Ein Sühnezeichen setzt, wer glaubt, Schuld auf sich geladen zu haben und um Vergebung bitten zu müssen. Sühne ist untrennbar mit einem sichtbaren, ja schmerzhaften Opfer verbunden, das der schuldig Gewordene zu leisten bereit sein muss.

Genau in dieser Lage befindet sich die Odenwaldschule. Dort, am Ende des idyllischen Oberhambachtals an der Hessischen Bergstraße, trieben in den siebziger und achtziger Jahren Päderasten wie der verstorbene Schulleiter Gerold Becker ihr Unwesen. 125 ehemalige Schüler haben sich bislang als Betroffene des systematischen sexuellen Missbrauchs zu erkennen gegeben. Alles spricht dafür, dass die Zahl der Opfer weiter steigen wird.

Eigentlich müsste die Odenwaldschule sogar ein zweifaches Sühnezeichen setzen. Denn sie hat doppelt Schuld auf sich geladen, in Gestalt der Täter und in Gestalt derer, die wegsahen. Es gab nicht einen Pädagogen an dieser Schule, der sich dem verbrecherischen Treiben mit Zivilcourage entgegengestellt hätte. Und als der Skandal 1998 zum ersten Mal öffentlich wurde, taten die Schule und ihr Betreiber, der Trägerverein und sein Vorstand, alles, um diesen Schandfleck zu vertuschen.

Dieser "Drei-Affen-Politik" des Nichthörens, Nichtsehens und Nichtsagens machte erst die Trägervereinssitzung vom 29. Mai dieses Jahres ein Ende. An diesem Tag wurde ein neuer Vorstand gewählt, der in seiner ersten öffentlichen Erklärung sofort zwei Prioritäten für die künftige Arbeit setzte: Zum einen sollte die Odenwaldschule – endlich – wieder auf zukunftsträchtige Gleise gesetzt werden. Dazu brauchte es eine Reform der seit den siebziger Jahren unverändert geltenden Leitungs- und Konferenzstrukturen. Es brauchte eine Modernisierung der Lehrpläne, eine Internationalisierung der Schülerschaft und vieles mehr. Eine Mammutaufgabe vor allem für die Schulleiterin Margarita Kaufmann und die an der Odenwaldschule tätigen Lehrer.

Für den Erfolg dieser Reformen war zuvor aber ein deutliches Signal nötig, dass sich die Odenwaldschule ihrer Epoche des sexuellen Missbrauchs stellen, sie aufarbeiten und endlich das Leid der Betroffenen anerkennen wollte. Dass das mit einer solchen Anerkennung verbundene Sühnezeichen substanzieller sein müsste als ein Entschuldigungsschreiben und eine Schachtel Pralinen, war allen Mitgliedern des Trägervereins klar, als sie die programmatische Erklärung des neuen Vorstands beklatschten.

Sechs Monate später ist von diesem Konsens nur wenig geblieben. Mit einer noch zu gründenden Stiftung will sich der Trägerverein der Odenwaldschule aus der Verantwortung stehlen. Jeder, der die vom Missbrauch Betroffenen unterstützen möchte, soll eine steuerlich absetzbare Spende leisten können. Zu diesen Spenden will dann auch die Odenwaldschule angeblich noch einen eigenen Beitrag hinzufügen – wie viel, ist unklar.

Dieses Konstrukt ist ein Fehlstart auf dem Weg hin zu tätiger Sühne. Nicht die Schule selbst bittet um Verzeihung. Sie lässt andere, die keine Verantwortung tragen, um Verzeihung bitten.

So kann es nicht gehen.

Bis zum vergangenen Sonntag gab es eine Alternative zu der Stiftungslösung. Sie sah vor, aus dem Vermögen der Schule bis zu 300.000 Euro an den Verein "Glasbrechen" zu zahlen. Er wurde im Spätsommer von einer Gruppe von Opfern sexueller Gewalt an der Odenwaldschule sowie Nichtbetroffenen gegründet. Ziel des gemeinnützigen Vereins ist es, den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Schon heute tun die Vereinsmitglieder – ehrenamtlich – das, was die Odenwaldschule bislang versäumt hat: Sie kümmern sich um die Menschen, ihre Mitschüler, deren Leben von Gerold Becker und Co. für immer beschädigt worden ist.