jones spielt die recht resche Dame, die sich mit Whisky tröstet und den haltlosen Verheißungen einer gerissenen Wahrsagerin blind vertraut, wahrhaft bravourös, und es ist meisterhaft, wie Woody Allen diese Séancen zum geheimen Regiezentrum macht und den gemeinen Gott, der sich Zufall nennt, zum Regisseur all der Geschichten, die der Film ineinanderwirkt.

Es ist Zufall, dass Alfies Schwiegersohn, der gescheiterte Schriftsteller Roy (Josh Brolin), auf das geniale Manuskript eines eben tödlich verunglückten Kollegen stößt, es als sein eigenes ausgibt und als Star gefeiert wird; Zufall auch, dass er in der Wohnung gegenüber ein traumschönes Mädchen (Freida Pinto) in einer erotischen Szene erblickt. Sie steht zwar kurz vor der Hochzeit, Roy jedoch, getragen vom Schwung seines Erfolgs, gelingt es, ihr Begehren vom verreisten Bräutigam weg- und auf ihn selber hinzulenken.

Die Fenster zum Hof und ihre Blickachse, mit der die Affäre begann, spielen am Ende eine umgekehrte Rolle. Während Roy sich anschickt, die frisch Eroberte final zu beglücken, sieht er in seine frühere Wohnung hinüber, sieht wie seine Ex-Frau Sally sich ebenso verführerisch entkleidet wie die neue. Hat sich der Tausch gelohnt? Auch Naomi Watts muss sich das fragen. Sie spielt Sally, die ebenfalls eine Affäre laufen hat, leider eine erfolglose. Die Wetterlandschaften der Hoffnung und Enttäuschung, der Verliebtheit und der Verbitterung, die über ihr Antlitz huschen, sind Glanzstücke der Schauspielkunst.

Im Original heißt der Film You Will Meet a Tall Dark Stranger . Den treffen wir alle einmal, wie Roy leichthin bemerkt, was aber keiner der von ihrer Jagd nach Liebe und Glück getriebenen Helden wirklich wissen will. Am Ende scheitern alle außer Helena. Im letzten Bild sinkt sie zwar nicht dem großen, dunklen Fremden an die Brust, sondern ihrem kleinen, dicklichen Antiquar, aber glücklich ist sie, als wärs ein reines Rührstück. Das ist es nicht, denn rüde schneidet Woody Allen alle andern Fäden ab. Muss nicht der Schwindel des Schein-Genies Roy, so fragen wir uns besorgt, in Kürze auffliegen? Und was wird aus Alfie, dessen Blondine ein Kind erwartet, aber sicherlich nicht von ihm? So erbarmungswürdig betrogen hat selten ein Mann aus der Wäsche geschaut wie Hopkins. Eine derart traurige Geschichte derart heiter erzählen, das kann nur der große Woody Allen.