Christliche Publizistik ist der täglich gelebte Konflikt von Liebe und Zorn. Zwar wird die christliche Presse vom weltlichen Teil der Zunft gerne als Hort des arglos Guten belächelt. Tatsächlich jedoch müssen die über hundert christlichen Medien in Deutschland, kirchliche wie unabhängige, eine denkbar große Spannung aushalten: Dogma und Zeitung, geht das zusammen? Institutionalisierter Glaube und institutionalisierter Zweifel, lässt sich das verbinden?

Die Spannung ist nur scheinbar auf die konfessionelle Presse beschränkt. Tatsächlich rührt sie an ein unausgesprochenes Dilemma jedes Journalismus: Kann ich das Objekt meiner Beobachtung lieben – und bin trotzdem frei, es zu kritisieren? Können politische Reporter für Politik brennen, ja manchmal auch einer Partei oder sogar – horribile dictu – einem Politiker Verständnis entgegenbringen und trotzdem mit der gebotenen Schärfe ein Urteil fällen? In Kürze: Passen Zuneigung und Härte, Liebe und Zorn zusammen?

Der Rheinische Merkur , die katholisch geprägte Wochenzeitung aus Bonn , hat ihren Platz in diesem Zwiespalt stets gesucht und immer wieder gefunden. Ab dieser Woche erhalten Merkur -Abonnenten ihr Blatt als sechsseitige Beilage "Christ & Welt" in der ZEIT . Damit stellt sich die Frage neu: Wie weit reicht die Freiheit der christlichen Presse?

Der weltliche Journalismus tut sich für gewöhnlich mit der Liebe schwerer als mit der Härte – beim christlichen ist es umgekehrt. Die meisten Journalisten säkularer Medien würden wahrscheinlich rundweg bestreiten, den Akteuren und Gegenständen ihrer Berichterstattung mit "Liebe" zu begegnen. Sie verstehen ihre Unabhängigkeit als Distanz zum Sujet. Doch worauf fußen unabhängige Urteile? Wer Journalisten provozieren will, fragt: Bist du nur frei zur Kritik oder auch frei zur Zuneigung?

Für den weltlichen Kollegen besteht die Herausforderung also in der Klärung der Liebesfrage: Darf ich das – um Verständnis werben für die Schwierigkeiten von Politikern, das Richtige als richtig zu erkennen und dann auch noch durchzusetzen? Darf ich das – den Motiven eines Straftäters so lange nachspüren, bis der Leser plötzlich etwas spürt von dem psychischen oder moralischen Mangel, der einen Menschen zum Kriminellen werden ließ? Oder verrate ich damit meine Unabhängigkeit?

Für Journalisten, die sich nicht nur privat als Christen verstehen, sondern auch beruflich über Glaubensfragen schreiben, ist die Herausforderung eine andere: die Klärung ihres Verhältnisses zur Kritik. Wie kritisiere ich den Glauben, dem ich selber anhänge? Wie urteile ich über eine Kirche, der ich selber angehöre und die womöglich sogar das Medium finanziert, für das ich arbeite? Wie geht das zusammen, Kirche und Kritik?

Ein Anschein täuscht: dass dem weltlichen Journalismus maximale Freiheit innewohne, dem christlichen aber nur eine minimale. In einer Demokratie ist zwar die äußere Pressefreiheit gesichert, die innere aber muss jeder Journalist jeden Tag von Neuem mit sich selbst ausmachen. Dabei muss er seine Überzeugungen auch gegen sein eigenes Gewerbe verteidigen. Nicht jedes Medium legt gesteigerten Wert darauf, dass seine Angestellten ihr Gewissen mit zur Arbeit bringen: Im Journalismus-Kapitalismus kann ein Gewissen schnell geschäftsschädigend werden, wenn es Skrupel gebiert, die einem schönen Skandal im Weg stehen.

Kann darauf aber die Antwort wirklich lauten: Es fehlt den Medien manchmal ein liebender Blick? Und macht nicht Liebe blind, wo es die Aufgabe der Presse ist, hinzuschauen? In der abendländischen Metaphorik ist die Liebe im Herzen angesiedelt, und das Christentum meint, dass sie auch sehend machen kann. Mit dem Herzen sehen lernen – eigentlich gehörte dieses Fach in den Kanon jeder Journalistenschule. Einmal probeweise der eigenen Kritik die Zügel der Zuneigung anzulegen, zum Sujet, zu den Personen, zu den Konsequenzen meines Schreibens, könnte eine schöne Übung sein.