Vor einem Jahr stilisierte man die Weltklimakonferenz in Kopenhagen zu "Hopenhagen" hoch, da waren die Wirtschaftsdaten genauso schlecht wie die Klimadaten. Diesen Herbst freut sich die deutsche Wirtschaft an einem "XL-Aufschwung wie aus dem Lehrbuch" (Brüderle), und kaum jemand erwartet etwas von der anstehenden Konferenz in Cancún. Dabei sind die Klimadaten noch besorgniserregender: 2010 dürfte wieder ein Rekordhitzejahr gewesen sein, die Gletscher schmelzen schneller ab als prognostiziert, die am Ende des Jahrhunderts zu erwartende Erhöhung des Meeresspiegels wurde nach oben korrigiert. Und wenn sie eintritt, kann man 2100 in Cancún weder konferieren noch Urlaub machen.

Was hat Kopenhagen tatsächlich gebracht? Einen weltweiten Konsens, die Erderwärmung auf 2 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, aber nicht den völkerrechtlich verbindlichen Vertrag, der dieses Ziel nachprüfbar in die Praxis umsetzt. Mit den freiwilligen Zusagen des "Copenhagen Accord" landet die Welt bei 3,5 Grad plus oder mehr. Was ist von Cancún zu erwarten? Wenn es gut geht, Fortschritte im Bereich der Wiederaufforstung und Milliarden für die Klimaanpassung in den besonders betroffenen Ländern des Südens. Mehr nicht. Um Spielräume für zukünftiges multilaterales Handeln zu schaffen, muss Europa einen Plan B entwickeln.

Wie sieht die zweitbeste Lösung aus? Plan B setzt auf Klimapolitik von unten, nationale und internationale Koalitionen der Willigen, auf Bündnisse zwischen Kommunen, Unternehmen, Wissenschaft und Bürgergesellschaft. Je größer dieser Flickenteppich aus Initiativen wird, desto mehr wächst er zu einem fairen Klimaabkommen zusammen. Wem Klimaschutz zur Abwehr zukünftiger Risiken zu abstrakt ist, bekommt andere Argumente für eine klimaverträgliche Entwicklung: Energiesicherheit, Unabhängigkeit von Erdöl- und Gaskartellen, neue Jobs durch grüne Wirtschaftszweige, Reduzierung der Umweltschäden und Gesundheitsschutz.

Wer macht mit? Während die USA nach der von den Demokraten verlorenen Wahl zum High-Carbon-Museum der Weltwirtschaft zu werden drohen, stellen viele andere Länder die Weichen um. China hat den zweitgrößten Windenergiepark der Welt und könnte zum globalen Pionier der Elektromobilität werden; ein gutes Dutzend klimaverträglich wirtschaftender Regionen sollen zu Laboratorien einer grünen Wirtschaft ausgebaut werden. Wenn China nun auch ein Emissionshandelssystem aufbaute und es mit Europa abstimmte, müsste sich jedes Land fragen, ob es noch an die High-Carbon-Wirtschaft glaubt. Grüne Weichen werden in so unterschiedlichen Ländern wie Indonesien, Mexiko, Südkorea, Südafrika, Indien und Äthiopien gestellt.

Auch Unternehmen geben Beispiele. Zuletzt der Supermarktriese Wal-Mart, der seine Wertschöpfungsketten klimaverträglich umbauen will. Oder der Chemiekonzern Bayer, der seine Zukunft in der Entwicklung von Materialien für energieeffiziente Städte sieht. Selbst die deutsche Autoindustrie hat inzwischen verstanden, dass Mobilität jenseits spritfressender Motoren möglich sein muss. 

Und die Politik? Sie bleibt wichtig. Denn obwohl viele Länder und Unternehmen klimaverträgliche Veränderungen angehen, reicht die Geschwindigkeit des Wandels bisher nicht. Die Politik müsste von einer moderierenden Rolle, die allen Wohl und niemandem Weh will (wie im Energiekonzept der Bundesregierung), zu aktiver Führung übergehen, also klare Ansagen mit Bonus und Malus machen.

Der größte Fortschritt seit dem letzten Jahr ist, dass sich Bürger in vielen Ländern selbst aufgemacht haben, den Stein des Sisyphus nach oben zu wälzen, als Konsumenten, im außerparlamentarischen Protest und auch als Wähler. Alleine werden sie es nicht schaffen, aber ohne sie geht nichts mehr.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, Dirk Messner Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik.