Heute lehrt Michael Bochmann, wie man durch Armdrücken eine Diagnose stellen kann. Vor 20 Schülern liegt eine Frau rücklings auf der Patientenliege und streckt ihren rechten Arm angespannt zur Decke. Auf einem Tisch stehen Pillen, Salben und Tropfen. "Wenn wir eine der Ampullen auf den Bauch der Patientin legen", sagt Bochmann mit sonorer Stimme, "können wir prüfen, ob sie auf den Inhalt reagiert." Ihr Arm, erklärt er, ließe sich dann leicht nach unten drücken. Willkommen in der Deutschen Heilpraktikerschule zu Leipzig.

Kinesiologie heißt die alternative Diagnosemethode; sie ist wohl Glaubenssache. Eine Schülerin fragt, warum eine Ampulle, deren Inhalt später als Medikament verabreicht werde, den Oberarmmuskel schwächen könne. Ein anderer will wissen, ob die Fläschchen auch durchs T-Shirt wirken. Bochmann wiegt den Kopf. Könnte vielleicht funktionieren. "Das ist Physik", sagt er. "Die Schwingungen der Atomkerne, der Elektronen lösen Stress und damit Schwäche aus."

Themen wie dieses lässt Bochmann in der ganzen Republik lehren. Der 50-Jährige ist nicht nur Dozent, sondern betreibt von Leipzig aus ein Dutzend Zweigstellen der Naturmedizin: Zwölf Filialen hat seine Deutsche Heilpraktikerschule schon, es ist eine Kette der Gesundheitsbranche. Ihr Logo – eine zarte Kamille vor grünem Hintergrund – ist in Hamburg, Dresden oder München zu finden. Nächstes Jahr will Bochmann in jedem Bundesland mit einem Franchising-Nehmer vertreten sein. "Wir wachsen langsam, aber kontinuierlich", sagt der umtriebige Heilpraktiker. "Wenn man das nicht tut, kommt schnell ein Größerer, und dann ist man weg."

Bochmann nutzt einen Trend: Immer mehr Deutsche vertrauen auf Alternativmedizin. Laut einer Allensbach-Umfrage haben 57 Prozent schon einmal homöopathische Mittel zu sich genommen. Tendenz steigend. In Bochmanns Leipziger Zentrale laufen derzeit fünf Lehrgänge parallel – für klassische Heilpraktiker und für alternative Psychotherapie. Der Schulleiter führt Wartelisten und bietet Interessenten mit wenig Zeit einen Fernkurs an. "Unsere Absolventen nehmen niemandem die Arbeit weg", sagt er, "zum Heilpraktiker gehen die Leute erst, wenn die klassische Medizin keinen Rat mehr weiß."

Reichlich 5300 Euro kostet bei ihm die Ausbildung, zu der sich überwiegend Frauen anmelden. Eine 25-Jährige arbeitet als Assistentin in einer Apotheke und will sich auf alternative Medikamente spezialisieren. Eine Mittvierzigerin belegt den Kurs, weil sie lange selbst schwer krank war: "Das Universum hat die große Keule rausgeholt, damit ich an meinem Leben etwas verändere", sagt sie – und träumt von einer eigenen Praxis. Genau wie jene 53-Jährige, die derzeit noch ein Fachgeschäft für Unterwäsche führt. "Ich würde gern im psychischen Bereich behandeln", sagt die Frau, die bald ihren Abschluss machen will.

Nach zwei Jahren prüft ein Amtsarzt die angehenden Heilpraktiker und fragt vor allem schulmedizinisches Wissen ab. "Wir haben eine hohe Erfolgsquote", sagt Bochmann. Bei anderen Ausbildern würden bis zu 90 Prozent der Schützlinge durch die Prüfung fallen. "Bei uns sind es nur 40 Prozent." Trotzdem macht am Ende nur jeder zehnte Schüler auch wirklich eine Praxis auf.

Er lehre keine Esoterik, keine Geistheilung, betont Bochmann. "Die Deutsche Heilpraktikerschule vermittelt nur, was nachgewiesen ist." Mit seiner athletischen Figur, den grauen Haaren und der randlosen Brille würde er auch als Oberarzt durchgehen. Das täuscht ein wenig darüber hinweg, dass auch in seinem Stundenplan Methoden stehen, an deren Wirkung durchaus Zweifel bestehen. Schröpfen, Eigenbluttherapie und Homöopathie bringen nach Ansicht vieler Schulmediziner nicht mehr als Placebos. Sie schaden allerdings auch fast nie, solange man nicht schwere Krankheiten damit zu bekämpfen versucht. Die Grenzen kennt Bochmann gut.