Kniefall von Warschau Er kniete auch für uns

Bundeskanzler Willy Brandts große Geste vor 40 Jahren wurde in der DDR zunächst verschwiegen.

War es Kalkül? Der es wissen musste, sagte: Nein. »Ich hatte nichts geplant«, schrieb Willy Brandt 1988 in seinen Erinnerungen über den 7. Dezember 1970. »Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.«

Egon Bahr , damals Staatssekretär im Bundeskanzleramt, war etwas zu spät beim Warschauer Denkmal für die Opfer des Ghetto-Aufstands angelangt. Er stieg aus und näherte sich »der dichten Menge von Journalisten und Photographen [...] – da wird es plötzlich ganz still. Daß dieses hartgesottene Völkchen verstummt, ist selten. Beim Nähertreten flüstert einer: ›Er kniet.‹« Gesehen habe er das Bild erst, als es um die Welt ging, so erinnerte sich Bahr 1996 in seinem Buch Zu meiner Zeit. »Den Freund zu fragen, habe ich mich auch am Abend beim letzten Whisky gescheut.«

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Das Bild. Längst zählt es zur Ikonografie des 20. Jahrhunderts. Wann kam mir der kniende Brandt erstmals vor Augen? Im elterlichen Pfarrhaus stand 1970 noch kein Fernsehapparat. Und die Zeitungen der DDR? Deren Flaggschiff Neues Deutschland berichtete auf den Seiten 1 und 2 drei Tage lang ausführlich von Brandts Warschau-Reise – ohne jegliches Foto. Wichtig war der Text. Der Bundeskanzler und der polnische Ministerpräsident unterzeichneten den »Vertrag über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehung«. Er besiegelte Bonns Anerkennung der polnischen Westgrenze, wie sie die alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs im Potsdamer Abkommen gezogen hatten. 

»Dutzende Kameras waren auf die Staatsmänner gerichtet, als sie ihre Unterschriften unter die Vertragstexte setzten«, so schrieb ND- Reporter Horst Iffländer mit zäher Tinte. »Danach tauschten Józef Cyrankiewicz und Willy Brandt die ledergebundenen Dokumentenmappen aus.« Was für Repräsentanten! Der Pole hatte Mauthausen und Auschwitz überlebt, der Deutsche war Exilant gewesen. Cyrankiewicz hatte bereits 1950 das Görlitzer Abkommen unterzeichnet. Darin akzeptierte die DDR namens ihres Ministerpräsidenten Otto Grotewohl auf sowjetisches Geheiß jene »Oder-Neiße-Friedensgrenze«, die den CDU-geführten Bundesregierungen dann noch zwanzig Jahre lang als bloße Demarkationslinie galt.

Erst mit der Ostpolitik der sozialliberalen Regierung Brandt/Scheel begann vor vierzig Jahren die europäische Entspannung. Der ND- Kommentator lobte den Vertrag korrekt als Ende der revanchistischen Gebietsforderungen »gegenüber Polen, an dessen Volk der deutsche Imperialismus während des zweiten Weltkriegs unsagbare Verbrechen beging«. Die Formulierung barg eine bekannte Selbstabsolution: Die DDR als sozialistischer Bruderstaat warf sich keinerlei NS-Vergangenheit vor. Nazis, Imperialisten, Ewiggestrige – derlei Gelichter bevölkerte Westdeutschland. Mit den »Bonner Ultras« verband uns »nichts, aber auch nichts«.

Und dann kniete Brandt – nicht im Neuen Deutschland. Reporter Iffländer: »In den frühen Morgenstunden hatte Willy Brandt [...] Warschau besichtigt und am Grabmal des Unbekannten Soldaten sowie am Denkmal der Ghettohelden Kränze niedergelegt.« Der Unterschied zwischen beiden Reverenzen stieß vielen Polen auf. Weltweit blieb nur der Kniefall erinnerlich. Noch Bundespräsident Roman Herzog verwechselte 1994 den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 und die Erhebung der polnischen Armia Krajowa, der Heimatarmee, im Sommer 1944.

Durfte Brandt knien?, titelte am 14. Dezember 1970 der Spiegel. 48 Prozent der befragten Bundesbürger fanden die Geste übertrieben, 41 Prozent angemessen. Man darf vermuten, dass in der DDR die Zustimmung höher lag. Brandts überragende Popularität hatte sich bereits im März 1970 erwiesen, als der Kanzler in Erfurt, vom Thüringer Volk umjubelt, mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph konferierte. Die »Politik der kleinen Schritte« führte letztlich zum Mauerfall, der »Wandel durch Annäherung« half den Kalten Krieg beenden.

Leser-Kommentare
  1. dass der Mauerfall damals mit W. Brandt eingeleitet wurde, auch wenn heute das immer wieder "vergessen" wird.
    Herr Kohl konnte nur das vollenden, (damals hat er diese Verträge sicher auch hart bekämpft) nur diese Früchte ernten.
    Auch für Gorbatschov war diese "Erwärmung" im Kalten Krieg von unschätzbarem Wert. Weil hier in Europa soviel Substanzielles geleistet wurde, hat der "Star War" eines Reagan nicht mehr Schaden angerichtet.
    Deutschland, sei froh, dass es mal einen W. Brandt gegeben hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • M.M.
    • 07.12.2010 um 10:32 Uhr

    Was für eine Geste, gemessen an den Worthülsen der "Betroffenheit" vieler anderer Politiker.
    Und bitte nicht vergessen, wie sehr Willy Brandt für diesen Kniefall mit Dreck beschmissen wurde.
    [...]
    Gekürzt. Bitte äußern Sie Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    • M.M.
    • 07.12.2010 um 10:32 Uhr

