ZEITmagazin: Herr Kardinal Marx, kennen Sie persönliche Krisen?

Reinhard Marx: Innere Kämpfe kenne ich seit der Studienzeit. Aber die letzten Monate waren die schlimmsten meines Lebens. Was wir da erlebt haben an Auseinandersetzung, auch an Entdeckung, was die Schuld der kirchlichen Institutionen angeht. Der entscheidende Punkt ist für mich: Was will Jesus uns damit sagen?

ZEITmagazin: Haben die Missbrauchsfälle Ihren Glauben berührt?

Marx: Nur in dem Sinne, dass die Verborgenheit Gottes stärker wurde. Das ist nicht ungewöhnlich, dass es für einen geistlichen Menschen Phasen der Trockenheit gibt, Phasen des Aushaltens ohne Tröstungen. Ich habe schon als Kind die Erfahrung gemacht, dass Gott existiert, das war für mich unbestreitbar. Aber es gibt eben immer wieder Zeiten, in denen er unsichtbar ist, in denen er sich entzieht, und das ist schmerzhaft.

ZEITmagazin: Hätten Sie sich in den letzten Monaten auch am liebsten unsichtbar gemacht?

Marx: Ich bin auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen kaum U-Bahn gefahren, weil ich befürchtete, dass die Mitreisenden sofort das Thema Missbrauch im Kopf haben würden, wenn sie mich sehen. Man kennt mich ja in München. Einmal sprach mich ein Jugendlicher in der U-Bahn an: »Ich halte zwar nicht viel von der Kirche, aber in Ihr Kapital habe ich reingelesen, das ist nicht schlecht.«

ZEITmagazin: Hatten Sie Zweifel, ob Sie alles richtig gemacht haben?

Marx: Ach, natürlich. Ich fragte mich oft: Hast du etwas übersehen? Da kann man fast sagen: Gott sei Dank, dass ich noch nicht lange Bischof bin und manche Dinge wirklich nicht wusste.

ZEITmagazin: Gab es Krisen in Ihrem Leben, bei denen Sie selbst moralisch auf dem Prüfstand standen?

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Marx: Am Ende meiner Promotion geriet ich einmal in ein Konglomerat aus Intrigen. Ich war bereits Priester und stellte mir die Frage, wohin ich nun gehen will. Aber es lief alles hinter den Kulissen ab, und andere schienen über mich zu bestimmen – als wäre ich eine Figur auf dem Schachbrett. Ich sollte eine Stelle wahrnehmen, von der ein Älterer hätte verdrängt werden müssen. Das fand ich moralisch nicht in Ordnung, und es gab Streit. Die Situation hat sich dann dadurch aufgelöst, dass der andere versetzt wurde. Aber das hatte bei mir einen Nachgeschmack. Ich habe zum ersten Mal gemerkt, dass man aus bestimmten Situationen nicht glatt herauskommt. Es bewegte mich so, dass ich an beiden Händen einen Hautausschlag bekam. Der Arzt sagte zu mir: Man läuft schon mal rot an vor Wut und Ärger.