    Was für eine Geste, gemessen an den Worthülsen der "Betroffenheit" vieler anderer Politiker.
    Und bitte nicht vergessen, wie sehr Willy Brandt für diesen Kniefall mit Dreck beschmissen wurde.
    [...]
    Gekürzt. Bitte äußern Sie Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    • ar-men
    • 07.12.2010 um 10:28 Uhr

    ist unübertroffen.
    Nur Willy Brandt war zu solch einem angemessenen Tun ethisch und menschlich aus freiem Herzen in der Lage. Einfach ehrlich aus dem Moment heraus.
    Ich bin auf Willy Brandt dank eines alia Frahm aufmerksam geworden und bin ein Anhänger gewesen, seit ich die Hintergründe kannte.
    Ich bin nie wieder jemandes Anhänger gewesen und bin auch heute noch überzeugt: Willy Brandt war ehrlich
    und so etwas ist so selten, dass wir es heute gar nicht mehr erleben können in unserer überhöhten Welt mit ihren überhöhten Menschen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • M.M.
    • 07.12.2010 um 10:32 Uhr

    Was für eine Geste, gemessen an den Worthülsen der "Betroffenheit" vieler anderer Politiker.
    Und bitte nicht vergessen, wie sehr Willy Brandt für diesen Kniefall mit Dreck beschmissen wurde.
    [...]
    Gekürzt. Bitte äußern Sie Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

  2. bei dem ich vor Ehrfurcht immer noch eine Gänsehaut bekomme.
    Und vor allem ein großer Moment ohne unsägliches Pathos(wie umgangspsrachlich heute verwendet).
    Von allen bisherigen acht Bundeskanzlern, war auch nur Willi Brandt zu dieser Geste fähig. Nicht dass ich, abseits von Polemiken ;-), den anderen mangelndes Mitgefühl vorwerfen will, aber Willi Brandt war auch im Amt ein spürbar emotionaler Mensch, während die anderen ihre Emotionen eher versteck(t)en.
    Auch heute gelten offen gezeigte Emotionen im harten Geschäft der Politik als Zeichen von Schwäche, doch Brandts Kniefall vor den Opfern des Warschauer Ghettoaufstandes, stellvertretend für alle Opfer des NS-Regimes, war ein Zeichen von Stärke, trotz ehrlicher Demut, und hat dem relativ jungen, demokratischen Nachkriegsdeutschland mehr Respekt in der Welt verschafft.

    MfG
    AoM

    Eine Leser-Empfehlung
    • WHF
    • 08.12.2010 um 11:32 Uhr

    Brandt prägte mal den Begriff “Verzicht ist Verrat”.
    Für mich gilt seither : Höre nicht auf das Geschwätz von Politikern, messe sie ausschließlich an ihren Taten.
    Demnach war H.Frahm am Ende auch nur ein Verräter.

    Beim Kniefall zeigte Brandt sehr anschaulich in welcher Körperhaltung sich die BRD in die internationale Staatengemeinschaft einzureihen hat. Mit einem herausblitzenden Scheckbuch aus der Brusttasche wäre das Bild noch realitätsnäher geworden, aber man kann nicht alles haben.

    In weißer Vorrausicht hat der Schöpfer IM-Erika ohne Kniegelenke ausgestattet, somit bleibt uns zumindest eine kniende Merkel erspart.
    Die Merkel würde geradezu um die Wette knien, bis zum völligen Verlust der Selbstachtung, und darüber hinaus.
    Und das nicht nur in Warschau, nein, von Washington über Brüssel bis Tel Aviv, die Lefzen am Boden, das raumgreifende Hinterteil gen Himmel gestreckt.

  3. Brandts Akt am 7. Dezember 1970 vor dem Warschauer Denkmal für die Opfer des jüdischen Ghettoaufstandes von 1943 zeugt von äußerster Menschlichkeit und zeigt auf, dass Lassen die bessere Alternative zum Tun ist, denn Brandt ließ Falsches zu tun und tat das einzig wahre und richtige, indem er ließ zu tun. Man stelle sich nur vor, was er hätte alles tun können, doch er ließ es sein, eine simple Geste der Güte als eines Zeichens der Versöhnung zur Harmonisierung der deutsch-polnischen Beziehung. Brandt tat schon, er handelte und ließ das Wort ruhen, denn die Tat sagte mehr als jedes Wort; insofern ließ er Falsches und tat Richtiges am rechten Ort und zur rechten Zeit, sodass sich ein geschichtsträchtiger Moment, eine Situation der Erinnerungswürdigkeit, weil des Ausdrucks von menschlichem Gefühl im Angesicht einer geschichtsbewussten Verantwortung manifestierte. In der Hinsicht muss man Brandt mit Anerkennung begegnen, denn in Erinnerung an die Grauen und die Schrecken der nationalsozialistischen Vergangenheit und mit Vorsicht auf das Werdende, setzte er einen enormen Akzent zur Aussöhnung der Menschen deutscher und polnischer Herkunft durch einen Akt der Sühne und Reue, einem Bekenntnis zum Willen der Verständigung und des Ausgleichs; jedes andere Tun ließ er ungetan, denn er wusste zu tun, was getan werden musste - vergessen sollten wir in Erinnerung dessen niemals das Maß zwischen Tun und Lassen als einer menschlichen Intuition zum rechten Handeln oder eben zum Nicht-Handeln.

  4. ja, ich erinnere mich.
    der kniefall eines staatsmannes vor den opfern des zweiten weltkrieges.
    herr brandt gedachte ALLEN...
    den zivilen opfern, den militärischen und ideologischen
    opfern.
    das macht diese geste so einzigartig.

    jetzt könnte man auch hinterfragen, welche rolle der vatikan
    zu dieser zeit spielte...

    ich halte jetzt mein mäulchen...geschlossen.

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